Das sieht der deutsche Verteidigungsminister etwas anders. Thomas de Maizière (CDU) möchte die Bundeswehr mit mehr Drohnen ausstatten, auch mit bewaffneten. In einem Strategiepapier aus seinem Hause mit dem Namen »Luftmacht 2030« heißt es: »Die Fähigkeiten (...) unbemannter Luftfahrzeugsysteme ist in allen Bereichen der Aufklärung-Führung-Wirkung (...) zu optimieren und deren Einsatzspektrum auszuweiten.« Wirkung, das ist so ein Bundeswehrwort, das mehr verschleiert als benennt. Es bedeutet Beschuss.

Wenn Bundeswehrsoldaten in Afghanistan in einen Hinterhalt geraten, können ihre Vorgesetzten bisher in der Kommandozentrale in Masar-i-Scharif, wie es einer von ihnen ausdrückt, »nur zusehen und ihnen viel Glück wünschen«. Die Drohnen, die die Bundeswehr benutzt, liefern zwar Livebilder vom Geschehen, können die Soldaten aber nicht unterstützen. Bis Kampfjets bei ihnen sind, können 20 Minuten vergehen – oft entscheidende Zeit. Die Planer im Berliner Ministerium wünschen sich deshalb Drohnen, die Truppen quasi als Scharfschützen in der Luft ständig begleiten können. Allein dass sie es tun, könne Angreifer abschrecken, heißt es. Der Inspekteur der Luftwaffe, Karl Müllner, stellte vor einigen Wochen fest, wenn es nach ihm ginge, wäre die derzeit beste Wahl für eine Bundeswehr-Kampfdrohne das US-Modell Predator B.

Bereits von diesem Herbst an dürfte am Himmel über Deutschland regelmäßig das größte unbemannte Flugzeug der Welt zu sehen sein. Die Riesendrohne heißt RQ-4 Global Hawk (hierzulande Euro Hawk) und ist die wohl spektakulärste Neuanschaffung deutscher Streitkräfte seit der Dicken Berta. Sie erreicht mit einer Spannweite von 40 Metern die Dimensionen einer Boeing 737 und wurde von den Amerikanern als Nachfolgerin des legendären Aufklärungsflugzeugs U-2 konzipiert. Mit Treibstoff für 30 Stunden Flugzeit kann sie 23000 Kilometer zurücklegen. Bis zu fünf der Riesenspäher sollen Anfang 2013 auf dem Luftwaffenstützpunkt Jagel bei Schleswig stationiert werden. Aus 20 Kilometer Höhe kann der Euro Hawk so gut wie jedes elektronische Signal erfassen: Handy-Gespräche, SMS, Fernsehsendungen, außerdem Raketen und Radarstationen.

Fünf ferngelenkte Langstreckendrohnen, die von hier bis Neuseeland fliegen können – wozu diese Flotte? Niemals und auf keinen Fall, beteuern de Maizière und seine Mitarbeiter, wolle man Drohnen so nutzen, wie die amerikanische CIA es tut. Von Schleswig aus eine Drohne nach Pakistan oder Afrika zu steuern, um dort Terroristen zu töten, das sei »schlicht nicht vorstellbar«. Der Bundeswehr sollen Kampfdrohnen lediglich als Luftnahunterstützung in Auslandseinsätzen dienen. Minister de Maizière hat es öffentlich als »strategischen Fehler« bezeichnet, dass US-Drohnenpiloten Ziele in Ländern angreifen, in denen keine eigenen Truppen stationiert sind.

Ähnliche Worte freilich hörte man vor einem Jahrzehnt auch aus den USA. Nachdem die israelische Armee als erste überhaupt damit begonnen hatte, unbemannte Flugzeuge als Killermaschinen einzusetzen, im Gazastreifen nämlich, distanzierte sich im Juli 2001 der US-Botschafter in Israel, Martin Indyk, von dieser Praxis: »Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wendet sich sehr klar gegen gezielte Tötungen. Es handelt sich dabei um außergerichtliche Tötungen. Wir unterstützen das nicht.« Zwei Monate später geschah der 11. September 2001, und alles war anders. Ereignisse, das war schon immer so, verändern den Blick aufs Erlaubte. Ist es so unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung auf dieselbe abschüssige Bahn geraten könnte, sollten ihre Bürger oder Soldaten von Gegnern angegriffen werden, die man nur um den Preis einer Invasion unschädlich machen könnte? Was, anders gefragt, ist eigentlich so problematisch daran, Gegner auszuschalten, bevor sie selbst zuschlagen können?

Nun, zunächst einmal muss man den Gegner identifizieren, und wenn dies Geheimdienste tun, ist es per se schon fragwürdig. Und: Wie viel Gefahr muss von einer Person ausgehen, damit ihr Tod besiegelt werden darf? Im September tötete eine Drohne im Jemen einen Mann namens Anwar al-Awlaki. Er war ein Hassprediger, der eine Reihe von Terroristen zu ihren Taten inspiriert hatte. Das reichte für das Todesurteil. Awlaki war noch dazu amerikanischer Staatsbürger. Nicht einmal das schützte ihn vor der Drohne Obamas. Der Präsident feierte den Tod Awlakis als »Meilenstein« im Kampf gegen Al-Kaida.

Ende des 19. Jahrhunderts war das mächtigste Eroberungsinstrument der europäischen Kolonialmächte das Maxim-Maschinengewehr. Briten, Deutsche und Franzosen vernichteten in Afrika mit der selbstladenden Schnellfeuerwaffe in kurzen, ungleichen Gefechten ganze Heere einheimischer Stämme. »Was immer auch passiert, wir haben das Maxim-Gewehr, und sie nicht«, brachte der franko-britische Schriftsteller Hilaire Belloc das Gefühl der technischen Dominanz auf den Punkt. Was in Wahrheit passierte, war, dass die Europäer ihre Kolonialreiche trotz ihrer modernen Waffen nicht halten konnten – auch und gerade, weil sie mit jedem Schuss Hass säten. »Man kann Kriege nicht alleine durch Technik entscheiden«, resümiert der Militärfachmann der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, Christian Mölling. »Krieg ist ein soziales, ein politisches Ereignis, kein rein technischer Vorgang.«