DrohnenDie Waffe der Überflieger

Der Präsident hakt das Ziel ab, der Pilot am Bildschirm drückt auf den Knopf. Nun will auch die Bundeswehr Kampfdrohnen einsetzen. Wie fliegende Automaten die Kriegführung verändern. von  und

»Terror Tuesday«, sagen Insider, heiße der Dienstag mittlerweile im Weißen Haus. Jeden Dienstag werde Barack Obama im Oval Office eine Liste von Personen vorgelegt, die seine Geheimdienste als »Terroristen« eingestuft haben. Der Präsident wird dann zum Herrn über Leben und Tod. Macht er ein Häkchen, feuert eine Drohne alsbald ihre Rakete ab; in Pakistan, in Afghanistan oder am Horn von Afrika. Raketenbestückt, ausdauernd, per Computerterminal von Florida aus in aller Welt steuerbar – die Kampfdrohne ist mittlerweile die Lieblingswaffe des Friedensnobelpreisträgers Obama. Der amerikanische Pulitzerpreisträger David Sanger schildert in seinem aufsehenerregenden Buch Conceal and Confront, wie routinemäßig der US-Präsident extralegale Tötungen befiehlt. Zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush gab es im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zwischen 2004 und 2007 ganze 18 Angriffe mit bewaffneten Drohnen. Unter Obama sollen es 122 Angriffe nur im Jahr 2010 gewesen sein. Allein die CIA, so vermutet das Experten-Internetportal Long War Journal, habe in den vergangenen acht Jahren 2560 Menschen mit Drohnenangriffen getötet.

Ist das erlaubt? Und ist es klug? Schon oft haben Menschen geglaubt, die endgültige Überlegenheitswaffe entdeckt zu haben. Die Schleuder, der Langbogen, das Gewehr, die Kanone – von jeher übertrumpften sich Armeen darin, aus immer größerer Distanz heraus zu töten. Manchmal gab es Skrupel. Im Jahr 1139 verbot Papst Innozenz II. die Armbrust, weil ihre Pfeile jede Rüstung durchschlagen konnten; dadurch war der gesamte Ritterstand gefährdet. Verbreitet hat sich die Waffe trotzdem. Waffen aber schlugen bisher immer irgendwann auf den zurück, der sie erfunden hat.

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Noch stehen die fliegenden Halbroboter als Symbol für die Überlegenheit des Westens. Nur er kann – im Moment – seine Feinde per Fernsteuerung ausschalten. In dieser unbemannten Grenzüberschreitung besteht der Unterschied zu allen anderen Waffenentwicklungen der Geschichte. Krieg setzte bisher voraus, dass der Krieger sich an den Ort des Geschehens begab. Was aber heißt es für künftige Kriege, wenn jeder jederzeit überall zuschlagen kann – von zu Hause aus?

Das Völkerrecht enthält noch keine echte Antwort auf diese Entgrenzung. Wenn das Pentagon Kampfdrohnen in Kriegsgebieten einsetzt, in Afghanistan etwa, gilt dies grundsätzlich als ein legitimes Mittel, weil es Teil einer militärischen Kriegführung ist. Drohnengeschosse können außerdem genauer treffen als Bomben von Kampfjets, was aber nicht bedeutet, dass der Tod von Unschuldigen vermieden wird. Völkerrechtlich äußerst problematisch ist es, wenn die CIA Killerflieger über verbündeten Staaten wie Pakistan einsetzt. Es handelt sich dann um die Souveränitätsverletzung eines noch dazu offiziell befreundeten Staates. Sie könnte gerechtfertigt sein, wenn mit den Mitteln der Justiz an bestimmte gefährliche Radikale nicht heranzukommen ist. Aber wer bestimmt, wann und ob dies der Fall ist? Und welche Möglichkeit haben die Delinquenten auf Obamas kill-Liste, sich gegen das »Urteil« der Geheimdienste zu wehren? Wenn die natürliche Einsatzgrundlage der Drohne die Unklarheit ist und ihre Methode der Hinterhalt, wer könnte dann, prinzipiell betrachtet, Pakistan verbieten, eigene Drohnen auf Missionen über Amerika zu schicken?

In Amerika ist der Krieg per Joystick ungebrochen populär. Aus verständlichen Gründen: Drohnen töten den Gegner, ohne dass das Leben eigener Soldaten riskiert wird; ihr Einsatz ist billiger als die Entsendung Hunderttausender Invasionssoldaten, das entlastet die klammen Staatskassen. Und er befriedigt eine heimlich gepflegte, aber verbreitete Sehnsucht in der Bevölkerung: Wir müssen uns nicht mehr auseinandersetzen mit diesen lästigen, zurückgebliebenen Gesellschaften, die Terroristen produzieren und unsere Hilfe zurückweisen.

Herrscht eine ganz ähnliche Stimmung nicht auch in Deutschland? Mit viel Geld und Soldaten hat die Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren versucht, Afghanistan zu stabilisieren – offenbar ohne Erfolg. Wir wollten helfen, aber die wollten nicht, lautet das Resümee kurz vor dem Abzug. Schuld sind die anderen, nicht wir. Das Problem ist nur, selbst nach dem Abzug könnte von diesem Land eine Gefahr für den Westen ausgehen — das jedenfalls behaupten die westlichen Regierungen. Wäre es da nicht das Vernünftigste, die teure und ineffiziente Idee des Nation-Building aufzugeben und die Dschihadisten künftig einfach am Monitor zu erledigen? Der grüne Bundestagsabgeordnete und Sicherheitspolitiker Omid Nouripour warnt: »Der Glaube an die Effizienz von Drohnen ist reiner Politik- und Strategieersatz.«

Leserkommentare
  1. Eine Frage Herr Bittner,

    wieso verwenden Sie das Wort "extralegal" im Zusammenhanhang mit Tötungen.

    Laut Duden gibt es dieses Wort nicht und eine kurze englischsschprachige Recherche hat ergeben, dass "extralegal" eins zu eins mit "illegal" übersetzt werden kann, was durchaus ein geläufiges Wort in der deutschen Sprache ist. Warum also diese Verschleierung um schlichtweg actionable, banned, black-market, bootleg, contraband, criminal, crooked, extralegal, felonious, forbidden, heavy*, hot*, illegitimate, illicit, interdicted, irregular, lawless, not approved, not legal, outlawed, outside the law, prohibited, proscribed, prosecutable, racket, shady, smuggled, sub rosa, taboo, unauthorized, unconstitutional, under the table, unlawful, unlicensed, unofficial, unwarrantable, unwarranted, verboten, violating, wildcat, und wrongful Sachen zu vertuschen?!

    7 Leserempfehlungen
    • Spieler
    • 16. Dezember 2012 0:49 Uhr

    Was für eine Sprache!

    Zunächst die der Autoren: Zunächst die hier bereits erwähnten "extralegalen Tötungen" (Seite 1, erster Absatz). Dieses Wort gibt es in der deutschen Sprache nicht und gerade durch diesen Gebrauch kann ich auch in Zukunft gut darauf verzichten.

    Dann beispielsweise noch dies: "Briten, Deutsche und Franzosen vernichteten in Afrika mit der selbstladenden Schnellfeuerwaffe (...) Gefechte ganze Heere einheimischer Stämme." (Seite 2, letzter Absatz).

    "Sie" vernichteten Heere, ja, stimmt schon, richtig wäre aber auch sie, diese Menschen aus Großbritaninen, Deutschland, Frankreich töteten viele Menschen aus... Richtig wäre hier sogar, da ja im Artikel von "kurzen, ungleichen" Gefechten die Rede ist, etwas wie "Sie schlachteten sie ab."?

    Wieso sollte man hier einen neutralen, einen technischen Ton anstreben, das ist meiner Ansicht nach völlig verfehlt.

    Andererseits ist das was die Autoren schreiben noch gemäßigt, das soll auch keine übermäßige Kritik an ihnen sein, doch da sind ja noch die Zitate im Artikel, mit folgendem als traurigem Höhepunkt:

    »Krieg ist ein soziales (...) Ereignis, (...).« (Militärfachmann Christian Mölling, Seite 2, letzter Satz)

    Das ist vielleicht die krasseste Entwertung des Begrifss "soziales Ereignis", die ich jemals gelesen habe.

    Kein Platz mehr für inhaltiche Kommentare, nur noch dies: Ein "neuer" Roman zum Thema autonome Drohnen: "Kill Decision" von Suarez. Aber sein erster Roman "Daemon" ist viel besser (und sehr gut).

    7 Leserempfehlungen
    • Phils_1
    • 15. Dezember 2012 21:20 Uhr

    Um Drohnen effektiv einzusetzen, müssen die gleichen Gegebenheiten wie für Kampfjets bestehen: Luftüberlegenheit und Personal vor Ort, dass sie warten kann, da macht es auch keinen Unterschied ob der Pilot in den USA oder im Container im Camp in Afganistan sitzt. Drohnen sind nicht zielsicherer, billiger, nur deren einziger Vorteil in aktuellen Konflikten ist: Es interessiert keinen wenn sie verloren gehen, da kein Pilot drin ist, der verwundet oder getötet werden kann.
    Wobei das das wichtigste für die aktuellen Konflikte der westlichen Welt ist: Die Verschleierung des Krieges durch die Regierungen und den Menschen in den westlichen Staaten die Möglichkeit zu geben weg sehen zu können, nach dem Motto "keine Toten auf unserer Seite bedeutet kein Krieg". Darum sollte man nicht diskutieren, ob nun Drohnen gut oder schlecht sind, sondern was für eine langfristige Strategie sich Deutschland für Auslandseinsätze geben will.

    6 Leserempfehlungen
  2. Deutschland will Kampfdrohnen anschaffen und natürlich auch einsetzen.

    Damit die auch ordentlich zum Einsatz kommen können, gibt es jetzt das passende Weihnachtsgeschenk. Den Flugroboter "Zephyr" einer französischen Firma, der als Kinderspielzeug angeboten wird.
    Er hat eine Spannweite von 1,5m, kann 90km weit und über 5km hoch fliegen.

    Da können die Kinder und Jugendlichen schon mal vom Wohnzimmer aus üben.
    Ach übrigens, mit Kameras kann man das Gerät auch ausstatten, damit man schon mal verfolgen kann, was Nachbars so treiben.

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  3. Ich weiß nicht, ob es bei dem Akt, das Leben anderer Menschen zu nehmen, einer größeren Unterscheidung bedarf, also ob es sich um Drohneneinsätze handelte oder andere Luftangriffe. Solange es kausal zusammenhängt, dass ohne diesen Einsatz gewisse Menschen nicht gestorben wären, handelt es sich um Tötung, handelt es sich um Mord, und dieser ist niemals gerechtfertigt. Er ist nur nicht moralisch, also meiner Meinung nach, nicht gerechtfertigt, sondern offenbar gibt es auch ernst zu nehmende Untersuchungen, dass sie kontraproduktiv sind. Siehe Kilcullen.

    Angesichts der ganz routinemäßigen Tötungen durch den amerikanischen Staat, bei dem auch unglaublich viele Zivilisten unschuldig sterben und deren Angehörige unvorstellbares Leid erfahren müssen, finde ich die Anteilnahme an den Hinterbliebenen nach dem Amoklauf in Newtown fast abstoßend. Ich glaube nicht, dass die Motivationen eines Staates bei einer statistisch erwiesenen "Trefferquote von zwei Prozent" edler sind als die eines solchen Amokläufers. Diese Dimension wird in den Diskussionen leider nie erörtert. Wer erklärt diesen Hinterbliebenen ihr Beileid?

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  4. „Drohnenschläge schafften deutlich mehr Terroristen, als sie eliminierten“

    Eine solche Politik, die Terroristen schafft, ist ebenso kriminell wie töricht.
    Drohnenschläge selbst sind eine Form des staatlichen Terrorismus.Besonders infam – double tap drone strikes:

    “a disturbing tactic employed by the U.S. that is widely considered a war crime.
    Known as the "double tap," the tactic involves bombing a target multiple times in relatively quick succession, meaning that the second strike often hits first responders. “

    “UN special rapporteur on extrajudicial killings Christof Heyns said that if there are "secondary drone strikes on rescuers who are helping (the injured) after an initial drone attack, those further attacks are a war crime."”

    http://www.businessinside...

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  5. > Das heist aber noch lange nicht, dass die Bundeswehr
    > Soldaten in einem "legitimen" Gefecht 20 Minuten lang im
    > Stich lassen sollte, nur weil der Autor keine Drohnen mag.

    Was haben die dort überhaupt verloren? Die Grundfrage über Sinn und Unsinn des Krieges wird nicht mehr gestellt.

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  6. "Technologisch können wir die Autonomie sehr weit treiben. Nicht die Technik wird der limitierende Faktor sein, sondern die Politik"

    Das soll eine Warnung sein?

    "Technologisch können wir die Ausstattung von Krankenhäusern verbessern. Nicht die Technik wird der limitierende Faktor sein, sondern die Politik."
    Ist meine obige Aussage etwa eine Warnung vor mehr Investitionen in Krankenhäuser?

    Zudem sind Drohnenangriffe an sich nicht verwerflich. Sie führen per se auch nicht zu diplomatischen Verwerfungen oder Extremismus. Drohnenschläge führen auch nicht zwangsläufig zu unnatürlich vielen zivilen Opfern.

    Dass Obama Drohnenangriffe auf Basis schwacher Berichte in fremden Ländern autorosiert und dabei zivile Opfer in Kauf nimmt, ist (s)eine politische Entscheidung.

    Das heist aber noch lange nicht, dass die Bundeswehr Soldaten in einem "legitimen" Gefecht 20 Minuten lang im Stich lassen sollte, nur weil der Autor keine Drohnen mag.

    Und noch ein Punkt: Auch die bisherige Waffentechnik wird und wurde teils falsch eingesetzt. Man denke kurz an Kunduz.

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    > Das heist aber noch lange nicht, dass die Bundeswehr
    > Soldaten in einem "legitimen" Gefecht 20 Minuten lang im
    > Stich lassen sollte, nur weil der Autor keine Drohnen mag.

    Was haben die dort überhaupt verloren? Die Grundfrage über Sinn und Unsinn des Krieges wird nicht mehr gestellt.

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  • Schlagworte Antiterrorkampf | Krieg | Drohne | Pakistan | Afghanistan
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