LanglaufSpur zum Glück
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 Die Beine werden schwerer, die Pausen häufiger

Cortina d'Ampezzo

Cortina d'Ampezzo  |  © dpa - Bildfunk

Vielleicht sind die verstörend lebensgroßen Kruzifixe entlang der Loipe schuld daran, dass ich mir im Ort die uralte Stiftskirche ansehen will. In ihr ist es düster wie in einem Höhlentempel. Lange betrachte ich die Kreuzigungsgruppe, in der Jesus auf dem Kopf Adams steht und gar nicht leidend schaut. Eher wie ein stolzer Sieger über den Tod. Ich nehme mir an ihm ein Beispiel. Denn ab Innichen führt die Loipe elend lang bergauf in die Sextener Dolomiten. Wieder ist es furchtbar anstrengend. Doch Eugenios Elfenschritte wirken hypnotisierend wie ein Pendel und bringen mich in einen stoischen Rhythmus. Gleitschritt rechts, Stockeinsatz, Gleitschritt links. Meine Gedanken fließen im Gleichmaß des Atems. Und meine Augen können sich endlich an der Landschaft sattsehen.

Die Alpen haben sich vor Millionen Jahren aufgefaltet. Das Gesteinstheater der Sextener Dolomiten wirkt jedoch so ungestüm, als sei es erst letzte Nacht aus dem Boden geschossen. Vor allem bei unserem Abstecher ins hochalpine Fischleintal ist es, als glitten wir durch ein megalomanes Bühnenbild. Je höher wir kommen, umgeben von exzentrischen Zacken, desto mehr verstehe ich, warum die Alpen in aller Welt als Chiffre für das Paradies gelten. Ohnmächtig vor Hunger, vertilge ich im Rifugio Fondo Valle Hochkalorisches, dann geht es wieder zurück. Und das heißt: bergab. Wie in einem Langlauf-Werbespot zischen wir durch die Lärchen- und Fichtenwälder. Nun bin ich es, der Langsamere aus der Bahn ruft und mit kleinen Wechselschritten in den Kurven für zusätzliches Tempo sorgt. Hans Moser war gestern. Heute bin ich Ole Einar Björndalen! Im Tal beginnt die Dämmerung das Licht zu schlucken. Bald darauf sind wir in Toblach.

Die letzte Etappe nach Cortina beginnt bei aufbruchsblauem Himmel und führt gleich wieder hin zu einem sinnlos glücklich machenden Gebirgspanorama. Zum Cristallo-Massiv mit seiner kalksteinernen Punkfrisur. Zur Rotwand, die man auch für eine kolossale Burg halten könnte. Oder zu den kapriziösen Felsstatuen der Drei Zinnen. Als ich sie sehe, erschrecke ich beinahe ein bisschen. Die gibt es also tatsächlich und nicht nur in Luis-Trenker-Filmen. Schon am frühen Nachmittag brennen sie im Sonnenlicht orangefarben wie Fackeln. Doch Eugenio und ich zahlen einen Preis für das Schauspiel: Der Schnee unter unseren Skiern erinnert immer mehr an wässriges Sorbet.

Die Beine werden schwerer, die Pausen häufiger. Irgendwann hält Eugenio wieder an und deutet mit dem Stock auf Bergflanken. Mühsam erkenne ich, was er meint. Es sind die Reste von Bunkern und Stellungsanlagen. Wir befinden uns mitten in einem Paradies, das im Ersten Weltkrieg zur Hölle wurde. Allein zwischen den Gipfeln des Monte Piana und des Monte Piano gleich vor uns verloren damals 14000 Soldaten ihr Leben. Den südlichen Hauptgipfel des Massivs hielten die Italiener, den nördlichen die Österreicher. Sie sind kaum mehr als einen Steinwurf voneinander entfernt.

Eugenio erzählt mir nichts Neues. Mein Großvater kämpfte hier als österreichischer Kaiserjäger gegen italienische Alpini – und bei denen, sagt Eugenio, habe sein Großvater gedient. Verblüfft sehen wir uns an: die Enkel derer, die damals aufeinander schossen. »Aber sie haben vielleicht auch zusammen gefeiert«, sagt Eugenio und streicht über sein akkurat rasiertes Bartkunstwerk. Dann erzählt er, wie sein Großvater als Bote zwischen den Fronten unterwegs war und gemeinsame Treffen organisierte. Und tatsächlich zechten Österreicher und Italiener manchmal in der Nacht gemeinsam – um am nächsten Tag wieder die Geschütze sprechen zu lassen.

Anreise

Zum Beispiel mit Germanwings zum Flughafen Klagenfurt und weiter mit dem Bus nach Lienz, wo der Vermieter aus Obertilliach die Gäste abholt. Oder mit der Bahn nach Sillian und weiter per Bus nach Obertilliach. Mit dem Auto von München über Kitzbühel und Mittersill auf die Felbertauernstraße nach Matrei. Von dort weiter über Lienz nach Obertilliach

Langlaufpaket

Vier Nächte im Doppelzimmer mit Halbpension in Drei- bzw. Viersternehotels, Gepäcktransport und alle Transfers, eine Wochenkarte des Dolomiti Nordicski sowie eine Mobilcard zur Nutzung aller Verkehrsmittel kosten in der Nebensaison vom 5. Januar bis zum 2. Februar sowie vom 2. März bis Saisonende 289 Euro, in der Hauptsaison vom 3. Februar bis zum 1. März 369 Euro.

Einen Tourguide pro Tag und Gruppe gibt es für 150 Euro. Tourismusverband Osttirol – Region Hochpustertal, 9920 Sillian 86, Tel. 0043-50/212212

Informationen

www.osttirol.com

www.dolomitinordicski.com

Gedankenverloren skaten wir Cortina entgegen. Es geht jetzt leicht bergab, über Viadukte und durch Tunnel und vorbei an melancholisch verwitternden Bahnhäuschen. Die Loipe ist auf der Strecke der ehemaligen Dolomitenbahn gespurt. Unser Gleiten ist fast ein Schweben und führt durch ein heiteres Hochglanzbilderbuch aus Bergen, Wäldern und Schluchten. Längst bin ich überzeugt, dass die Sache mit den Glückshormonen doch stimmt.

Als wir später über den Corso Italia von Cortina schlendern, ist es, als riefe ein Regisseur gleich »Bitte!« und David Niven schritte aus der Tür einer Boutique. Im Olympiaort von 1956 flanieren betagte Männer mit Borsalinos und weißen Schals neben Frauen im Pelz. Sogar die Kinder wirken in ihrer penetranten Eleganz wie für einen Set drapiert. Weiter weg von Obertilliach kann man nicht sein. Das Schöne daran: Den Kontrast haben wir uns selbst erlaufen. Auf der Terrasse einer Trattoria heben Eugenio und ich unsere Gläser voller Wein und Sonnengefunkel. Wir zwinkern uns zu. Und können uns nicht gegen die Vorstellung wehren, unsere Großväter beobachteten uns dabei.

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Leserkommentare
  1. 1. Super!

    Toller Bericht - nimmt mich absolut mit!

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