Wer wird sich als Nächster eintragen? Stolz blättert der Leiter des Mausoleums durch das VIP-Gästebuch: Palästinenserführer Jassir Arafat steht darin, der weißrussische Diktator Lukaschenko, der linke venezolanische Präsident Chávez, der Chef der Hisbollah-Miliz Hassan Nasrallah. Sie alle sind hierhergepilgert, zur riesenhaften, nach über zwanzig Jahren Bauzeit noch immer unvollendeten Grabstätte des Ajatollah Chomeini, des Gründervaters der Islamischen Republik Iran. Zehn Millionen Trauernde waren 1989 zur Beisetzung des Revolutionsführers gekommen – wahrscheinlich die größte Versammlung der Menschheitsgeschichte. Immer noch, sagt der Mausoleumsdirektor, eine glatte, salbungsvolle Erscheinung wie ein professioneller Beerdigungsredner, kämen fünf Millionen Besucher pro Jahr, bis zu drei Millionen allein an Chomeinis Todestag. Nicht zuletzt wegen des Andrangs werde man mit dem Bauen nicht fertig.

Hochrangiger Nachschub für das Gästebuch ist nicht garantiert. Durch den Nahen und Mittleren Osten fegt ein Sturm der Veränderung, und er bringt dem Regime in Teheran keine neuen Freunde. Die Region wird islamischer, doch nicht pro-iranischer. Im Gegenteil. In Syrien steht der wichtigste arabische Verbündete der Mullahs, Baschar al-Assad, in einem blutigen Todeskampf. Ägyptens Muslimbruder-Präsident Mursi hat die iranische Führung auf einem Gipfeltreffen in Teheran spektakulär brüskiert, indem er den Aufstand gegen Assad eine »moralische Pflicht« nannte. Und beim Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen spielte der Iran keine Rolle. Was im Westen »Arabischer Frühling« heißt, wird in Teheran gern »islamisches Erwachen« genannt. In Wahrheit wollen die arabischen Revolutionäre, auch die streng religiösen, von einem Gottesstaat à la Chomeini wenig wissen. Der Iran, von Amerikanern und Europäern mit harten Sanktionen überzogen, beim epochalen Wandel der eigenen Weltgegend historisch an den Rand gedrückt, ist kaum je so isoliert gewesen wie im Augenblick.

In der unvollendeten Halle, wo Chomeinis Sarkophag steht, zeigt sich der Iran so, wie seine Herren ihn gern hätten. Man sieht spielende Kinder, alte Leute beim Beten, Familien vom Lande. Auch Gardisten oder Milizionäre in Uniform – das martialische Gesicht, das zum iranischen System inzwischen mindestens so sehr gehört wie die Religion. »Wir teilen das Leid aller Niedergetretenen und unterstützen die unterdrückten Völker der Welt« ist auf Englisch auf einem Spruchband zu lesen, das im Gewölbe hängt. Die islamische Revolution sollte einmal missionarisch und expansiv sein, als Hoffnung der Dritten Welt und als große Alternative zu West und Ost, Kapitalismus und Sozialismus. Das denkt heute niemand mehr.

Das Chomeini-Mausoleum ist kein Zentrum eines pulsierenden Glaubens, sondern eine hochsubventionierte politisch-religiöse Ausflugsstätte für die Treuen des Regimes. Einer der Wärter der Gedenkstätte zeigt stolz auf ein plakatgroß aufgezogenes Foto des Ajatollah Chomeini, das eine Wand schmückt. Ob wir sähen, wie sich der heilige Mann ganz ohne Leibwächter in einer gewaltigen Menschenmenge aufhält? Das heißt, einen Leibwächter gibt es doch. Der Wärter selbst ist es, 20 Jahre jünger. Ein Revolutionär, der sich im Geschichtsbuch betrachtet.

Es ist eine seltsame, quälende Kombination von Überlebtheit und Stabilität, die im Iran herrscht. Niemand rechnet auf absehbare Zeit mit einer Revolution, mit dem Sturz des Regimes oder auch nur mit einer kraftvollen Wiederbelebung der Opposition. Die jungen Leute, die 2009 bei den Protesten gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschads mutmaßlich gefälschte Wiederwahl auf die Straße gingen, als Grüne Bewegung, sind politisch entmutigt und mundtot gemacht. Die Führung hat die Machtfrage für sich entschieden.

Doch sie regiert ein demoralisiertes, verkommendes Land. Die Inflation ist hoch, für den Lebensstandard der Mittelschichten zerstörerisch – wegen der Sanktionen, aber auch wegen Ahmadinedschads katastrophaler Wirtschaftspolitik. In Teheran kann man hören, dass die Sittlichkeitspolizei, die Frauen wegen Verstößen gegen den korrekten islamischen Dresscode ermahnt, sich neuerdings auffallend zurückhalte – angeblich, um eine ohnehin gefährlich frustrierte Bevölkerung nicht noch stärker zu reizen. Im Frühsommer muss das Regime Präsidentschaftswahlen durchstehen. Das Ergebnis kann man manipulieren, doch für eine halbwegs vorzeigbare Fälschung muss der siegreiche Bewerber schon ein bisschen echte Zustimmung finden, und eine offenkundig kümmerliche Wahlbeteiligung wäre politisch peinlich. Es ist viel davon die Rede, dass der ehemalige langjährige Außenminister Ali Velayati der Kandidat des Establishments werden könnte – aber letztlich ist das alles Spekulation in einem geistlich-militärisch-höfischen Herrschaftssystem, dessen oberste Spitze, der Revolutions- und Religionsführer Ajatollah Chamenei, in undurchdringliche Wolken gehüllt ist.