Es gibt Dinge, die will der Mensch, und Dinge, die braucht der Mensch. Der freie Markt tut so, als seien Wollen und Brauchen dasselbe; als bräuchten wir nur die Dinge, die wir uns kaufen. Würden wir dem Markt trauen, dann bräuchten wir keine Museen, keine Orchester, keine Bibliotheken. Dann bräuchten wir in Teilen der Welt auch keinen investigativen Journalismus mehr. Weil es dafür nicht genug Nachfrage gibt. Weil man damit kein Geld verdienen kann.

An der Südspitze Manhattans sitzt ein Mann, der dem freien Markt nicht traut: Stephen Engelberg, 54. Engelberg war lange ein angesehener Zeitungsmann, er hat fast zwei Jahrzehnte bei der »New York Times« gearbeitet und dort das Investigativteam aufgebaut. Journalist ist Engelberg auch heute noch. Nur die Zeitung hat er hinter sich gelassen. Sein neues Büro ist einen Block von der Wall Street entfernt, 55 Broadway, ein ockerfarbenes Gebäude mit Marmorplatten im Eingang, 23. Stock. Aus dem Konferenzraum blickt man auf den Hudson River. Hier sitzt ProPublica, ein Recherchebüro, das sich allein aus Spenden finanziert. Engelberg hat es 2008 mitgegründet.

DIE ZEIT: Herr Engelberg, ProPublica lebt von Spenden. Nehmen die Spender Einfluss auf das, was Sie schreiben?

Stephen Engelberg: Nein. Sie haben kein Mitspracherecht bei redaktionellen Entscheidungen. Wenn uns jemand eine Million Dollar im Jahr verspräche, damit wir schreiben, dass der Klimawandel eine schreckliche Sache ist – dann würden wir das Geld nicht annehmen. Wir recherchieren zuerst und bilden uns dann eine Meinung. Wir wollen keine Spender, die Anspruch auf ein Fazit stellen.

ZEIT: Vor fünf Jahren haben Sie Ihren Job gekündigt und ProPublica mitgegründet. Was hat Sie gestört?

Engelberg: 50 Jahre lang haben die Verlage unfassbar viel Geld mit Anzeigen verdient, die sie in ihren Magazinen und Zeitungen gedruckt haben. Sie haben jährliche Gewinne von 20 bis 30 Prozent eingefahren. Seit es das Internet gibt, sind die Gewinne eingebrochen. Die Zeitungen müssen sparen, und sie sparen dort, wo besonders viel Geld ausgegeben wird: bei aufwendigen Recherchen. Da ist eine Lücke entstanden, die wir mit ProPublica besetzen.

ZEIT: Warum braucht es eine Organisation wie ProPublica?

Engelberg: Um Missstände aufzudecken und die Demokratie zu schützen. Dafür müssen Journalisten gründlich recherchieren, oft jahrelang an einem Thema arbeiten. Sie müssen es sich leisten können, auch mal einer Spur nachzugehen, die am Ende vielleicht ins Leere führt. Solche Recherchen kosten Geld, manchmal 400.000 Dollar – das ist viel mehr, als man auf dem Markt dafür verlangen kann. Wenn wir als Gesellschaft nicht auf diese Art von Journalismus verzichten wollen, müssen wir sie zum öffentlichen Gut machen, so wie Museen und Theater.

ZEIT: Was machen Sie mit den fertig recherchierten Geschichten?

Engelberg: Wir verschenken Sie an Zeitungen und Magazine oder an den Rundfunk.

ZEIT: Warum?

Engelberg: Wir wollen uns auf Inhalte konzentrieren und Druck- und Vertriebskosten vermeiden. 85 Cent jedes Dollar, den wir sammeln, stecken wir direkt in die Recherche. Die Veröffentlichung unserer Geschichten übernehmen große Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. Außerdem kann man die Geschichten auf unserer Internetseite lesen.

ZEIT: Welche Geschichten sind das genau?

Engelberg: Eine zum Beispiel handelt vom Machtmissbrauch der Polizei nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans. Die Polizisten sollten die Plünderungen in der Stadt verhindern und haben dabei Unschuldige erschossen. Wir haben das über einen langen Zeitraum recherchiert, und nachdem die Geschichte erschien, wurden einige der Polizisten zu 25 Jahren Haft verurteilt. Noch wichtiger war, dass die Regierung im Anschluss die Polizeibehörde von New Orleans reformiert hat. Dafür haben wir ProPublica geschaffen: für Geschichten, die etwas bewirken.

ZEIT: Macht es Ihnen Angst, dass die Zeitungsauflagen sinken?

Engelberg: Nein. Meine Enkelkinder werden darüber lachen, dass wir Nachrichten mal auf Papier gelesen haben. Angst macht mir etwas anderes: Wegen der sinkenden Auflagen wurden viele Stellen gestrichen. Das bedeutet, dass es jetzt weniger Journalisten gibt, die zum Beispiel die Regierung beobachten. Das ist ein Problem, denn Journalisten berichten nicht nur über Dinge, die schiefgelaufen sind. Sie sorgen auch dafür, dass Dinge gar nicht erst schieflaufen. Regierungsmitglieder benehmen sich besser, wenn sie wissen, dass ein Journalist sie beobachtet.