Um halb führ Uhr am Morgen, mitten in der indischen Hauptstadt Delhi, herrscht vor der Hüttentür der Slumbewohnerin Prabha Devi komplette Dunkelheit. Keine Straßenlaterne weit und breit, denn es gibt im Slum keine Straßen. Auch keine Hütte, an der eine Glühbirne brennt.

Dabei haben die Hütten Elektrizität. Doch alle Slumbewohner sind arm, alle sparen in der Nacht Strom. Nur ein winziges rotes Lämpchen an Devis Stromzähler wirft etwas Licht vor ihre niedrige Behausung. Vor der Schwelle stehen fünf Paar Flip-Flops in fünf verschiedenen Farben. Sie gehören Devi, ihrem Mann Ranjit Sharma und ihren Kindern Sachin, Punam und Shrichand. Sie schlafen alle noch. Durch einen Schlitz in der schiefen Wand sieht man sie zu fünft auf einem einfach gezimmerten Bett liegen. Drinnen brennt eine kleine rote Birne vor einem bunten Altar des Affengottes Hanuman.

Schon auf den ersten Blick ist die Armut, in der Devi lebt, überwältigend: ein Bett zu fünft, eine Hütte so groß wie ein Pferdestall, kein fließendes Wasser, kein Klo – und das mitten in Delhi im Bezirk Vasant Kunj, gleich neben der berühmten Jawaharlal-Nehru-Universität und einer neuen, teuren Shoppingmall. Wie aber ist das möglich: so große Armut inmitten so großen Reichtums? Eine Schlüsselfrage, überall auf der Welt, aber besonders in Indien.

Die Frage beantwortet Prabha Devi, indem sie dem Reporter erlaubt, einen ganzen Tag mit ihr zu verbringen, von frühmorgens bis spätabends. Ich darf ihr schon um fünf Uhr beim Aufstehen zuschauen, wie sie ihren sieben Meter langen Sari mit wenigen, eleganten Hüft- und Schulterbewegungen glatt zieht und plötzlich farbenfroh gekleidet im Morgendunkel steht. Doch die Begrüßung fällt flach. Denn gleich folgt für Devi der schwerste Gang des Tages: »Ich gehe jetzt in den Dschungel!«, ruft sie zurück in die Hütte.

Devis Eltern lebten als Mitglieder einer niedrigen Kaste am Rande eines Dschungels in einem Dorf. Für sie war der Gang in den Tropenwald nie leicht. Daher spricht Devi heute noch vom Dschungel, wenn sie in die Delhier Büsche zur Morgentoilette geht. Sie muss viele enge Gassen durchqueren, bevor sie vor einem Müllberg steht, hinter dem die Büsche wachsen. Sie befiehlt zurückzubleiben. Für Devi ist dies der Moment ihrer täglichen Demütigung: Sie muss im beißenden Gestank über den Müllberg gehen, zwischen den von Tausenden Bewohnern ihres Slums als Toilette benutzten Büschen einen freien Platz finden, sich dann als Frau an diesem Ort im Freien entblößen – viel schlimmer kann der Tag nicht beginnen. Devi verhehlt das nicht. Am liebsten würde sie nie wieder hierher zurückkommen. Doch das sagt sie nur dem Reporter. Im Alltag ist ihr der Gedanke nicht erlaubt.

Wenn ihr Mann am Vortag Arbeit hatte, kauft sie Gemüse ein

»Pssst!«, sagt sie, als sie wieder die Hütte betritt. Mann und Kinder schlafen noch. Devi beginnt leise mit der Küchenarbeit. Sie besitzt ein altes Ölfass voll Mehl, einen Sack Reis, Öl, Chili und einen Gaskocher. Viel mehr nicht. Es gibt keinen Tisch und keinen Stuhl. Hatte ihr Mann am Vortag Arbeit, kauft sie Gemüse ein. Gestern reichte es nur für Kartoffeln. Also kocht sie wie jeden Morgen Roti, das indische Fladenbrot, heute mit Kartoffeln. Lange knetet sie im Hocken auf dem Hüttenboden den frischen Teig. Mann und Kinder stehen auf und waschen sich vor der Tür. Draußen ist es mittlerweile hell geworden. Devi knetet immer noch, immer mit ihrer starken rechten Hand. Das Brot muss für den ganzen Tag reichen, für die ganze Familie.

»Ich kann kein Roti machen«, sagt Ranjit Sharma, ihr Mann. So, wie er es sagt, will er Respekt vor seiner Frau zeigen. Devi lächelt dankbar, mit Blick zum Boden auf den Teig. Einen Moment schauen alle – Mutter, Vater, Kinder – auf den weichen weißen Teig. Man spürt, wie wichtig das einfache Brot für sie ist. Als erwarteten sie nicht mehr vom Leben. Die Armut zwingt sie zur Bescheidenheit.

Wie so oft ist auch an diesem Tag das Brot knapp. Also bekommt zum Frühstück nur die 15-jährige Punam davon, weil sie gleich zur Schule geht. Die anderen verzehren ihre erste Brotmahlzeit erst zu Mittag. Am Morgen bleiben sie hungrig.

Der 17-jährige Sachin geht erst am Nachmittag zur Schule. Er muss am Morgen Wasser holen. Der Halbstarke nimmt das Fahrrad seines Vaters, hängt vier große Kanister mit Eisenbügeln an die Fahrradstange und zieht los. Sein Weg führt durch die nun belebten Gassen voller kleiner Kinder, die im Dreck spielen. Er erreicht eine asphaltierte Straße, die den Slum von einem besseren, bewachten Wohnviertel der Hauptstadt trennt. Knapp vor seinem Lenker schießt ein BMW vorbei. Sachin schaut ihm nicht nach. Er schiebt das Fahrrad über die Straße zu einem alten, blauen Wassertank auf vier Rädern. Der wird von den Stadtbehörden über eine Grundwasserpumpe zweimal am Tag aufgefüllt.

Sachin klettert auf den Tank, steckt einen mitgebrachten Schlauch hinein und füllt seine Kanister. Alle aus dem Slum machen das so. Den Alten und Frauen fällt es schwer. Devi hat Glück, dass sie Sachin hat. Doch als sie ihn später ein zweites Mal Wasser holen schickt, kommt Sachin aufgeregt zurück: »Es gibt kein Wasser mehr! Die Pumpe ist kaputt«, meldet er. Devi überfährt ein Zucken im Gesicht, das Panik verrät. Schon kommen die Nachbarinnen herbeigelaufen. Die Frauen schreien vor Entsetzen. Es ist erst wenige Wochen her, da war die Pumpe schon mal kaputt, für die Reparatur wurde im ganzen Slum Geld eingesammelt, es dauerte zehn Tage, bis es wieder genug Wasser gab – eine Schreckenszeit für die Frauen. Kein Wasser bedeutet für sie Schweiß und Dreck ohne Ende. Sie können dann kaum noch kochen. Ohne Wasser ist ihr Leben unerträglich. Diesmal allerdings ist die Pumpe schnell repariert.

Den ganzen Tag muss Devi putzen und waschen. Am liebsten wäscht sie ihren Jüngsten, den vierjährigen Shrichand. Mit Genuss schrubbt sie dem Kleinen vor der Tür den Körper ab. Einmal entwischt er ihr und rennt quietschend durch die Gasse. Die anderen Frauen lachen laut. Alle tragen sie bunte Saris und halten in ihren Hütten die gleiche penible Sauberkeit. Dabei ist das Saubermachen im Slum eine Sisyphusarbeit. Überall um die Hütten herum gibt es nur Müll, Staub und Dreck. Devi weiß gar nicht, wie oft sie ihre Hütte am Tag fegen muss. Shrichand wäscht sie bis zum Abend dreimal.