Indien"Erstaunlich und frustrierend"

Die indische Ökonomin Jayati Ghosh erklärt, warum trotz Aufschwung die Armut so beharrlich bleibt. von 

DIE ZEIT: Das Wirtschaftswachstum bringt in keinem Land der Welt so wenig für die Armen wie in Indien. Das hat einmal der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen gesagt.

Jayati Ghosh: Leider ist das eine Wahrheit, die kaum jemand kennt. Unser Wachstum beruhte vor allem auf Liberalisierungsmaßnahmen auf dem Binnenmarkt und im Außenhandel, die in einigen Branchen einen Boom erzeugten. Beispiel Telekom. So wurde Indien zum bevorzugten Ziel internationaler Finanzinvestoren.

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ZEIT: Aber die indischen Mittelschichten haben doch selber mit profitiert.

Ghosh: Ja, Aktieninvestitionen in diese Unternehmen und andere neue Finanzmittel haben bei uns einen Kreditboom ausgelöst, der den Konsum in den wohlhabenden Bevölkerungsschichten beflügelte. Das führte zur schnellen Zunahme des Bruttosozialprodukts. Aber die öffentlichen Ausgaben für Sozialleistungen stiegen ebenso wenig an wie der Massenkonsum oder der Lohnanteil am Nationaleinkommen. So stiegen Profitanteile, und Finanzmarktaktivitäten nahmen zu, während die Sozialindikatoren abgrundtief schlecht blieben. Für die arme Hälfte der Bevölkerung hat sich fast nichts getan.

Jayati Ghosh

gehört zu den bekanntesten Ökonomen des Landes. Sie lehrt an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Delhi und sitzt in einer Kommission, die den Premierminister berät

ZEIT: Wie war es möglich, dass sogar das bettelarme Bangladesch bei den Sozialindikatoren Indien überholt hat?

Ghosh: Ganz einfach! Weil die Regierung von Bangladesch mehr tut. Seit zwei Jahrzehnten gibt sie pro Kopf mehr für die Grundbedürfnisse aus. Dazu gehören Bildung und Erziehung oder auch Straßen für jedes Dorf.

ZEIT: Mangelt es den Indern an sozialer Empathie? Sorgt das Kastensystem immer noch für die Verachtung der Armen?

Ghosh: Die Widerstandskraft des Kastensystems gegen die vielfältigen Einflüsse der Modernisierung ist erstaunlich und frustrierend. Es hat eine soziale Akzeptanz der gesellschaftlichen Hierarchie und Ungleichheit geschaffen, die alle Bevölkerungsteile betrifft, nicht nur Hindus, und in der Welt ihresgleichen sucht.

ZEIT: Was macht es für eine arme Frau wie Prabha Devi, die wir auf dieser Seite porträtieren, auch in dem wohlhabenden Stadtviertel Ihrer Universität so schwer, der Armut zu entkommen?

Ghosh: Ihr und den Erwachsenen ihrer Familie fehlt jeder Zugang zu anständiger Arbeit, deshalb muss sie sich viele Stunden am Tag für einen Niedriglohn schinden. Ihr fehlen die einfachsten hygienischen Einrichtungen, um die Gesundheit ihrer Familie zu schützen. Ihre Kinder bekommen eine schlechte Schulerziehung, die kaum Hoffnung auf bessere Arbeit macht. Das alles inmitten steigender Erwartungen, welche der jungen Generation die Geduld rauben.

ZEIT: Die Regierung plant, einen neuen digitalen Personalausweis für die Armen einzuführen, der ihnen ihre Rechte auf Lebensmittelrationen und andere staatliche Leistungen sichern soll, die bisher der Korruption zum Opfer fallen. Wird das den Armen helfen?

Ghosh: Es ist lächerlich, zu glauben, es gebe eine technologische Lösung für den sozialen Ausgrenzungsprozess. Wir brauchen allgemeine und qualitativ gute soziale Leistungen – wie Wohnungsbau, Sanitäranlagen, Nahrung, Erziehung und Krankenhäuser. Nur so wird jeder Bürger ein menschenwürdiges Leben führen können. Die neuen Personalausweise aber werden nur dazu dienen, dass man die Zahl der Leistungsempfänger reduziert. Sie sind ein sicherer Weg, um Ungleichheit und Armut zu vergrößern.

ZEIT: Im vergangenen Jahr sind erneut 1,7 Millionen Kinder in Indien verhungert. Was ist zu tun?

Ghosh: Statt des Wachstums des Bruttosozialprodukts müssen wir endlich die Sicherung der Grundbedürfnisse zum wichtigsten Ziel unserer Wirtschaftspolitik machen.

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