Verpackung Heilig’s Blechle!

Die Konservendose feiert ihren 200. Geburtstag. Im Zeitalter von Frischgemüse und Tiefkühlkost scheint sie überflüssig geworden zu sein. Doch ihre Evolution geht weiter.

In jedem Supermarkt steht sie, fast jeder Verbraucher hat sie im Schrank: die Dose – unverwüstliche Hülle für Nahrungsmittel aller Art. 2011 wurden allein für Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Wurst und Fertiggerichte mehr als 1,5 Milliarden Konservendosen in Deutschland hergestellt. Und doch gilt die Blechhülle als gestrig. Nahrungsmittel kauft man heute frisch oder wenigstens frisch eingefroren, nur dann scheinen sie richtig gesund. Wofür braucht man heute noch lange Haltbarkeit? Ausgerechnet zu ihrem runden Geburtstag – vor 200 Jahren öffnete die erste Fabrik in London – scheint die Konserve ausgedient zu haben.

Dabei war ihre Erfindung einer der wichtigsten Durchbrüche in der Lebensmitteltechnologie: Im 18. Jahrhundert war der gefährlichste Feind der Soldaten oft nicht die gegnerische Armee, sondern der Hunger. Es gab auf den weiten Reisen, vor allem auf Schiffen, zu wenig Essen – was man konservieren wollte, wurde in Salz eingelegt. So mangelte es den Soldaten schnell an Vitaminen. Viele verhungerten oder starben an Skorbut, einer Krankheit, die durch Vitamin-C-Mangel ausgelöst wird. 1795 setzte Napoleon eine Belohnung von 12.000 Franc für denjenigen aus, der das Problem der Nahrungsmittelversorgung beheben könnte – das wäre heute eine Prämie in Millionenhöhe.

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Es dauerte einige Jahre, bis der Franzose Nicholas Appert die Lösung fand. Er verkorkte Glasflaschen und versiegelte sie mit einer Mixtur aus gebranntem Kalk und Käse. Die verschlossenen Flaschen erhitzte er; das Prinzip der Hitzesterilisation war geboren.

Gelangt Luft an ein Lebensmittel, verdirbt es schneller; fetthaltige Produkte werden ranzig. Eine Konserve verhindert das, wenn sie zuerst befüllt, hermetisch abgeschlossen und dann hitzesterilisiert wird. So ist das Produkt mindestens drei Jahre haltbar. »Bis heute gibt es keine alternative Technik, die eine ähnliche Konservierungsdauer erreicht«, sagt Thomas Simat, Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Dresden.

Appert experimentierte nicht mit Metalldosen, sondern füllte 18 Gläser mit verschiedenen hitzesterilisierten Lebensmitteln. Napoleon befahl, diese auf einer mehrmonatigen Schifffahrt zu testen. Die Methode überzeugte, Appert erhielt 1810 die Prämie »für die Kunst, alle animalischen und vegetabilischen Substanzen in voller Frische zu erhalten«.

In Großbritannien dachte der Geschäftsmann Peter Durand noch einen Schritt weiter. In Kutschen oder auf Schiffen gingen Glaskonserven schnell zu Bruch. Also favorisierte Durand widerstandsfähigere Dosen aus Blech und ließ diese patentieren. Für 1.000 Pfund überließ er das Patent Bryan Donkin und John Hall, die 1812 im Londoner Stadtteil Bermondsey die erste Konservendosenfabrik gründeten.

60 Dosen sollen dort pro Tag gefertigt worden sein. Eine moderne Anlage kann bis zu 500 Stück produzieren – pro Minute. Konservendosen sind heute meist aus Weißblech. Weil dieses verzinnt und spezialverchromt ist, kann keine Korrosion auftreten. Je nach Füllgut wird die Dose innen beschichtet. Bei Cappuccinopulver bleibt sie ohne Lack, bei »aggressiven« Silberzwiebeln muss sie dagegen doppelt lackiert werden. Die Lackschicht verhindert eine Wechselwirkung zwischen Lebensmitteln und Metallwand.

Vor 200 Jahren wurde in den Konservendosenfabriken das Blech mit Blei in Zylinderform gelötet statt wie heute einfach geschweißt. Das Schwermetall drang in die Lebensmittel ein, viele Soldaten starben an Bleivergiftung. Vermutlich beendete eine solche Vergiftung auch die letzte Arktisexpedition des britischen Polarforschers Sir John Franklin in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hohe Bleiwerte bei drei erhaltenen Leichen der Expeditionsteilnehmer sprechen für diese Theorie.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Dosen durch Produktionsfortschritte sicherer – und auch für die breite Masse bezahlbar. Heute werden Boden und Decke durch Bördeln dicht mit der sogenannten Zarge verbunden.

Ulrich Nehring ist Leiter des Instituts für Konserventechnologie in Braunschweig und achtet bei seinen Untersuchungen besonders auf die Zusammensetzung der Chemikalien, mit denen die Dosen innen lackiert werden. »Was aus den Lacken auf die Lebensmittel übergeht, ist sozusagen das moderne Bleiproblem«, sagt Nehring. Denn die Lacke können kleinste Spuren etwa von Bisphenol A, einem Grundstoff zur Herstellung von Kunststoffen und Kunstharzen, in den Lebensmitteln hinterlassen. In welchem Umfang solche Spuren von Chemikalien den Konsumenten beeinträchtigen könnten, lässt sich bisher nicht genau sagen. »Das müssen wir weiter analysieren, aber Panik ist nicht angebracht«, sagt Nehring. Auch Thomas Simat wirkt gelassen: »Letztlich gibt jedes Verpackungsmaterial kleine Mengen enthaltener Substanzen an Lebensmittel ab.«

Leser-Kommentare
    • Flari
    • 15.12.2012 um 22:27 Uhr

    "Dass wir heute aus Erdöl hergestellte PVC-Flaschen hin- und her..tragen, die nicht wiederverwendbar sind, haben wir einem Menschen zu verdanken: "Jürgen Trettin"."

    Die Industrie war es, die weltweit! immer mehr auf PET-Flaschen und andere Einwegverpackungen umgestiegen ist.
    Trittin können Sie also höchstens anlasten, dass nicht mehr ganz so viel Blech und Kunststoffmüll die Gegend versaut.
    Keine Ahnung, was Sie daran stört.

    Viele andere Länder waren da übrigens Vorreiter.

    • drohne
    • 16.12.2012 um 0:35 Uhr

    Mal eine schlichte Frage:

    Wenn ich die nur mit schneidendem Dosenöffner zu öffnenden Konservendosen (die allmählich immer weniger vorkommen) öffne: fällt dann winziger Metallabrieb in die Nahrungsmittel?

    Vielleicht weiß das der Stimmt's?-Redakteur Christoph Drösser.

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    • Flari
    • 16.12.2012 um 19:38 Uhr

    Eindeutig ja.
    Und das desto mehr, je schartiger und/oder stumpfer das Schneidrad oder die Schneidklinge wird.
    Auch das "Antriebsrad" produziert desto mehr Abrieb, je abgenutzter es ist, oder je mehr es auch durch zu wenig Krafteinsatz oder falsche Handhabung durchrutscht.
    Dieser Abrieb kann teilweise ebenfalls beim Öffnungsvorgang in die Dose transportiert werden.

    Über eine Schädlichkeit würde ich mir aber keine Gedanken machen, falls das der Frage zugrunde liegt.
    Der normale Metallarbeiter dürfte täglich mehr davon verschlucken, als jemand, der sich fast ausschliesslich aus Dosen ernährt, in zig Jahren..

    • Flari
    • 16.12.2012 um 19:38 Uhr

    Eindeutig ja.
    Und das desto mehr, je schartiger und/oder stumpfer das Schneidrad oder die Schneidklinge wird.
    Auch das "Antriebsrad" produziert desto mehr Abrieb, je abgenutzter es ist, oder je mehr es auch durch zu wenig Krafteinsatz oder falsche Handhabung durchrutscht.
    Dieser Abrieb kann teilweise ebenfalls beim Öffnungsvorgang in die Dose transportiert werden.

    Über eine Schädlichkeit würde ich mir aber keine Gedanken machen, falls das der Frage zugrunde liegt.
    Der normale Metallarbeiter dürfte täglich mehr davon verschlucken, als jemand, der sich fast ausschliesslich aus Dosen ernährt, in zig Jahren..

  1. Getränkedosen sind inzwischen meistens aus Aluminium.

    Auf alle Fälle der Deckel.

    Um die ging es in dem Artikel aber nicht. Man kann auch Wasser aus der Leitung trinken, das ist viel gesünder als das Zuckerwasser aus der Dose.
    Und schont die Umwelt auch gewaltig.

    PVC besteht zur Hälfte aus Chlor, und davon muß eine Unmenge entsorgt werden. Es zerbröselt aber wenn die Sonne draufscheint.

  2. "4. Dass wir heute aus Erdöl hergestellte PVC-Flaschen hin- und her

    tragen, die nicht wiederverwendbar sind, haben wir einem Menschen zu verdanken: "Jürgen Trettin". Diese aus Weißblech hergestellten Getränkedosen werden in der ganzen Welt verwendet, außer in Deutschland. Wir sind natürlich wieder einmal Vorreiter, seit 2004. Die Welt lacht sich schlapp.
    "

    Wenn man Vorurteile hat, dann ist einem wohl jedes Argument recht, um den anderen zu diskreditieren. In erster Linie war und ist es der Industrie anzulasten, dass immer mehr PVC-Flaschen verwendet wurden. Tritin war es nur, der diese dann mit Pfand belegt hat, in der Hoffnung, dass diese zum einen nicht mehr in der Landschaft entsorgt werden und dass der Verbraucher, wenn er denn Pfand zahlt, gleich zur richtigen Pfandflasche greift.

    Die Crux an dem Gesetz ist, dass der Bürger denkt, er kauft wiederverwertbare PET-Flaschen, dabei werden diese "nur" recyclet, statt wiederverwendet. Das war mir zu Anfang auch nicht klar, bis ich mich mal gefragt habe, warum die Automaten bei den Discountern immer die Flaschen zusammenpressen. Seitdem kaufe ich wieder Glasfalsche, weil es in der Tat Verschwendung ist, was dort betrieben wird, wenn auch besser, als sie auf dem Müll zu entsorgen.

    Wenn man Menschen darüber aufklärt, greift der ein oder andere dann doch zur Glasfalsche.

    Nicht Tritin trägt also die Schuld, die Industrie war es. Wir halt meistens.

    • zauni
    • 16.12.2012 um 11:02 Uhr

    1. Die Plastikflaschen für Getränke sind aus PET nicht aus PVC. Klingt zwar ähnlich, sind aber völlig unterschiedliche chem. Stoffe mit unterschieldichen Eigenschaften: PET ist relativ weich und formbar, während PVC hart und spröde ist. PVC würde erst durch den Einsatz von Weichmachern elastisch genug sein, um als Getränkeverpackung in Frage zu kommen, aber Weichmacher sollten im Lebensmittelbereich nicht verwendet werden... nur so am Rande.
    http://de.wikipedia.org/w...
    http://de.wikipedia.org/w...

    2. PET-Flaschen sind laut einer Studie von Gerolsteiner 10-15 mal weiderverwendbar (zum vergleich: Glasflaschen etwa 30-50 mal), und bei den Plastikflaschen die man in Kästen kauft geschieht das auch.... Lediglich die (leider häufiger vorkommenden) "Einweg-PET-Flaschen" die 25 Cent Pfand kosten, werden nicht wiederverwendet sondern wie Infarmia schon angedeutet hat recycelt (z.B. zu Kleidungsfasern). Von der Ökobilanz sind Glasflaschen allerdings nur dann überlegen, wenn der Abfüllort näher als 100 km zum Verkaufsort liegt, da sonst das höhere Gewicht der Glasflaschen die Umwelt stärker belastet, als die leichteren, aber seltener wiederverwendbaren PET-Flaschen. Zu dem Ergebniss kam übrigens auch das Bundesamt für Umweltbewertung...
    http://www.ifeu.de/oekobi...

    Eine Leser-Empfehlung
    • zauni
    • 16.12.2012 um 11:02 Uhr

    3. Aus sicht der Ökobilanz wäre es am besten, möglichst wenig fertig abgepackte Getränke zu kaufen, sondern z.b. Wasser selber zu sprudeln

  3. 15. Trittin

    war Mitglied der CDU. Das ist eine interessante Neuigkeit.

    • Flari
    • 16.12.2012 um 19:38 Uhr

    Eindeutig ja.
    Und das desto mehr, je schartiger und/oder stumpfer das Schneidrad oder die Schneidklinge wird.
    Auch das "Antriebsrad" produziert desto mehr Abrieb, je abgenutzter es ist, oder je mehr es auch durch zu wenig Krafteinsatz oder falsche Handhabung durchrutscht.
    Dieser Abrieb kann teilweise ebenfalls beim Öffnungsvorgang in die Dose transportiert werden.

    Über eine Schädlichkeit würde ich mir aber keine Gedanken machen, falls das der Frage zugrunde liegt.
    Der normale Metallarbeiter dürfte täglich mehr davon verschlucken, als jemand, der sich fast ausschliesslich aus Dosen ernährt, in zig Jahren..

    Antwort auf "Wer weiß es?"
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    • drohne
    • 09.01.2013 um 23:24 Uhr

    Die erwähnte Sorge war mein Schreibgrund. Bin über die Antwort froh, wenn sie richtig ist.

    • drohne
    • 09.01.2013 um 23:24 Uhr

    Die erwähnte Sorge war mein Schreibgrund. Bin über die Antwort froh, wenn sie richtig ist.

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