MikroapartmentsWohnen im Schließfach

Platz sparen ist alles: Die Stadt New York halbiert die Mindestgröße von Apartments auf 20 Quadratmeter. Da liegt der Pullover dann im Gefrierfach, und gekocht wird nie. von Claudia Steinberg

New York City durchbricht demnächst die 100-Millionen-Dollar-Schallmauer für den Preis der teuersten Eigentumswohnung. Apartments dieser Kategorie werden inzwischen als »Kunstwerke« gehandelt, denn schließlich war bisher nur ein van Gogh oder ein Cézanne so viel Geld wert.

Die obersten Stockwerke von »One 57« mit der spektakulären Aussicht über den Central Park bis hin zur Bronx genießen schon vor der Vollendung von Manhattans höchstem Wohnturm den Ruf als Cloud Club einer internationalen Finanzelite, die vielleicht ein paar Wochen im Jahr in ihren 1.000-Quadratmeter-Pied-à-terres zu verbringen gedenkt. Die einstigen Büros unter der neogotischen Spitze des Woolworth Building werden gerade in verschwenderische Zimmerfluchten verwandelt, und in den Kronen anderer legendärer Wolkenkratzer wie dem Pierre Hotel oder dem Sherry Netherland verbergen sich die zwei- bis dreigeschossigen Domizile markenbewusster Milliardäre.

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Im Sommer zogen die ersten Prominenten in die neuen Luxusapartments im ehemaligen St. Vincent Hospital in Greenwich Village, wo es nun kein Krankenhaus mehr gibt. Selbst wohlhabende Senioren tendieren neuerdings zur Expansion: Statt sich wie früher mit bescheideneren Wohnungen zu begnügen, wenn die Kinder einmal aus dem Haus sind, erlauben sie sich heutzutage Traumresidenzen mit vielen leeren Zimmern.

Mikroskopische Kemenaten nach japanischem Vorbild

Zu Füßen der Luftschlösser herrscht dagegen Enge. Bei einem Leerstand von knapp drei Prozent ist die Wohnungsnot so akut, dass Tausende von ledigen, verwitweten oder anderweitig vereinzelten Einwohnern mit mehr als einem Zimmer in städtischen Mietskasernen kürzlich dazu aufgefordert wurden, in kleinere Unterkünfte umzuziehen. Aber Junggesellenwohnungen, Frauenhotels oder billige Zimmer im YMCA – die ersten Stationen einer klassischen New Yorker Laufbahn – gibt es so gut wie nicht mehr, und die Monatsmiete für ein sogenanntes Studio in Manhattan liegt bei durchschnittlich 2.000 Dollar. Die 1,4 Millionen Alleinstehenden in New York machen die am schnellsten wachsende demografische Gruppe aus. Für sie gibt es zurzeit nur eine Million Wohnungen.

Bei der Volkszählung vor einem Jahr wurden schätzungsweise 250.000 Individuen nicht erfasst, weil sie illegal auf Dachböden, in Kellern und winzigen Kammern hausen. Viele vermeintlich ordnungsgemäße Mieter wissen zudem nicht, dass ihre Wohnung keinen adäquaten Zugang zur Feuerleiter gewährt und damit illegal ist. Wohngemeinschaften mit mehr als vier nicht verwandten Mitgliedern sind offiziell auch nicht erlaubt. Diese Regelungen haben mit der Realität nichts zu tun. Und es wird nicht besser: Im Jahr 2030, wenn die Stadt von rund acht auf neun Millionen Einwohner angeschwollen sein soll, werden weitere 500.000 ungebundene Bürger erwartet – in einer Infrastruktur, die gerade mal fünf Millionen verkraften kann.

Mit der Initiative »Making Room« will das 1937 gegründete Citizens Housing & Planning Council (CHPC) nun diesen Einzelkämpfern ihre eigenen vier Wände verschaffen – winzige Einheiten, inspiriert von Tokios notorisch mikroskopischen Kemenaten. Bürgermeister Michael Bloomberg, der in einem neoklassizistischen Stadthaus an der Upper East Side wohnt, aber gern an seine Anfänge in New York auf 55 Quadratmetern erinnert, hat sich begeistert hinter das Konzept der Miniapartments gestellt und ist bereit, für ihre Verwirklichung mühsam erkämpfte Mieterschutzgesetze außer Kraft zu setzen – Regulierungen zur Einwohnerdichte und Wohnqualität, die in den fünfziger Jahren die Mindestgröße eines Apartments auf 40 Quadratmeter festlegten. Das neue Minimum liegt bei 20,4.

Bauherren und Architekten – unter ihnen große Unternehmen wie die Durst Corporation und Blesso Properties – reagieren enthusiastisch auf die Herausforderung, clevere Mikroeinheiten für eine größtenteils junge, umwelt- und designbewusste Klientel zu entwickeln. 33 Entwürfe gingen im Sommer bei dem Wettbewerb für einen Komplex von 50 winzigen Wohnungen in Manhattan ein; der Sieger wird Anfang nächsten Jahres ernannt.

Seit das Konzept bekannt gegeben wurde, vergeht kaum eine Woche, in der die New York Times nicht einen neuen Möbeldesigner vorstellt, dessen leichtfüßige Kreationen sich mit erstaunlicher Gelenkigkeit vom Schreibtisch zum Bett zur Chaiselongue verwandeln und sich im Bedarfsfall gar in Luft auflösen.

Architekten vollführen ebenso eindrucksvolle Akrobatik und modellieren aus einem Raum von den Dimensionen eines Schuhkartons Büro, Schlaf- und Wohnzimmer zugleich. Unter den Dekorateuren haben sich Experten für Miniaturwohnungen etabliert, die mit Spiegeln und optischen Tricks Illusionen von Grandeur hervorzaubern. Die wahren Helden dieser geizig bemessenen Quartiere sind jedoch ihre Bewohner: Frauen, die ihre Kaschmirpullover im Gefrierfach und ihre Unterwäsche im Ofen aufbewahren und die niemals kochen; Studenten, die ihre unendliche Weite gewohnten Mütter aus Iowa oder Idaho in ihren Kokons beherbergen; hochgewachsene Männer, die sich mit einem schmalen Ausziehsofa begnügen; und Tierliebhaber, die ihre Hunde nicht etwa nach ihrer persönlichen Vorliebe, sondern allein nach der Größe aussuchen.

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