DIE ZEIT: Herr Karasek , Sie sind gerade mit Ihrem Buch Soll das ein Witz sein? auf Lesereise im ganzen Land. Unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche in dem, was sie witzig finden?

Hellmuth Karasek: Nein, der Sinn für Humor ist ähnlich, aber es gibt viele Späße auf Kosten der jeweils anderen, vor allem auf Kosten der Ostdeutschen.

ZEIT: Ihr Lieblingswitz über die Ostdeutschen?

Karasek: Der ist ziemlich hart. Also: Als endlich das Begrüßungsgeld ausgezahlt ist, wollen viele Ostdeutsche die neue Freiheit im Rotlichtmilieu von St. Pauli kennenlernen. Da geht ein Ossi zu einer Nutte und fragt: »Was bekomme ich denn für fünf Mark?« Sie guckt ihn an und antwortet: »Für fünf Mark kannst du dir maximal einen runterholen.« Der Mann geht weg und kommt zehn Minuten später wieder. Da fragt ihn die Prostituierte: »Was willst denn du schon wieder?«, und der Ossi antwortet: »Bezahlen.«

ZEIT: Erzählen Sie diesen Witz auch auf Ihren Lesungen in den neuen Ländern?

Karasek: Nein, eher nicht, aber einen anderen. Wollen Sie den noch hören?

ZEIT: Na gut.

Karasek: Als nach dem Mauerfall die sogenannte Spionen-Brücke – die Glienicker Brücke – freigegeben wird, fahren plötzlich wahnsinnig viele Ostdeutsche in den Westen. Die Polizei setzt eine Prämie aus für jeden tausendsten Fahrer, der über diese Brücke fährt. Einer davon ist ein Trabi-Fahrer. Die Polizei hält ihn an und sagt: »Guten Tag, Sie sind der tausendste Wagen, der hier drüberfährt, Sie bekommen eine Prämie von tausend Markt. Was machen Sie damit?« Der Mann antwortet: »Damit finanziere ich mir den Führerschein.« Die Frau auf dem Beifahrersitz schreit dazwischen: »Glauben Sie ihm kein Wort, der ist total besoffen.« Da ruft eine schwerhörige Oma von hinten: »Ich wusste gleich, dass es schiefgeht, mit einem gestohlenen Wagen rüberzufahren.« Zum Schluss ertönt eine Stimme – aus dem Kofferraum: »Sind wir schon drüben?«

ZEIT: Wie kommt dieser Witz hier an?

Karasek: Komischerweise ganz gut. Die Ossis lachen sehr herzlich darüber.

ZEIT: Was für ihren Humor spricht?

Karasek: Klar, die Ostdeutschen haben einen guten Humor. Sie können über sich selbst lachen. Bei mir zu Hause steht ein Band mit den beliebtesten Witzen aus der DDR. Die meisten handeln von der Mangelwirtschaft, der fehlenden Freiheit.

ZEIT: Bis zum Abitur haben Sie in der DDR gelebt. Hat man sich damals, in der Schule, viele Witze erzählt?

Karasek: Ja, aber das war in der Stalin-Zeit sehr gefährlich. Deswegen habe ich als Jugendlicher darauf geachtet, mich in der Öffentlichkeit nicht zu betrinken. Betrunken erzähle ich nämlich oft Witze.