Biografie Otto von BismarckHabe viele Seelen, ach

Jonathan Steinbergs Biografie Otto von Bismarcks muss es mit starken Vorgängern aufnehmen. von 

Otto von Bismarck hat es seinen Biografen nicht leicht gemacht. »Faust klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik«, gestand er einem seiner Vertrauten. »Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen andern Menschen werde hineinsehen lassen.«

Dennoch gibt es mittlerweile drei Biografien, die sich dem Begründer des kleindeutsch-großpreußischen Nationalstaats von 1871 auf bemerkenswerte Weise angenähert haben: Lothar Galls Darstellung des »weißen Revolutionärs« von 1980, der zum ersten Mal das Kunststück gelang, zwischen der Skylla der Bismarck-Verehrung und der Charybdis der Bismarck-Verdammung souverän hindurchzusteuern; Ernst Engelbergs zweibändiges Werk aus der Spätphase der DDR, das den preußischen Junker ohne ideologische Scheuklappen betrachtete; und schließlich die 1990 abgeschlossene und 1997/98 auf deutsch herausgebrachte Arbeit des amerikanischen Historikers Otto Pflanze, die stärker als die beiden anderen die komplizierte Persönlichkeit Bismarcks in den psychoanalytisch geschulten Blick nahm.

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Jonathan Steinbergs Biografie ist von Henry Kissinger in der New York Times Book Review als das beste Bismarck-Buch in englischer Sprache gepriesen worden. Doch das ist eine Übertreibung. Denn an Pflanze reicht Steinberg nicht heran, von Gall und Engelberg ganz zu schweigen.

Der amerikanische Historiker, der Europäische Geschichte an der University of Pennsylvania lehrte, hat sich vorgenommen, den drei großen Vorgängern eine korrigierende Sicht entgegenzusetzen. Ein »neuer Begriff«, verkündet er vollmundig, müsse her, um Bismarcks Lebensgeschichte zu erklären. Wie der lauten könnte, erläutert er im einführenden Kapitel: Bismarcks Macht habe nicht auf politischen Institutionen beruht, auch nicht auf einem stabilen gesellschaftlichen Rückhalt, sondern »auf der Souveränität eines außergewöhnlichen, gigantischen Selbst«.

Das »souveräne Selbst« – so das neue Zauberwort – soll der Schlüssel zur Biografie sein. Der Autor versteht darunter eine geheimnisvolle, ja dämonische Fähigkeit, die es Bismarck erlaubt habe, sich über alle Schranken hinwegzusetzen und 28 Jahre lang, von seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten 1862 bis zu seiner Entlassung als Reichskanzler 1890, die politische Bühne in Preußen-Deutschland und in Europa zu dominieren. Nun wird niemand bestreiten, dass Bismarck ein Politiker von ungewöhnlichem Format war, ausgestattet mit einem robusten Machtwillen. Doch dass alles, was er durchsetzte, sich einzig und allein der magischen Anziehungskraft seiner Persönlichkeit verdankt haben soll – das ist eine Mystifikation, für die Bismarck selbst vermutlich nur milden Spott übrig gehabt hätte. Wie kaum ein anderer Politiker des 19. Jahrhunderts war er sich der Grenzen seines Tuns stets bewusst.

Was Gall, Engelberg und Pflanze, je auf ihre Weise, geleistet haben, das hat Steinberg weitgehend versäumt: nämlich Bismarcks Denken und Handeln in Beziehung zu setzen zu den bewegenden Kräften und Tendenzen seiner Epoche. So bleibt auch die zentrale Frage, aufgrund welcher Bedingungen Bismarck seine persönliche Macht ausüben konnte, letztlich unbeantwortet.

Trotzdem kann man aus der Lektüre einigen Gewinn ziehen. Denn der Autor hat sich intensiv darum bemüht, alle möglichen, auch weniger bekannte Zeugnisse von Zeitgenossen Bismarcks, Bewunderern und Gegnern, Deutschen und Ausländern, zusammenzutragen. In Tagebüchern, Briefen und Memoiren kommen sie ausgiebig zu Wort. Auf diese Weise gelingen immer wieder Momentaufnahmen, die Aufschluss geben über die frappierenden Widersprüche von Bismarcks Persönlichkeit.

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