MeisterkurseLektion vor Publikum

Meisterkurse können für junge Musiker Hinrichtung oder Offenbarung sein. Der berühmte Pianist Leon Fleisher unterrichtete in Düsseldorf. von Wolfram Goertz

»In diesem toten Blatt ist zu viel Leben.« Das sieht der ältere Herr nicht – er hört es. Die Sicherheit, mit der er seinen Befund mitteilt, lässt den erfahrenen Profi erkennen. Der Diagnostiker mit Bart, Brille, heller Stoffhose und Freizeitjacke ist aber kein Baumforscher, kein Botaniker. Er heißt Leon Fleisher und ist mit 84 Jahren der Dienstälteste unter den großen Pianisten der Gegenwart. Jetzt gibt er einen mehrtägigen öffentlichen Meisterkurs an der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule. Drei Studentinnen haben sich angemeldet, um bis in die Fingerspitzen gezwirbelt zu werden. Der Kammermusiksaal ist sehr gut gefüllt: Studenten, Dozenten, Musikfreunde aus der Stadt.

Soeben spielt dem Meister die Dänin Anne Sofie Sloth Nilausen das Prélude Feuilles mortes (»Tote Blätter«) von Claude Debussy vor. Jeder Akkord müsse hier, findet Fleisher, welk am Boden liegen, Frau Nilausen aber betreibe Reanimation. Schon der erste Akkord ist Fleisher zu vital. »Wiederholen Sie ihn – leiser«, bittet der Maestro, der neben ihr am Klavier sitzt. Frau Nilausen versucht es, Fleisher lobt – doch noch 22 Mal wird sie diesen Akkord anschlagen müssen, bis der Lehrer sich entspannt und ruft: »That’s it!«

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Junge Musiker lieben solche mitleidlosen Manöver nicht, aber sie brauchen sie. Meisterkurse bedeuten Unterricht bei einem Star, das liest sich gut in der Biografie und beflügelt das Selbstbewusstsein. Entweder bieten die Hochschulen die Kurse ihren hochbegabten Studierenden an (in Düsseldorf hat der Förderverein die Kosten für Fleishers Engagement übernommen), oder renommierte Musiker laden für eine ganze Woche an einen ausgewählten Ort, um dort etwa 20 Teilnehmer zu unterrichten. Die müssen sich bewerben und einige hundert Euro aus eigener Tasche zahlen, je nach der internationalen Reputation des Coachs. In Härtefällen helfen Stipendien. Meisterkurse für Laienmusiker sind selten. Die Stars unterrichten nur ungern unterhalb eines gewissen Niveaus.

Öffentliche musikalische Hinrichtungen

In jedem Fall erhöht die Öffentlichkeit solcher Meisterkurse den Stress für den Nachwuchs, aber das ist gewollt. Wer nur im Kämmerlein musikalische Höchstleistungen zuwege bringt, sollte seinen Berufswunsch überdenken. Vor Publikum gelobt zu werden ist ein erhebendes Gefühl. Man hat aber auch schon Hinrichtungen erlebt. Kurse mit der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf endeten für manches zarte Sänger-Gemüt im Weinkrampf. Aus spitzem Mund bekam der Schüler mitgeteilt, dass er noch am Anfang des Singens stehe. Bei manchem war für Frau Schwarzkopf schon der erste Ton verkorkst, bevor er ihn überhaupt gesungen hatte.

Fleisher ist dagegen der Prototyp des einfühlsamen Pädagogen, denn er hat am eigenen Leib erfahren, dass man als Musiker auf Hilfe angewiesen sein kann. Er war Schüler des legendären Artur Schnabel, hatte weltweit konzertiert und famose Platten mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell eingespielt, bis ihn in den sechziger Jahren eine Nervenkrankheit zum einarmigen Pianisten machte: Sobald er den vierten Finger der rechten Hand bewegte, verkrampfte er sich. Fokale Dystonie nennen das Mediziner, und erst Jahrzehnte später kannten sie ein Gegenmittel: die Injektion des Nervengifts Botulinumtoxin, kurz Botox.

Bald begriff Fleisher auch, was seine Misere ausgelöst hatte: zu heftiges Üben. Deshalb predigt er in Düsseldorf die Entschleunigung und lässt die Kandidaten eine Phrase auch mal singen – oder nur denken: »Stellen Sie sich Debussys Orchesterfarben vor! Hier, diese Stelle klingt doch, als könne sie ein gestopftes Horn spielen.« Frau Nilausen nickt, aber die Botschaft muss sie erst für sich und ihre Finger übersetzen. Das wird Wochen brauchen. Ihr Fazit hinterher ist trotzdem positiv: »Fleisher hat in mir etwas angeregt: streng mit mir selbst zu sein!«

Leserkommentare
  1. Die Anmerkungen Fleishers können einen Pianisten begeistern, auch wenn sie andere Künstler betreffen. Ich verneige mich in Demut. Wenige Augenblicke in denen man fürs Leben lernt.

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  2. aber für die meisten Nachwuchspianisten erfüllt sich der Wunsch nach Ruhm und Anerkennung wohl nie. Das Musikgeschäft braucht nur wenige Virtuosen. Also suchen sich die Marketingspezialisten diejenigen aus, die gleichermaßen schön und virtuos sind. Konzertsääle, die zu einem Sechstel mit Gästen gefüllt sind, bleiben bei Klavierabenden eine traurige Realität. Und das liegt sicher nicht an der Qualität der Pianisten.

    3 Leserempfehlungen
    • gast007
    • 16. Dezember 2012 22:54 Uhr

    ... die Vorwelt schon gedacht ?" dieser teuflische Spruch gilt auch für die Musikinterpretationen. Es ist sauschwer, am Instrument den bekannten Partituren nochmals originelle , hörenswerte Züge einzublasen.

    Leider sind die zeitgenössischen Komponisten allesamt kaum konkurrenzfähig mit den Altvorderen. Wären sie es, so hätte es der Nachwuchs leichter, originell zu sein, einfach des wachsenden Bestandes an Kompositionen wegen. So aber muss der arme Klarinettenspieler ständig Mozarts Konzert spielen, beim Neuzeitl-Komponisten hört niemand zu, meist zu Recht - leider. Den Pianisten geht's vergleichsweise goldig, aber auch da sind die modernen Komponisten einfach Qualitätsaussenseiter und der Not folgend hackt man weiter in allen Meisterkursen auf dem Tradiertem herum.

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    • Xarx
    • 17. Dezember 2012 1:26 Uhr

    Ich glaube nicht, dass die Neuzeit keinen Komponisten hervorgebracht hat der sich nicht mit den alten messen kann.
    Ich würde eher sagen, dass die Branche sich neuem verschließt und gleichzeitig "das Alte" verklärt. Ich hatte dazu mal eine Diskussion mit meinem Bogenbauer (ich spiele Violine). Seine Erfahrung bei zahlreichen Konzerten: es wird in keinster Weise eine Neuinterpretation gewagt sondern die Stücke auf immer gleiche Weise wiedergegeben. Wie sollte sich hier ein junger Mozart beispielsweise durchsetzen?

    Oder ein anderes Beispiel: die Violinen von Stradivari zählen noch heute als die besten Instrumente. Dabei haben Blindtests ergeben, dass professionelle Musiker neue Instrumente mitunter bevorzugen. Nicht das die Violinen schlechte Instrumente wären, aber es hat sich mit der Zeit hier ein derartiger Mythos aufgebaut, dass neue Instrumente allein aus Prinzip gegenüber einer Stradivari herabgesetzt wurden/werden.

    • ardsley
    • 17. Dezember 2012 4:35 Uhr

    "Leider sind die zeitgenössischen Komponisten allesamt kaum konkurrenzfähig mit den Altvorderen."

    Allesamt? Wirklich? Gibt es keine außergewöhnlichen kompositorischen Talente mehr? Oder ist es vielleicht doch eher leichter, mit Gewohntem umzugehen als mit Neuem?

    Konkurrenzfähig? Ist Kunst denn ein Wettbewerb, mit Gewinnern und Verlierern?

    Und die Natur und Struktur der musikalischen Ausbildung? Basiert sie nicht eher auf Mozart als auf zeitgenössischer Musik?

    "...beim Neuzeitl-Komponisten hört niemand zu, meist zu Recht - leider."

    Niemand? Wirklich? Gibt es keine Konzerte zeitgenössischer Musik, und kein Publikum dafür? Gibt es keine Interpreten, die sich darauf spezialisieren? Und keine CD-Labels, die zeitgenössische Musik veröffentlichen?

    Und gab es Kommentare dieser Art nicht auch über die "Altvorderen", über Beethoven, über Schubert? Was für ein Publikum hat Bach erreicht, und wer kannte Schumann's Musik?

    • Xarx
    • 17. Dezember 2012 1:26 Uhr

    Ich glaube nicht, dass die Neuzeit keinen Komponisten hervorgebracht hat der sich nicht mit den alten messen kann.
    Ich würde eher sagen, dass die Branche sich neuem verschließt und gleichzeitig "das Alte" verklärt. Ich hatte dazu mal eine Diskussion mit meinem Bogenbauer (ich spiele Violine). Seine Erfahrung bei zahlreichen Konzerten: es wird in keinster Weise eine Neuinterpretation gewagt sondern die Stücke auf immer gleiche Weise wiedergegeben. Wie sollte sich hier ein junger Mozart beispielsweise durchsetzen?

    Oder ein anderes Beispiel: die Violinen von Stradivari zählen noch heute als die besten Instrumente. Dabei haben Blindtests ergeben, dass professionelle Musiker neue Instrumente mitunter bevorzugen. Nicht das die Violinen schlechte Instrumente wären, aber es hat sich mit der Zeit hier ein derartiger Mythos aufgebaut, dass neue Instrumente allein aus Prinzip gegenüber einer Stradivari herabgesetzt wurden/werden.

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    • ardsley
    • 17. Dezember 2012 4:35 Uhr

    "Leider sind die zeitgenössischen Komponisten allesamt kaum konkurrenzfähig mit den Altvorderen."

    Allesamt? Wirklich? Gibt es keine außergewöhnlichen kompositorischen Talente mehr? Oder ist es vielleicht doch eher leichter, mit Gewohntem umzugehen als mit Neuem?

    Konkurrenzfähig? Ist Kunst denn ein Wettbewerb, mit Gewinnern und Verlierern?

    Und die Natur und Struktur der musikalischen Ausbildung? Basiert sie nicht eher auf Mozart als auf zeitgenössischer Musik?

    "...beim Neuzeitl-Komponisten hört niemand zu, meist zu Recht - leider."

    Niemand? Wirklich? Gibt es keine Konzerte zeitgenössischer Musik, und kein Publikum dafür? Gibt es keine Interpreten, die sich darauf spezialisieren? Und keine CD-Labels, die zeitgenössische Musik veröffentlichen?

    Und gab es Kommentare dieser Art nicht auch über die "Altvorderen", über Beethoven, über Schubert? Was für ein Publikum hat Bach erreicht, und wer kannte Schumann's Musik?

    2 Leserempfehlungen
  3. dass die in Ehren ergrauten Musiker vom technischen Vermögen her und ihrer Motorik mit dem jungen Nachwuchs gar nicht mehr mithalten können. Deshalb sind bildhafte Assoziationen häufig das einzige Mittel, überhaupt noch etwas zum interpretatorischen Ansatz des Schülers beitragen zu können...im Falle des oben geschilderten Kurses Assoziationen, die so naheliegend und letztlich banal sind, dass man sich als dem Plenum vorgeführter junger Musiker im Geheimen sicherlich ärgert ob der Schlichtheit dieser Anregungen.
    Aber wie der Artikel schön heraus arbeitet: Man geht auf Meisterkurse um große Namen zu seiner Vita hinzufügen zu können und die altgedienten Musiker haben öffentlichkeitswirksam auch noch was zu tun:
    Win-Win at its best.

    »Machen Sie nicht so viel expressiven Zirkus«, ruft der alte Mann. »Sie rudern mit dem Körper, als wollten Sie zeigen, welche Leidenschaft die Musik in Ihnen erregt«, hält er der Koreanerin Sukyeon Kim vor, die das zyklopisch schwere 2. Klavierkonzert B-Dur von Johannes Brahms spielt.

    Ist dieses Zitat Ausdruck einer einfühlsamen Pädagogik ? Ich denke doch eher nicht. Die Ursache für solch eine öffentliche Maßregelung könnte auch schlicht gewesen sein: Fleisher ist ein älterer Herr...vielleicht hat in dem Moment einfach auch nur die Prostata gezwickt.

    Sich in Demut verbeugen ? Eher nicht !

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    Sicher haben solche Kurse in erster Linie eher eine Stärkung des Selbstbewusstseins und Erweiterung des Lebenslaufs des jungen Künstlers, als wirklich eine große Bereicherung des musikalischen Vermögens im Petto, wenn denn der Jüngling nicht runtergemacht wird. Dass die älteren technisch kaum noch mithalten können, wage ich aber in vielen Fällen zu bezweifeln und selbst wenn dies öfters zu treffen würde, so ist zu beobachten, dass die Älteren zu recht kritisieren, dass die sich die Jugend gern auf der Technik ausruht. Ich habe vor Jahren diesbezüglich mal einige Meisterkurse von Rubinstein gesehen, als er sichtlich schon im hohen Alter war. Die jungen Schüler waren alle sehr virtuos, aber es fehlte am Gesamtblick für die Stücke. Besonders bei vielen jungen Asiaten hatte man bis vor ein paar Jahren noch den Eindruck, Geschwindigkeit und Exaktheit seien die einzigen wichtigen Faktoren. Das hat sich mittlerweile auch etwas relativiert, stört mich aber bei vielen durchaus sehr begabten Musikern doch sehr.

  4. Sicher haben solche Kurse in erster Linie eher eine Stärkung des Selbstbewusstseins und Erweiterung des Lebenslaufs des jungen Künstlers, als wirklich eine große Bereicherung des musikalischen Vermögens im Petto, wenn denn der Jüngling nicht runtergemacht wird. Dass die älteren technisch kaum noch mithalten können, wage ich aber in vielen Fällen zu bezweifeln und selbst wenn dies öfters zu treffen würde, so ist zu beobachten, dass die Älteren zu recht kritisieren, dass die sich die Jugend gern auf der Technik ausruht. Ich habe vor Jahren diesbezüglich mal einige Meisterkurse von Rubinstein gesehen, als er sichtlich schon im hohen Alter war. Die jungen Schüler waren alle sehr virtuos, aber es fehlte am Gesamtblick für die Stücke. Besonders bei vielen jungen Asiaten hatte man bis vor ein paar Jahren noch den Eindruck, Geschwindigkeit und Exaktheit seien die einzigen wichtigen Faktoren. Das hat sich mittlerweile auch etwas relativiert, stört mich aber bei vielen durchaus sehr begabten Musikern doch sehr.

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    und stimme Ihnen selbstverständlich zu.
    Mir ging es eher um eine realistischere Einordnung solcher Meisterkurse...
    Was meist unter den Tisch fällt, ist die einfache Tatsache, dass schlüssige Interpretationen nur einher gehen können mit einer fundierten Technik. So ist beispielsweise ein überzeugendes Legatospiel nur möglich durch Ausdauer - und Kraftökonomie, dem bewussten Umgang mit (körperlicher) Spannung und Entspannung. Und sowas lernt man nicht durch Sprüche wie:
    »Wenn Sie die Taste dieses Klaviers nur anhauchen, ist es schon zu laut.«
    Das hat mit der Lebenswirklichkeit junger Musiker nichts zu tun, sondern ist ein fröhliches Winken aus der obersten Etage des Elfenbeinturmes.

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