JapanAlt und ausländerfeindlich

Japan am Tag der Parlamentswahlen: Der Wirtschaft gehen die Arbeitskräfte aus. Einwanderer könnten die Lücke schließen, doch die Einheimischen lehnen die Fremden ab. von 

Um Ezekiel Ramat müsste sich die japanische Wirtschaft eigentlich reißen. Der 24-jährige Altenpfleger ist jung, gut ausgebildet und unverheiratet. Zudem arbeitet der Mann von den Philippinen, der seit fast zwei Jahren in Japan lebt, für zwei Drittel des Lohns seiner japanischen Kollegen. Doch anstatt mit offenen Armen empfangen zu werden, muss Ramat nach Feierabend pauken. Nach vier Jahren muss er entweder die japanische Pflegerprüfung bestehen – oder das Land wieder verlassen.

Die Inhalte kennt Ramat zwar schon von seiner Ausbildung in der Heimat. Aber die drei verschiedenen japanischen Alphabete, in denen die Fragen gestellt werden, machen es für Ausländer fast unmöglich, den Test zu bestehen. Nur einer von zehn darf am Ende bleiben.

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»Ich lerne jeden Tag«, sagt Ramat. »Vielleicht habe ich eine 50:50-Chance.« Er sagt, dass er sogar auf die japanischen Parlamentswahlen am 16. Dezember hoffe: Einer neuen Regierung, die nach aktuellen Umfragen höchstwahrscheinlich die wirtschaftsnahe Liberaldemokratische Partei (LDP) stellen wird, müsse an der Zukunft Japans doch gelegen sein. »Japans Wirtschaft braucht doch arbeitende Ausländer. Es wäre unklug, uns wieder rauszuschmeißen.« So macht sich Ramat Mut.

Eine Immigrationskampagne wäre politischer Selbstmord

Seit Jahrzehnten befindet sich Japan in einer wackligen Lage. Die einst boomende Industrienation verzeichnet kaum noch Wirtschaftswachstum. Die Staatsschuld ist – gemessen an der Wirtschaftskraft – höher als die von Griechenland.

Schon heute ist jeder vierte Japaner älter als 65 Jahre. Die Geburtenrate ist so niedrig, dass die Bevölkerung bis 2050 von heute 127 Millionen auf unter 90 Millionen schrumpfen wird. Mehrere Regierungen haben versucht, durch mehr Kindergärten, Erziehungsgeld und dergleichen gegenzusteuern, aber gefruchtet hat das wenig. In 100 Jahren könnte es nur noch 40 Millionen Japaner geben.

Jetzt schon mangelt es an Fachkräften, die Steuereinnahmen sinken, und keiner weiß, wer in Zukunft die wachsenden Pensionsansprüche bezahlen soll. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen müssten bis 2050 insgesamt 17 Millionen Arbeitskräfte gefunden werden, um die Renten zu finanzieren.

Aber es gibt ja eine Lösung: Einwanderer wie Ezekiel Ramat. Japans Ausländeranteil ist mit aktuell 1,3 Prozent extrem gering für ein hoch entwickeltes Land: In Deutschland etwa leben um die 8,5 Prozent Ausländer. In Japan ging die Zahl der Einwanderer in den vergangenen Jahren sogar zurück. Doch merkwürdig: Für Immigrationspolitik scheint sich in der Politik kaum jemand zu interessieren. Weder die regierende Demokratische Partei Japans (DPJ) noch die größten Oppositionsparteien erwähnen das Thema überhaupt in ihrem Wahlkampf. Auf Anfrage beteuern alle, mehr Einwanderung fördern zu wollen. Doch konkrete Vorschläge macht keiner.

»In Japan wäre es politischer Selbstmord, eine Immigrationskampagne zu fahren«, sagt Arudou Debito. Der Autor US-japanischer Herkunft beschäftigt sich schon lange mit Japans Ausländerpolitik, hat darüber gerade seine Doktorarbeit geschrieben. »Die meisten Japaner können sich einfach nicht vorstellen, ihr Land mit Ausländern teilen zu müssen.« Meinungsumfragen zeichneten in den vergangenen Jahren ein ausländerskeptisches Bild.

Nur die Hälfte der Japaner befürwortet die Idee, Ausländern die gleichen Grundrechte zu gewähren wie Japanern. Ein Drittel der Bevölkerung ist gegen weitere Einwanderung. Drei Viertel finden, dass bei zehn Millionen Immigranten die Grenze des Akzeptablen überschritten wäre.

»Welche Partei soll unter solchen Umständen aktive Immigrationspolitik machen?«, fragt Debito. Er selbst machte vor einigen Jahren Schlagzeilen, als er eine japanische Therme verklagte, die seinen beiden amerikanisch aussehenden Töchtern den Eintritt verwehrt hatte. Bis heute hat Japan kein Gesetz, das Ausländer vor Diskriminierung schützt.

Leserkommentare
  1. Die Insel Japan ist stark überbevölkert. Die Metropolregion Tokyo ist die am dichtesten besiedelte Region der Welt.
    Hier jetzt noch massenhafte Immigration zu fördern, ist nicht gerade weise.

    Nebenbei: Wenn der Prozentsatz der Immigration über einen gewissen Zeitraum zu hoch ist, verändert dies eine Gesellschaft. Und dies in der Regel nicht zu deren Vorteil. Man kann sich ja die entsprechenden Ghettos und die Probleme in den entsprechenden Gesellschaften anschauen. Japan ist eine Konsenz-Gesellschaft.

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    Ich stimme ihnen voll und ganz zu. Die Ausführungen sind auf Deutschland übertragbar.

    Kommentare dieser und ähnlicher Art sind regelmäßig vorauszusehen und bekommen auf Grund ihres Populismus schnell viel Zustimmung ähnlich Gestrickter. Sie beweisen aber nichts weiter als blinde und sehr kurzsichtige Fremdenfeindlichkeit, die am wahren Kern des Problems - des zunehmenden Fachkräftemangels einer überalternden Gesellschaft - komplett vorbeigehen. So bedienen sie hervorragend dumpfe xenophobe Klischees, liefern aber wie üblich keinerlei Antworten zur Lösung.

    Natuerlich Japan st ueberbevoelkert? Nur gibt es Staaten die sind noch ueberbevoelkerter wie BE,NL oder Suedkorea und alle lassen Auslaender rein, und klar alles wird immer schlecht durch Auslaender. Koennte es sein, dass Letzteres durch Menschen wie Sie hervorgerufen wird, die von Vorurteilen leben? Und wir leben doch in DE bestens mit Auslaendern, solange man nicht BILD liest.

    Auch wenn die Topographie Japans noch weniger Platz zum Wohnen als Deutschlands Topographie bereitstellt, ist "Japan"
    nicht überbevölkert. Die Bevölkerung ist nur sehr ungleich verteilt. Hokkaido hat lediglich eine Bevölkerungsdichte von 66 Einwohner pro km², Honshu 439 Einwohner pro km², Shikoku 219 und Kyushu eine Dichte von 359 pro km².

    Abgesehen von dieser Ungenauigkeit ist das sicherlich kein Argument gegen die Immigration von ausländischen Fachkräften.

    nehmen ja bekanntlich mehr Platz in Anspruch als "richtige" Leute.

  2. Ich stimme ihnen voll und ganz zu. Die Ausführungen sind auf Deutschland übertragbar.

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    • Suryo
    • 16. Dezember 2012 11:55 Uhr

    Angesichts der völlig unterschiedlichen Geschichte und vor allem Geographie ist das Beispiel Japan in keiner weise auf Deutschland oder auch nur irgendein anderes Land der Welt übertragbar. Japan war historisch gesehen Hunderte von Jahren isoliert, ist in der Mythologie des Shinto ein außergewöhnliches, einzigartiges Land, dessen Bewohner von den Göttern abstammen, und hatte tatsächlich nie nennenswerte Migration, insbesondere nicht von außen. Noch heute ist das Bild Japans als monolithische, homogene Kultur fest in den Köpfen der Japaner verankert, und nur zu gerne wird die fundamentale Verschiedenartigkeit des Japaners an sich von allen anderen Völkern in Populärkultur und Medien propagiert. Japans Fremdartigkeit wird im Westen oft thematisiert - aber eben auch in Japan selbst! Wie völlig anders ist da Deutschland. Selbst die Nationalsozialisten konnten kaum bestreiten, dass die deutschen eben nicht absolut homogen und ihre Geschichte und kultur keineswegs unbeeinflusst vom Rest Europas und der Welt sind. Da ist Japan schon weitgehend einzigartig - und leider auch ziemlich rassistisch. Übrigens auch nach Nenn. Die Nachfahren von Koreanern sind immer noch eine marginalisierte Gruppe, desgleichen die Nachfahren von Schlachtern und Gerbern und von den Überlebenden von Nagasaki und Hiroshima. Die japanische Kultur ist besessen von Reinheit und Konsens. Alles, was da fremd sein könnte, wird verdrängt.

    • Uerige
    • 16. Dezember 2012 10:41 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und verfassen Sie sachliche Kommentare zum konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/au

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    Zitat: "Das klappt vielleicht in Deutschland das Chefredakteure auf die Debatten so einen Einfluss ausüben aber wohl nicht in Japan."

    Und was sagt uns das?
    Es sei die Vermutung gewagt, dass die Japaner weniger fremdgesteuert sind als die Deutschen, obwohl sie ja eine sogenannte Konsensgesellschaft bilden (sollen).
    Der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit scheint in Deutschland bereits zum Halten gekommen zu sein, vielleicht befindet er sich sogar auf dem Rückzug.
    Immer wieder schön zu sehen, dass auch die Online-Portale der sogenannten "Qualitätsmedien" ihren Teil dazu beitragen...

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen. Danke, die Redaktion/au

  4. Kommentare dieser und ähnlicher Art sind regelmäßig vorauszusehen und bekommen auf Grund ihres Populismus schnell viel Zustimmung ähnlich Gestrickter. Sie beweisen aber nichts weiter als blinde und sehr kurzsichtige Fremdenfeindlichkeit, die am wahren Kern des Problems - des zunehmenden Fachkräftemangels einer überalternden Gesellschaft - komplett vorbeigehen. So bedienen sie hervorragend dumpfe xenophobe Klischees, liefern aber wie üblich keinerlei Antworten zur Lösung.

  5. "Bis heute hat Japan kein Gesetz, das Ausländer vor Diskriminierung schützt." Das bedeutet wohl, dass niemand die Gerichte beschäftigen kann, weil er als Einziger einer Personengruppe kontrolliert wurde. Das bedeutet auch, dass ein Unternehmen gezielt nach bestimmten Mitarbeitern suchen darf und der Vermieter kann sich seine Mieter nach einem bestimmten Profil auswählen.

  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und polemische Behauptungen. Danke, die Redaktion/au

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    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/au

    • dachsus
    • 16. Dezember 2012 11:04 Uhr

    ... oder Europa. Dort können sie sehen, das Einwanderung nicht den Fachkräftemangel bedient, sondern gesellschaftliche Probleme schafft. Wir in Deutschland haben doch 15% Einwanderer oder deren direkte Nachkommen. Fachkräftemangel haben wir trotzdem. Einwanderungsprogramme sind gemessen an Deutschland das falsche Mittel Demografieprobleme zu lösen.

    Anmerkung: Diesen Kommentar haben wir wieder hergestellt. Danke, die Redaktion/ds

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    • dachsus
    • 16. Dezember 2012 11:28 Uhr

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/au

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  • Schlagworte Japan | Einwanderung | Arbeitnehmer
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