Germanwings : Vorne hui, hinten neu lackiert

Der Billigflieger Germanwings soll das Europageschäft der Lufthansa retten. Ein riskanter Versuch.

Wenn Germanwings-Chef Thomas Winkelmann an diesem Donnerstag das Modell eines neu lackierten Airbus A319 präsentiert, beginnt die größte Wette in der jüngeren Luftfahrtgeschichte. Auf dem Spiel steht: das Überleben der Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa im Europaverkehr. Winkelmann soll von Januar an dafür sorgen, dass Deutschlands größte Fluggesellschaft auf der Kurzstrecke endlich Geld verdient – und nicht wie zuletzt dreistellige Millionenbeträge verliert. Um das zu erreichen, wird er nach und nach viele Strecken der Lufthansa übernehmen und den direkten Wettstreit mit den Billigfliegern easyJet und Ryanair aufnehmen. Der deutsche Konzern hat nur diese eine Chance.

Spricht Winkelmann darüber, steht der Sieger fest: »Germanwings soll so erfolgreich werden wie der VW Golf. Ein klassenloses Produkt, das jeder gerne nutzt.« Aber genau das ist die Krux. Die Lufthansa hat sich früher gerne mit der Mercedes-S-Klasse verglichen. Kann da eine konzerneigene Tochtergesellschaft sagen, der VW Golf sei ihr Vorbild? Zwei Leitbilder in einem Konzern – geht das? Es ist mindestens ein Kulturbruch, der nicht nur die Mitarbeiter zu entzweien droht, sondern erstmals auch vor den Kunden nicht haltmacht: Schon jetzt gehen wütende Protestmails von Business-Class-Fliegern in der Lufthansa-Zentrale ein, die gegen die Umstellung sind. Wie will Winkelmann diese anspruchsvolle Klientel begeistern?

»Klar geht das«, sagt Winkelmann und redet wie jemand, der auf Lottozahlen wettet, die er schon kennt. Die Topmanager der Lufthansa, Christoph Franz und Carsten Spohr, sind verhaltener. Sie haben alle Alternativen geprüft und viele verworfen. Mal wurde die Übernahme von easyJet erwogen, erzählen Unternehmensberater, dann wurde gar ein Szenario durchgespielt, in dem sich die Lufthansa ganz aus dem Europaverkehr zurückzieht. Am Ende stand fest: Die Lufthansa soll ihren eigenen Weg finden.

Germanwings soll so erfolgreich sein wie Volkswagen im Automobilbau

Ganz in diesem Sinne verschwindet die Marke Lufthansa nicht vollständig von den kleinen Flughäfen. Wer in Richtung eines Drehkreuzes, also nach Frankfurt oder München, abhebt, wird auch künftig von einer Lufthansa-Crew betreut. Nach Gewerkschaftsangaben arbeiten dadurch zwei Drittel der Lufthansa-Flugbegleiter auf der Kurzstrecke weiter im Zeichen des Kranichs.

Die Frage, ob Lufthansa-Passagiere auch in die neu designten Germanwings-Flieger mit brombeerfarbenem Schriftzug einsteigen, hängt davon ab, ob konservative Geschäftsreisende, die Billigflieger bisher meiden wie Porsche-Fahrer einen Skoda, für Germanwings eine Ausnahme machen. Dafür muss das Produkt exklusiv sein, und die Fluggesellschaft spricht daher von »günstig, aber nicht billig«. Touristen wiederum fliegen nur dann Germanwings, wenn es sie so wenig kostet wie Ryanair und easyJet.

Wie die Wette ausgeht, kann dieser Tage niemand sagen. Aber wie es Germanwings schaffen will, erzählt Winkelmann ganz genau.

Die Economy Class für Sparfüchse hat den gleichen Sitzabstand wie die bei Air Berlin: 73,5 Zentimeter. Ein 1,92-Meter-Mann wie Winkelmann erfährt dort am eigenen Leib, warum dieser Abstand als Schmerzgrenze für die Kunden gilt. »Wer nur billig möchte, kann es haben«, sagt er. Getränke und Essen werden hinten im Flugzeug gegen Aufpreis angeboten, die Kofferablagen bleiben winzig.

In den ersten Reihen gibt es hingegen das Produkt super-duper, so der interne Arbeitstitel. »Dort kann man sogar dazubuchen, dass garantiert niemand neben einem sitzt«, sagt Winkelmann. Der Abstand zwischen den Sitzen ist knapp acht Zentimeter größer. Getränke, Raum für Koffer, Loungezutritt gibt es alles inklusive, dazu beschleunigtes Einsteigen und schnellere Sicherheitskontrollen.

Winkelmann hatte fast 20 Jahre für die Lufthansa gearbeitet, ehe er 2006 zur Konzerntochter nach Köln wechselte. Doch von der eher konformen und konsensorientierten Lufthansa-Welt hat er nicht viel mitgenommen. Der 52-Jährige zieht Krawatten nur auf Empfängen an, zum Telefonieren fläzt er sich gern in einen Werbe-Liegestuhl mit Germanwings-Aufdruck, nachdenken kann er am besten, wenn er einen Baseball an die Wand wirft:

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Macht mal...

Immer schön billig... Beim Service ist die Lufthansa eh schon Kreisklasse, da kann man die Bequemlichkeit gleich nachziehen.

Ihr Strategen von Lufthansa... Euer Wasserkopf ist zu aufgebläht, versteht ihr aber sowieso nicht. Von Hannover fliegt übrigens auch die Swiss, KLM und Air France... Die beiden erstgenannten sind sowieso schon besser.

Alois, sen.

@ Monaco Franze: Immerhin

Sie erwähnen hier die Ergbenisse von 2011 und Skytrax (?) - ich bin auf mindestens genauso aussagekräftige Ergebnisse der World Travel Awards von 2012 (12.12.2012) eingegangen - s. www.worldtravelawards.com...
Gewürdigt wurde, dass LH in der Economy ein sehr konstant hohes Qualitätsniveau weltweit bietet, mit FlyNet ein sehr innovatives und schnelles WLAN an Bord auf vielen Flugzeugen angeboten wird. Lufthansa hat einen ersten Airbus bereits ebenfalls A320 mit der IFE-Lösung "BoardConnect" ausgerüstet. Passagiere können somit nun auch auf Flügen innerhalb Europas mit ihren WLAN-fähigen Endgeräten das Unterhaltungsystem nutzen. Dies ist eine wegweisende Entwicklung. Außerdem bietet LH ergonomische, mit diversen Instituten entwickelte Sitze, noch echte Daunenkissen in der Eco und ein exzellentes kostenfreies Getränkeangebot. Und horchen Sie mal in anderen Medien im Ausland - unsere LH kommt irgendwie nur in Deutschland (in Foren)schlecht weg. Intere Bordbefragungen zeigen nämlich Zufriedenheitswerte weit über 80%.

WLAN & Co.

Um ganz ehrlich zu sein, das Flugzeug ist der einzige Ort, an dem ich nicht via Mobiltelephon & Mail erreichbar bin - und das ist auch gut so... (Zumindest wenn man sogar bei Krankheit und Urlaub erreichbar sein muß) Die Getränkeauswahl ist gut, wird aber auch mehr und mehr ausgedünnt. Die Sitze? Mir tut schon nach einer Stunde alles weh, im Dienstwagen kann ich sechs bis acht Stunden ohne Pause & Beschwerden fahren. Das Daunenkissen kann ich in Economy nicht nutzen, da ich bei dem bescheiden Platzangebot nicht schlafen kann. Wie schon gesagt, mir persönlich ist ein halbwegs verträgliches Sitzen wesentlich mehr wert als Boardprogramm, Essen & Getränke. Und bei den Ticketpreisen, die ich genannt habe erachte ich dies eigentlich als Selbstverständlichkeit. Wer nur ein paar Euros für's Ticket investiert, der soll sich nicht beklagen. Bei mir schaut das aber anders aus. Wenigstens hat LH nun angekündigt demnächst ECO Plus anzubieten. Je nach Qualität & Preise, die einem dann angeboten wird werde ich ggf. doch noch öfter fliegen; sprich von FTL auf Senatorstatus kommen. Wenn nicht werde ich eben weiterhin die Laufleistung des Leasingvertrages (und damit den regulären Kosten) weit überschreiten. Das ist der Firmenleitung egal, ganz im Gegendsatz zu Business Tickets...

Die Lufthansa hat sich früher gerne...

"Die Lufthansa hat sich früher gerne mit der Mercedes-S-Klasse verglichen."

Echt? Da spinnt jemand. Wie ist dann er überhaupt auf das Idee gekommen? Die NEK bei LH gilt längst als eine der schlimmsten in Europa. Ryanair mit den dickeren Sitze sind doch deutlich besser. Sitzabstand 31 Zoll, nur etwa 2,5 cm mehr als Ryanair. Was ist daran so besonders, die Marke LH als Premium anzusehen? Ein freies Gepäck und Heißgetränke sicher nicht. Also ich würde LH mehr oder weniger als VW Polo einstufen.

Die einzigste Premium Kabine in Europa ist nur auf der Strecke München - Manchester zu finden, und zwar weil sie durch SQ geflogen ist.