Marie-Christine Ostermann"Gedacht wird in Horrorszenarien"

Marie-Christine Ostermann, scheidende Chefin der Jungunternehmer, schimpft auf die Krisenpolitik – und verlangt: Risiko und Haftung gehören in eine Hand.

DIE ZEIT: Frau Ostermann, im Fernsehen sind Sie eine Art moderner Hans-Olaf Henkel. In den Talkshows sind Sie fast immer für mehr Markt und weniger Staat. Hat sich diese klare liberale Linie gelohnt?

Marie-Christine Ostermann: Ja. Ich sage das, was ich tagtäglich als Unternehmerin erlebe: Es hilft allen, wenn man den Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft folgt, vor allem dem Prinzip, dass Risiko und Haftung in einer Hand sind und jeder seine Handlungen verantwortet. Denn in der Regel wird nur dann nachhaltig gehandelt.

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ZEIT: Vor fünf Jahren wären Sie mit Ihren Kommentaren gar nicht groß aufgefallen, heute schon. Liegt das daran, dass viele Ihrer Kollegen lieber der Öffentlichkeit nach dem Munde reden?

Ostermann: Nein, nur erscheint es manchmal bequem, den Prinzipien auszuweichen – beispielsweise in der Euro-Krise, wo man sehr viel Geld einsetzt, um die Konsequenzen der Schuldenpolitik abzumildern. Man kauft sich dadurch Zeit, und im ersten Moment spürt man keine negativen Auswirkungen.

Marie-Christine Ostermann

1978 wird sie in Hamm (Westfalen) geboren. Dort betreibt ihre Familie den Lebensmittelgroßhandel Rullko mit heute 150 Mitarbeitern und 75 Millionen Euro Jahresumsatz. Nach dem Abitur macht sie eine Lehre zur Bankkauffrau, dann studiert sie bis 2004 an der Schweizer Wirtschaftsuni St. Gallen.

2006 wird die Diplomkauffrau geschäftsführende Gesellschafterin bei Rullko in der vierten Generation.

2009 übernimmt sie für drei Jahre den Vorsitz des Verbandes Die Jungen Unternehmer – BJU. Diese Zeit ist nun um. Nachfolgerin ist die Bremer Unternehmerin Lencke Wischhusen

ZEIT: Aber später umso mehr?

Ostermann: Ja. Gerade jetzt muss man für marktwirtschaftliche Prinzipien kämpfen. Sonst verschlimmern sich die Probleme nur. Wir werden dadurch, dass wir die Rettungsschirme ausweiten, die Europäische Zentralbank in Stellung bringen und mehr und mehr gemeinschaftlich haften, immer tiefer in eine Transferunion rutschen, und das Schuldenproblem wird sich nur vergrößern.

ZEIT: Berlin macht eher das Gegenteil von dem, was Sie sagen. Wo hätte eine deutsche Regierung realistischerweise Stopp! sagen können.

Ostermann: Ganz am Anfang schon, als die ersten Probleme mit Griechenland aufkamen. Da hätte man sagen können: Wir zeigen Solidarität – aber nur, wenn sich auch die privaten Gläubiger beteiligen. Sie haben ja schließlich vorher auch von hohen Renditen profitiert. Als der Schuldenschnitt dann viel später kam, waren viele Risiken schon an die Steuerzahler übertragen worden.

ZEIT: Ihr Prinzip leuchtet jedem ein. Warum, glauben Sie, ist dann Berlin von allen marktwirtschaftlichen Regeln abgerückt?

Ostermann: Zum einen, weil nur in Horrorszenarien gedacht wird. Zum anderen, weil der Steuerzahler sofort in Haftung genommen wurde. Nun haftet Deutschland für viele Risiken, und gäbe man Griechenland jetzt nicht immer wieder neues Geld, würde der Steuerzahler selbst die Auswirkungen der Gemeinschaftshaftung stärker spüren. Genau das wollen die meisten Politiker wohl vermeiden.

ZEIT: Gerade die Bankenchefs mahnen immer wieder, ohne diese Politik würden die Mittelmeeranrainer wie Dominosteine umkippen.

Ostermann: Banken haben einfach zu viel Macht, uns fehlt eine Weiterentwicklung des deutschen Insolvenzverfahrens für Finanzinstitute. Investoren drohen generell gerne mit dem Zusammenbruch, weil sie keine Lust haben, Verluste zu tragen. Da darf die Politik nicht zu ängstlich sein. Wir sind ja alle nur Menschen. Und wenn ein Mensch weiß, dass er die Konsequenzen seines Handelns auf andere abwälzen kann, dann wird er auch in Zukunft nicht unbedingt vorsichtig sein.

ZEIT: Also hätte man jetzt Griechenland umschulden müssen, auch wenn der deutsche Steuerzahler dann mitbezahlt?

Ostermann: Das wäre ehrlich.

ZEIT: Sie sind pessimistisch in Sachen Krise. Wie beeinflusst Sie das als Unternehmerin?

Ostermann: Mein Unternehmen hat viel Eigenkapital und wenig Schulden, die Arbeitsplätze sind gesichert. Und ich versuche den Politikern zu vermitteln, dass das sehr wohl auch volkswirtschaftlich praktikabel ist.

ZEIT: Wie wappnet man sich sonst?

Ostermann: Obwohl man gerade so verführerisch günstig an Kredite kommt, arbeiten viele Unternehmer weiter daran, die Eigenkapitalquote zu erhöhen. Dadurch schaffen wir Puffer, falls mal etwas schiefgeht, und sind nicht so abhängig von Banken. Außerdem müssen wir die ganze Welt im Blick behalten und nicht nur Europa. In China etwa bieten sich für viele große Chancen.

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