LanglaufSpur zum Glück

100 Kilometer mit Skatingski von Osttirol nach Venetien – und der Koffer reist hinterher. In Skandinavien hat Loipenwandern ohne Gepäck Tradition. In den Alpen ist der Service neu. von Wolf Alexander Hanisch

Das Bild wurde auf der Grenzlandloipe im Leitertal bei Obertilliach aufgenommen, im Hintergrund die Karnischen Alpen.

Das Bild wurde auf der Grenzlandloipe im Leitertal bei Obertilliach aufgenommen, im Hintergrund die Karnischen Alpen.  |  © TVB Osttirol/Region Hochpustertal

Hat jemand behauptet, es gäbe Glückshormone? Körpereigene Rauschmittel, die bei großer Anstrengung Schmerz und Verdruss verschwinden und Hochgefühle triumphieren lassen? Das muss ein Irrtum sein. Seit einer Stunde hämmert mein Herz, rast mein Puls, rinnt mein Schweiß. Aber Glück? Kein Deut. Dabei könnte ich diesen steilen Anstieg zu Fuß glatt genießen. Über mir schraffieren Fels und Schnee die Karnischen Alpen wie einen gigantischen Kupferstich, links und rechts zittert Sonnenlicht im Fichtenspalier. Doch es hilft nichts. Die Langlaufski an meinen Füßen wollen mir nicht gehorchen. Kaum breiter als Streichholzschachteln, ignorieren sie die Kraft meiner Beine und überfordern meinen Gleichgewichtssinn. Immer wieder rudere ich mit den Armen wie der Volksschauspieler Hans Moser, wenn er einen betrunkenen Kellner gibt. Was ja noch ginge. Aber wie soll ich so jemals 100 Kilometer schaffen?

Von Obertilliach im Osttiroler Lesachtal bis ins italienische Cortina d’Ampezzo führt die Transdolomiti-Strecke, die ich in drei Tagen auf Langlaufski bewältigen will. Von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel. Die Route gehört zu einem 1300 Kilometer umfassenden Loipengeflecht, das sich über Ost- und Südtirol, Friaul und Venetien erstreckt. Es nennt sich Dolomiti Nordicski und ist das größte Langlaufkarussell Europas. Neu daran ist, dass mein Gepäck separat reist: Wenn ich abends ins Hotel komme, steht mein Koffer schon im Zimmer.

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Beim Skiverleih heute Morgen in Obertilliach hatte ich mich in einem Anfall von Anfängerchuzpe für Skatingmodelle entschieden. Immerhin hat die flotte Variante auf gewalzten Bahnen den Langlauf von seinem Kniebundhosenimage befreit. Und im Fernsehen wirkt sie doch so spielerisch! »Das packst du locker«, hat mein Guide Eugenio außerdem gesagt. Vor drei Jahrzehnten war er Mitglied der italienischen Langlauf-Nationalmannschaft und Vizeeuropameister. Als ich ihn traf, konnte ich das kaum glauben. Eugenio ist einen Meter sechzig groß und hat die Figur eines Kugelstoßers. Mit dem ersten Gleitschritt jedoch verwandelte er sich in eine Elfe. Jetzt schwebt er im azurblauen Dress vor mir her und verhöhnt die Gesetze der Schwerkraft.

Als sei die Diskrepanz zwischen Elfe und Hampelmann nicht demütigend genug, schreien mich jetzt auch noch bewaffnete Frauen aus der Bahn. Sie sprinten bergauf an mir vorbei, als sei der Tod hinter ihnen her. Gerade noch erkenne ich die schwarz-rot-goldenen Flaggen auf ihren Waden. Die Amazonen gehören zum deutschen Biathlon-Nationalteam, das in Obertilliach regelmäßig sein Trainingscamp aufschlägt. Und es ist nicht das einzige. Seit einigen Jahren gibt es dort ein Biathlonzentrum, das jetzt irgendwo unter uns in einer Mulde liegt und Spitzenmannschaften aus aller Welt anlockt. Dazu zählt auch der norwegische Ausnahme-Athlet Ole Einar Björndalen, der hier sogar gemeldet ist.

Noch vor ein paar Stunden stand ich mit südkoreanischen und australischen Biathleten im Supermarkt an der Kasse. In ihren wurstpellenengen Rennanzügen wirkten sie wie Außerirdische auf Erdenbesuch. Denn dem Haufendorf Obertilliach ist alles Grelle fremd. Es klebt an einem Berghang und hält tagsüber seine Holzfassaden der Sonne hin. Nachts leuchtet allerorten Neonlicht aus Kuhstallfenstern, vor denen Touristenfamilien wie vor Dioramen stehen. Mit grünlich angestrahlten Gesichtern heben sie ihre Kinder hoch und schauen den Kühen beim Verdauen zu. Mehr ist in Obertilliach nachts auch nicht los.

Als Eugenio und ich am Abend des ersten Tages Sillian erreichen, hat sich aus meiner Langlaufpein längst eine Art Leidensstolz entwickelt. Die letzten Kilometer fuhren wir mit dem Skibus, denn hinter Kartitsch brach die Loipe ab. Ganz so lückenlos dreht sich das Karussell dann doch nicht. Wie in Obertilliach sagen sich auch in Sillian Fuchs und Hase Gute Nacht. Aber Après-Ski und Langlauf passen ohnehin nicht zusammen. Speckknödel, zwei Bier, ein Bett – mehr braucht es heute Abend nicht.

Am nächsten Morgen fühle ich mich merkwürdig geschmeidig. Vom befürchteten Muskelkater keine Spur. Doch bevor es losgeht, ordnet Eugenio erst Gleichgewichtsübungen ohne Stöcke an. Wir fahren Kreise, balancieren storchenhaft auf einem Bein und werfen unsere Arme in die Luft, als verteilten wir Kusshände. Dabei sehen wir wohl aus wie Funkenmariechen. »Nä, wat schön!«, ruft prompt ein rheinisches Rentnerpaar.

Eugenios Übungen und Instruktionen wirken Wunder. Zweitakter-Symmetrisch heißt die weit und pathetisch ausschwingende Technik, mit der wir jetzt in Richtung Italien unterwegs sind – und die sich viel eleganter anfühlt, als sie heißt. Was auch daran liegt, dass es nun lange über den flachen Boden des Hochpustertals geht. Als wir die Grenze passieren, schließe ich zu Eugenio auf und habe sogar genug Luft, mich mit ihm zu unterhalten. Zum Beispiel darüber, wie der italienische Politiker und Nationalist Ettore Tolomei einst mit einem Notizblock durch diese Gegend streifte und alle deutschen Ortsnamen italianisierte, als betexte er einen Möbelkatalog. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Zerschlagung der Donaumonarchie war Südtirol Italien zugesprochen worden. Und Tolomei trat mit seinem Assimilierungsprogramm an, alles Deutsche aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Sogar Familiennamen und Grabinschriften wurden italienisch. Heute ist Südtirol längst eine autonome Region.

Und da ist es doch toll, dass man hier zwei Sprachen spricht, oder, Eugenio? Aber der macht nur ein grimmiges Gesicht. Dann erzählt er, wie schwierig es ist, für seine Langlaufschule in Toblach zweisprachige Skilehrer zu finden. Einen Grund dafür nennt er auch. »Früher gingst du durch ein Tor in die Schule, egal, ob dein Unterricht auf Deutsch oder Italienisch war. Mittlerweile ist alles strikt getrennt. Die Lehrpläne, die Ansprüche, sogar die Pausenklingeln sind verschieden.« Eugenio lästert über die Südtiroler Politik bis Innichen. Ettore Tolomei machte daraus San Candido.

Leserkommentare
  1. 1. Super!

    Toller Bericht - nimmt mich absolut mit!

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