Damals, 1953, ging es noch gesittet zu. Peter Frankenfeld rief Irmtraud Kampmeier als Erste auf die Bühne. Die Scheinwerfer blendeten, sie konzentrierte sich, begann zu singen. »Ich war so nervös, dass ich es gar nicht genießen konnte.« Sie erinnert sich erst wieder an den Moment, als alles vorbei war und sie hinter der Bühne verschwand. Das Publikum klatschte noch immer. Nach ihr kam eine Tänzerin, dann ein Xylofonspieler, dann ein kleines Mädchen, das ein Gedicht aufsagte. Die anderen hat sie vergessen. »Das ist sechzig Jahre her!«, entrüstet sie sich, als sei die Frage danach eine Frechheit. Aber man spürt, dass sie sich vor allem über sich selbst ärgert, weil ihr wieder ein Detail verloren gegangen ist. Beim Abschied zwei Stunden später ruft sie einem »Und ein Jongleur war dabei!« hinterher. Es hat ihr keine Ruhe gelassen.

Nach nur einer halben Stunde stand Irmtraud Kampmeier als Siegerin fest. Sie bekam ihre Preise überreicht und fuhr nach Hause. Deswegen spricht sie ja auch vom »Nachmittag im Fernsehen«, weil alles so schnell ging. Und weil sie die Sache vor ihren Enkeln nie aufbauschen wollte. Schließlich sollen die nicht auf die Idee kommen, bei Castingshows gäbe es was zu holen.

Für ihren Sieg bekam sie einen Garderobenständer, eine gerahmte Zeichnung ihres Auftritts und einen Fernseher, den Schauinsland WII von Saba, 23 Kilo schwer, mit Holzgehäuse, Wert: 1.000 Mark. Es war der erste Fernseher überhaupt im Viertel, der in einer Privatwohnung stand. »Wir hatten plötzlich so viele Freunde«, sagt Irmtraud Kampmeier, »es war furchtbar.« Nach zwei Monaten verkauften sie ihn, vom Geld bauten sie den Dachboden aus, für die Kinder.

Was Irmtraud Kampmeier damals eigentlich gewann, war Unabhängigkeit. Zwar hatte kaum jemand sie im Fernsehen gesehen, für eine große Karriere reichte ihr Ruhm nicht. Aber um ein einziges Frauenleben zu ändern, war er groß genug.

Was mit einer schriftlichen Einverständniserklärung ihres Mannes für den Auftritt begann, ist heute die Geschichte einer emanzipierten Frau. Am Tag nach der Sendung sprach es sich in der Kirche schnell herum, dass eine von ihnen im Fernsehen gesungen hatte, und als die lokalen Zeitungen über sie schrieben, wurde Irmtraud Kampmeier für Veranstaltungen gebucht. Jeden Sonntag zog sie morgens los, zu Taufen, Hochzeiten, Firmenfeiern, und sang. Bis zu 30 Mark bekam sie pro Auftritt, in manchen Monaten verdiente sie fast so viel wie ihr Mann, ein kaufmännischer Angestellter. Sie entschied mit, wenn es darum ging, was angeschafft wurde, wohin die Familie in den Urlaub fuhr. Sonntags kümmerte sich ihr Mann allein um die Kinder. »Dass das ging«, sagt sie, »war damals nicht selbstverständlich.« Vorgekocht habe sie nie.

Eine ungewöhnliche Ehe für die fünfziger Jahre. »Ohne meinen Erfolg wäre es nicht so gekommen«, sagt sie. Er legitimierte ihre Selbstständigkeit, vor allem nach außen hin. Er ermutigte sie, sich etwas zuzutrauen. Erst die Leitung des Gemeindechors, dann den Vorsitz des Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt, schließlich die Arbeit im Unterbezirksvorstand der SPD . Noch heute ist sie Vorsitzende der Partei-Arbeitsgemeinschaft »60 plus«, die sie selbst gegründet hat. Ein paar dort, die so alt sind wie sie, kennen ihre Geschichte, die Jüngeren nicht. Es gibt kein YouTube-Video von ihrem Auftritt, sie hat keinen Wikipedia-Eintrag. Irmtraud Kampmeiers Triumph lässt sich nicht googeln.

Eine junge Parteigenossin hat sie einmal gefragt, warum sie so eine ungewöhnlich selbstbewusste Frau sei. Alles habe angefangen mit einer Talentshow im Fernsehen, hat Irmtraud Kampmeier geantwortet. Daraufhin hat die junge Frau nur gelacht. Sie hielt die Antwort für einen Witz.

Im »SZ-Magazin«: Das Porträt einer jungen Sängerin, die immer wieder an Castingshows teilnimmt .