VergewaltigungsvorwürfeAußer Konkurrenz

Sie war eine von vielen. Doch Miriam Kolbus heiratete Jörg Kachelmann und kämpft jetzt für seine Rehabilitation. von 

Eigentlich müsste die Feministin Alice Schwarzer von dieser Frau begeistert sein. Es gibt nicht viele, die so emanzipiert auftreten wie Miriam Kachelmann.

In der Talkshow von Günther Jauch war für die Ehefrau des Wettermoderators Jörg Kachelmann bloß ein Platz am Rand vorgesehen, ihr aber erschien das unangemessen. Sie war die einzige Frau in einer Runde älterer Herren – und setzte sich kurzerhand neben den Moderator. Das Publikum hat davon nichts mitbekommen. Wohl aber davon, dass Miriam Kachelmann, nachdem sie Platz genommen hatte, die Diskussion dominierte.

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Das Thema an jenem Oktoberabend lautet »Kachelmanns Fall – Was ist ein Freispruch wert?«. Der Ex- Bild -Chef Hans-Hermann Tiedje beleidigt Jörg Kachelmann als »Wetterfuzzi« und »miesen Charakter«. Für Tiedje, das gibt er mehr als deutlich zu verstehen, bleibt der Freigesprochene ein möglicher Vergewaltiger. Jörg Kachelmann, 54, verteidigt sich kaum, er hat eine Verteidigerin dabei: seine Frau, 26.

Die Psychologiestudentin fürchtet sich nicht, nicht vor dem Millionenpublikum und nicht vor den alten Männern. Sie wirft ihnen vor, sie hätten sich nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt. Neben dem ehemaligen Chefredakteur sitzen ein ehemaliger Innenminister und ein ehemaliger Bundesverfassungsrichter. Bild schreibt später vom »hochnäsigen Auftritt der Frau Kachelmann«, der Tagesspiegel nennt sie eine »Besessene« und eine »Amazone«, der Kölner Stadt-Anzeiger sieht in ihr eine »Übermutter«. Die erstaunliche Beförderung einer Frau, die Alice Schwarzer als »das schwächste Glied in der Frauenkette« Kachelmanns bezeichnet hatte. Aber die neue Deutung ist nicht freundlicher gemeint.

Miriam Kachelmann hat lange überlegt, ob sie diesem Porträt zustimmen soll. Sie will lieber für das Buch werben, das ihr Mann und sie geschrieben haben. Recht und Gerechtigkeit heißt es und rekonstruiert aus der Sicht der beiden jene Zeit zwischen März 2010 und Juni 2011, in der der ARD-Wettermann wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer Radiomoderatorin verhaftet wurde und ihm vom Gericht und in der Öffentlichkeit der Prozess gemacht wurde. Das Buch schildert, wie Miriam Kolbus, so heißt sie damals noch, als Entlastungszeugin vom Gericht gezwungen wird, intimste Details preiszugeben, und zuletzt, wie sie als Ehefrau den Kampf ihres Mannes zu ihrem eigenen macht.

Am Ende steht der Freispruch, in dem die Richter Kachelmann mündlich mitgeben, er werde mit dem möglicherweise nie aus der Welt zu schaffenden Verdacht entlassen, ein Vergewaltiger zu sein. Und das, obwohl durch den Prozess erwiesen ist, dass die Angaben des angeblichen Opfers nicht wahr gewesen sein können. Gegen den Zweifel an der Qualität des Freispruchs kämpfen die Kachelmanns seither an, auch mit dem Buch. Sie geben ein Interview nach dem anderen. Ein Porträt aber ist etwas anderes, da ist schwer zu kontrollieren, was der Autor schreibt.

Die erste PR-Welle für das Buch ist den Kachelmanns missglückt. Nach dem Jauch-Auftritt hat Miriam Kachelmann Sorge, als Person zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Sie will ihren Kritikern keinen Grund für den Vorwurf liefern, sie wolle sich in den Vordergrund drängen als eine Frau, die einen Promi geheiratet hat. So ein Verdacht könnte sie in die Nähe jener früheren Kachelmann-Geliebten rücken, die ihre Beziehung in der Bunten gegen Geld ausgebreitet haben. In Konkurrenz zu diesen Frauen will sie sich nicht begeben. Konkurrenz entsteht ja auch erst dadurch, dass man sich auf sie einlässt. Miriam Kachelmann sticht die anderen Frauen aus, gerade weil sie sich weigert, dieses Spiel mitzuspielen.

Vom Tag der Verhaftung an tobt um den Fall Kachelmann ein Medienkrieg. Es geht darum, was öffentlich werden darf und was privat bleiben soll. Wie viel Öffentlichkeit der Aufklärung dient und wie viel dem Voyeurismus. Miriam ist auf halber Strecke als Kämpferin an der Seite ihres Mannes dazugestoßen. »Unser Prozess«, sagt sie. »Unser Fall.« Es ist noch nicht klar, wer den Krieg gewinnen wird. Die Medien jedenfalls haben die stärkeren Truppen.

Miriam Kachelmann muss vorsichtig sein. Aber Vorsichtigsein ist nicht ihre Art.

Das erste Treffen für dieses Porträt findet über Skype statt. Miriam Kachelmann sitzt, in eine dicke Strickjacke gehüllt, vor einer weißen Wand und sagt, dass sie über den Verlauf der Jauch-Sendung unglücklich ist, auch über eine Folge von Stern TV wenig später, die der Moderator Steffen Hallaschka mit dem Satz eröffnete, man werde in der Sendung nicht klären können, ob Jörg Kachelmann nun in jener Nacht eine Vergewaltigung begangen habe oder nicht. Immer ist ihr Mann der Vielleicht-doch-Vergewaltiger. Die alten Geschichten werden hochgekocht. Die vielen Affären, das Doppel-, Dreifach-, Vierfachleben, das Jörg Kachelmann nachgesagt wurde. Um die Frage, warum Falschbeschuldigungen vor Gericht Erfolg haben können, geht es, wenn überhaupt, nur am Rande.

Warum tun sie sich das an?

Miriam Kachelmann sagt: »Wir lassen das nicht so stehen, auch wenn wir danach mit einer noch größeren Keule eins auf den Kopf bekommen.« Einmal während der Skype-Unterhaltung streckt Jörg Kachelmann den Kopf ins Bild. Gut gelaunt, im Sweatshirt, mit nassen Haaren, er kommt gerade aus der Dusche. Er frotzelt über die »Übermutter«, diese Erfindung des Kölner Stadt-Anzeigers ist jetzt der Running Gag in der Ehe der Kachelmanns. Sie unterschreibt ihre Mails mit »Miriam K.«, eine Anspielung auf die vielen Berichte über sie. Die beiden kreisen um die Prozessgeschichte. Anderthalb Jahre nach dem Urteil sind sie weit davon entfernt abzuschließen. Auch die juristischen Auseinandersetzungen nehmen kein Ende: Von der Nebenklägerin verlangt Kachelmann Schadensersatz, mit einem Anwalt, dem er das Mandat entzogen hat, streitet er sich ums Honorar, und das Ehepaar geht gegen falsche Behauptungen in den Medien vor. Man könnte manchmal den Eindruck haben: Die beiden haben sich verkämpft.

»Kommen Sie nächste Woche nach Köln , da hält mein Mann einen Vortrag«, sagt Miriam Kachelmann am Ende des Skype-Gesprächs. Sie werde auch da sein, »wir sind sowieso immer zusammen«.

Im Kölner Maritim-Hotel trifft sich die Versicherungsbranche zum Kongress »Innovatives Schadensmanagement«. Jörg Kachelmann soll vor den Teilnehmern über mögliche Kooperationen mit seiner Firma, dem Wetterdienstleister Meteomedia, reden. Wenn Versicherungen Unwetterwarnungen erhalten, können sie ihre Callcenter aufstocken, wenn jemand einen Sturmschaden meldet, können sie in einer Datenbank kontrollieren, welche Windstärke zum angegebenen Zeitpunkt an dem betreffenden Ort geherrscht hat. Keine Veranstaltung, die für eine Psychologiestudentin sonderlich spannend sein dürfte.

Es bleibt noch ein halber Tag bis zum Beginn des Vortrags. Während die Reporterin mit seiner Frau unterwegs ist, fährt Jörg Kachelmann in die Kanzlei seines Kölner Medienanwalts. Kachelmann hat dort nichts zu besprechen, er nutzt die Kanzlei als Büro. »Das ist besser für ihn, als im Hotel zu bleiben«, sagt Miriam Kachelmann. Könnte ja sein, dass eine Frau mit ihm im Aufzug fährt und hinterher behauptet, er habe sie bedrängt. Seit seinem Freispruch glaubt Kachelmann, immer einen Zeugen dabeihaben zu müssen. Meist übernimmt Miriam diesen Part.

Obwohl sie in Wirklichkeit jünger aussieht als im Fernsehen, vergisst man leicht, dass Miriam Kachelmann erst 26 Jahre alt ist. Sie strahlt auch in Jeans, Turnschuhen und Sweatshirt-Jacke eine Reife aus, die nicht zu ihrem Lebensalter passt. Ihre dunkle Stimme, ihre Bestimmtheit, die Sicherheit im Formulieren – es ist ein erstaunliches Auftreten für eine junge Frau, die von sich selbst sagt, dass sie noch nicht viel erlebt hat.

»Sie ist die erwachsenste Frau, mit der ich je zusammen war«, sagt ihr Mann.

Sie hat mehrere Kapitel zu dem Buch beigesteuert – das Längste, was sie seit einer Deutsch-Facharbeit über Das Parfum in Klasse 11 geschrieben hat. Man kann es mutig finden, sich aus dem Nichts zur Buchautorin aufzuschwingen. Oder vermessen.

Es ist nicht das erste Mal in ihrem Leben, dass Miriam Kachelmann wegen ihrer Art auf Widerstand stößt. Schon beim Theater gab es Krach. An der Theaterfabrik in Leipzig hat sie eine Schauspielausbildung gemacht. Bei der Abschlussprüfung bekam sie eine Drei minus. Diese Geschichte erzählt sie – von sich aus –, wenn man sie nach ihrem Werdegang fragt: Es war die mit Abstand schlechteste Prüfungsnote des Jahrgangs. Sie spricht davon mit der Überzeugung, etwas anderes verdient zu haben, und mit der Abgeklärtheit eines Menschen, der von seiner lange zurückliegenden Jugend berichtet. Dabei ist es gerade vier Jahre her, im Jahr darauf, im Januar 2009, hat sie Jörg Kachelmann kennengelernt.

Dem Abschluss an der privaten Schauspielschule war ein längerer Streit vorangegangen, nachdem die Schülerin Miriam einer Lehrerin widersprochen hatte. Sie sagt, man habe ihr nahegelegt, die Schule zu verlassen, ihr eine Rolle entzogen, ihr im Unterricht Redeverbot erteilt. »Man mochte mich nicht«, nur so kann sie sich ihr schlechtes Abschneiden erklären. Sie ist sich sicher: »Ich habe gut gespielt, ich weiß, das Handwerk war perfekt.« Sie sagt aber auch: »Ich war schon ein Klugscheißer.« Dem Schulleiter ist sie im Gedächtnis geblieben als jemand, der ständig Grundsatzdiskussionen vom Zaun brach, es fallen die Wörter »Dickkopf« und »Ignorantin«.

Miriam Kachelmann verfolgt ihre Schauspielkarriere nicht weiter, obwohl sie es genießt, eine Bühne zu haben. Sie sucht nun nach einer beruflichen Zukunft, in der es »nachvollziehbare Bewertungsmaßstäbe« gibt. Sie entscheidet sich für Psychologie – nicht gerade ein exaktes Studienfach.

Wie sie Jörg kennenlernte, darüber will Miriam Kachelmann nicht reden, das sei Privatsache. Ihrer polizeilichen Vernehmung kurz nach der Verhaftung zufolge schickt sie dem Wettermoderator, den sie bis dahin nur aus dem Fernsehen kennt, 2009 übers Internet Fangrüße. Daraus entwickelt sich eine Bekanntschaft, dann mehr. Um in der Nähe ihres neuen Freundes zu sein, schreibt sie sich an der Universität Konstanz ein.

Der Tag, der auch in ihrem Leben alles ändert, ist der 20. März 2010. Sie holt Jörg Kachelmann zu einem gemeinsamen Wochenende am Frankfurter Flughafen ab. Vor ihren Augen wird er festgenommen. Bei der Polizei wird Miriam Kolbus angeben, dass sie sich als seine »feste Lebenspartnerin« versteht. Er hat sie nach ihrer Ringgröße gefragt und gesagt, dass er mit ihr zusammen sein will, bis dass der Tod sie scheidet. Sein Heiratsversprechen wird er halten.

Vom Tag der Verhaftung an ist sie überzeugt, dass er keine Vergewaltigung begangen hat. Während seiner U-Haft kann sie ihn allerdings weder sehen noch ihm Fragen stellen. Der Presse entnimmt sie nicht nur, dass er neben ihr eine weitere Geliebte hatte, sondern dass es in seinem Leben eine Menge Frauen gab. Miriam liest alles, was über das Verfahren veröffentlicht wird. »Ich habe in dieser Zeit viele Dinge über Jörg erfahren, die mir unbekannt gewesen waren, die allerdings, nach der ehrlichen Reflexion über die Monate hinweg, für mich auch nicht unvorstellbar waren«, schreibt sie im Buch. Sie war getroffen, aber sie hatte auch schon länger das Gefühl, dass er ihr etwas verschwieg. Bis heute kann sie nicht glauben, dass die anderen Frauen sich für die jeweils Einzige hielten. Im Prozess zeigt sich, dass Jörg Kachelmanns Affären sich aufs Sexuelle beschränkten. Der Verteidiger nennt die Beziehungen »monothematisch«.

Als alles herauskommt, tut Miriam Kolbus etwas Ungewöhnliches, das ihr massive Antipathien einträgt. Sie wendet sich nicht verbittert ab. Lieber lässt sie ihren Anwalt ein »presserechtliches Informationsschreiben« an Bild, RTL und Bunte verschicken, mit dem sie »jeglicher individualisierender und erkennbar machender Berichterstattung« widerspricht. Auf der Website der feministischen Zeitschrift Emma ergreift sie unter einem Decknamen Partei für Jörg Kachelmann. Vor Gericht sagt sie für ihn aus. Als einer der Richter sie fragt, ob sie mit dem Angeklagten, für den Fall, dass er freigesprochen werde, wieder zusammenkommen wolle, antwortet sie, das hänge davon ab, wie er sich verhalten werde, wenn sie wieder miteinander sprächen, was er sagen und was sie fühlen werde. Im März 2011, Jörg Kachelmann ist wieder auf freiem Fuß, heiraten die beiden heimlich. Als die Hochzeit bekannt wird, schreibt Alice Schwarzer in Bild, das sei »eine weitere Ohrfeige für die zahlreichen Frauen, die Kachelmann über Jahre miteinander betrogen hat. Und die nun auch noch öffentlich gedemütigt sind. Denn trotz alledem hatte sich die eine oder andere noch immer Hoffnungen gemacht.«

Die Vertreter der Anti-Kachelmann-Fraktion können es nicht fassen, dass Miriam Kachelmann nicht die Rolle des Opfers spielen mag. Das öffentliche Leiden der anderen Geliebten findet sie entsetzlich. »Warum muss ich denn leiden? Mit welchem Recht meint die Öffentlichkeit zu wissen, dass ich schwach bin?« Sie lässt uns keine Details darüber wissen, wie sie wieder mit Jörg Kachelmann zusammengefunden hat, ob Eifersucht für sie ein Thema war und ist. Aber wer weiß, vielleicht hat sie ihm gegenüber ja gerade an Macht gewonnen, dadurch, dass sie ihm vergeben hat? Vielleicht hat sie ihm einen Kredit gewährt, den er jetzt abzahlen muss?

Miriam Kachelmann bemüht sich nicht, dem Klischeebild der emanzipierten Frau zu entsprechen. Feministinnen sind für sie Menschen, die übers Ziel hinausschießen. Alice Schwarzer ist nicht ihre Generation, nicht ihre Sozialisation. Miriam Kachelmann wurde 1986 bei Leipzig geboren. Sie sagt: »Frauen haben im Osten immer für sich selbst gesorgt.« Im Osten, heißt das, sind wir schon weiter.

Miriam Kachelmann ist nicht so schwach, wie ihre Kritiker glauben. Aber sie steckt auch nicht alles weg. Als im Sommer 2010 klar wird, dass sich Jörg Kachelmanns Verfahren in die Länge zieht, nimmt sie ein Urlaubssemester. »Ich war seelisch nicht in der Lage, mich auf das Studium zu konzentrieren.« Einige Prüfungen besteht sie nicht, die Situation belastet sie. Alles, was sie an der Universität lernen soll, hat irgendwie mit dem Fall Kachelmann zu tun. Die Frage, wie Meinungen entstehen und sich wider besseres Wissen halten. Miriam Kolbus, dann Kachelmann, arbeitet sich in die juristischen Details des anstehenden Prozesses ein. Wie oft kann man einen Antrag auf Haftprüfung stellen? Was dürfen Staatsanwälte? Welche Widersprüche gibt es in den Aussagen des angeblichen Opfers? Aus den beiden wird wieder ein Paar, aus Miriams »Ich« wird ein »Wir«. Sie verfolgt nun eine Mission. Kachelmann sagt, in seiner Frau steckten halt »50 Prozent Palästina .« Ihr Vater ist Palästinenser.

Die beiden verbringen seither fast immer 24 Stunden am Tag miteinander. Die Beziehung, die Jörg Kachelmann heute mit ihr führt, ist das Gegenteil seiner früheren Beziehungen. Um den Hals trägt sie seine »Hundemarke«, die Plakette des Soldaten Kachelmann, der in der Schweizer Armee gedient hat. Er erzählt von einer privaten Einladung, bei der es kurz so aussah, als sollten sie an einem langen Tisch weit voneinander entfernt sitzen. Da habe es bei ihm einen »Moment der Angst« gegeben. Man spürt es an einigen Stellen im Buch, wie sich die zwei Persönlichkeiten angleichen, man hört es, wenn sie sprechen. Der Wortschatz des einen, der sich in die Sätze des anderen schleicht. Seine Flapsigkeit, sein Zynismus in ihren gewählten Sätzen.

Das Buch ist kein literarischer Wurf, es ist nicht gut geschrieben. Manche Passagen klingen auf ermüdende Weise nach Polizeiprotokoll, andere Stellen sind zu aufbrausend, um den Leser zu gewinnen. Aber den beiden ging es nicht darum, ein gutes Buch zu schreiben oder eines mit einem therapeutischen Effekt. Es ging ihnen darum, Kachelmann zu rehabilitieren. Fehler im System aufzudecken.

Als Jugendliche war Miriam Kachelmann manchmal bei Anti-rechts-Demonstrationen in Leipzig. Bis irgendwann die Wackersteine flogen. »Da habe ich geglaubt, dass man eh nichts bewegen kann«, sagt sie. Heute spürt sie die Chance, etwas zu bewegen. Sie will die Prominenz ihres Mannes nutzen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Jörg Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn hat sein Büro in einem Neubau am Hamburger Fischmarkt. Der Besprechungsraum ist an Nüchternheit nicht zu überbieten. Ein Konferenztisch, eine graue Wand, keine Bilder. Dafür ein atemberaubender Blick auf den Hafen. Schwenn kennt das Ehepaar Kachelmann so gut wie wenige. Für ihn ist Miriam eine »emsige Rechercheuse«, sie habe sich, was das Juristische betrifft, »in beeindruckendem Umfang schlaugelesen«. Revisionen, Wiederaufnahmeverfahren in Sexualstrafsachen sind Schwenns Spezialgebiet. Schwenn, 65 Jahre alt und silbergraues Haar, ist eine Institution unter den Strafverteidigern, ein äußerst streitbarer Anwalt. In seinen ersten Anwaltsjahren habe er noch erlebt, wie schäbig mit Frauen umgegangen wurde, die eine Vergewaltigung angezeigt hatten, sagt er. Heute aber habe sich das umgekehrt, Frauen hätten einen Vorschusskredit bei Gericht. Es gebe eine erschreckende Anzahl unschuldig verurteilter Männer.

Gegen einen Freispruch kann man nicht in Revision gehen. »Wenn ein Gericht Sie freispricht, hat es jede Freiheit, Sie in der Urteilsbegründung in den Dreck zu ziehen«, sagt Schwenn. Das ist es, was das Landgericht Mannheim im Fall Kachelmann getan hat. Es hat dem Freigesprochenen als Hypothek einen Verdacht mitgegeben, der nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

Es ist Nachmittag geworden in Köln. Jörg Kachelmann kehrt mit dem Taxi zurück aus dem improvisierten Büro in der Kanzlei. Er trägt einen grauen Nadelstreifenanzug und dunkelblaue Converse-Turnschuhe. Im Hotel lässt er sich von einem der Versicherungsmenschen die Krawatte binden. Er selbst kann das nicht. Im Konferenzsaal, 150 Zuhörer, steigt er aufs Podium. Die Zuhörer warten darauf, von ihm zu erfahren, was es Versicherungen bringen kann, mit einem Wettervorhersager zu kooperieren. Und sie warten offensichtlich auf noch etwas anderes.

Kachelmann sagt, er werde jetzt von Wetterstationen berichten, die Meteomedia auf den Philippinen eingerichtet habe. Die Taifungefahr dort sei enorm, sodass man zur Evaluierung des Risikos ein dichtes Netz von Messgeräten brauche. Den zweiten Teil des Vortrags aber werde eine Mitarbeiterin übernehmen, die das alles viel genauer wisse als er selbst – 2010 sei er ja 132 Tage lang abwesend gewesen. Der Gag gelingt. Das Publikum freut sich. Den zweiten Gag aber hört schon keiner mehr, und wahrscheinlich versteht ihn auch nur eine im Saal. »Die Übermutter ist auch da«, sagt Jörg Kachelmann.

Seine Frau sitzt in der ersten Reihe und hat gerade eine E-Mail bekommen. Ein Strafbefehl ist ergangen gegen eine Zeugin, die vor Gericht gelogen hatte. Die Exgeliebte hatte in der Bunten behauptet, sie habe beim Sex mit Kachelmann einmal Nein gesagt, er aber habe nicht aufgehört. Bei der Polizei hatte das zuvor noch anders geklungen. Das »Nein« tauchte erst in dem bezahlten Interview auf und dann vor Gericht. Der Strafbefehl ist ein Etappensieg für die Kachelmanns.

Im nächsten Jahr wird Miriam Kachelmann weiterstudieren, im Ausland. Sie weiß, dass es keine Lebensaufgabe sein kann, den Prozess ihres Mannes aufzuarbeiten. Aber man kann einigermaßen sicher sein, dass sie weiterhin Ärger bekommen wird, denn sie ist eine Frau, die sagt, was sie denkt. Eine Frau, deren liebste Theaterrolle die Hexe in Hänsel und Gretel war.

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Leserkommentare
  1. "Die erste PR-Welle für das Buch ist den Kachelmanns missglückt."- So steht es in Ihrem Artikel. Aber ist nicht eher den Medien der Umgang mit den Kachelmanns missglückt? Sowohl vor dem Freispruch als auch danach ? Weder Kachelmann noch seine Frau bekommen doch eine echte Chance. Mich macht es betroffen, dass es so kinderleicht ist, einen Menschen ein für alle mal fertig zu machen. In dem ganzen unguten Spiel ist Miriam Kachelmann für mich die einzig integre Persönlichkeit.

    29 Leserempfehlungen
    • Hattric
    • 06. Dezember 2012 19:03 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
  2. Mir scheint, wenn jemand aus der Medienwelt in unguten Verdacht gerät, dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist. Rehabilitation ist kaum mäöglich - oder erst nach Jahren geduldig leidenden Schweigens wie im Falle des seinerzeit unschuldig angeklagten Andreas Türck.

    Mr gefallen z.B. die Äußerungen einer Eva Hermann auch nicht. Aber die Art und Weise, wie sie von einer geschlossen auftretenden Medienfront zur Unperson gemacht wurde und wie ihr jede journalistische Existenzmöglichkeit geraubt wurde, das macht mich unabhängig von den Meinungen von Frau Hermann sehr nachdenklich.

    Der Fall Kachelmann besteht so nicht nur aus der von Frau Kachelmann aufgeworfenen Frage nach der institutionellen Gerechtigkeit in unserem Justizsystem, er wirft auch die Frage auf, wie eine derartige Existenzvernichtung durch eine in sich geschlossene Medienfront überhaupt möglich ist. Da ich nicht davon ausgehe, dass alle Medienvertreter sich in einer organisierten Verschwörung absprechen, sollten sie dieses beunruhigende Phänomen selbst einmal untersuchen und öffentlich thematisieren.

    Es produziert ansonsten zwangsläufig den Eindruck, wir lebten in einer nicht mehr sehr freien und nicht mehr in jedem Fall rechtsstaatlichen Prinzipien (Unschuldsvermutung, Meinungsfreiheit und -vielfalt) folgenden Gesellschaft.

    49 Leserempfehlungen
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    • WolfHai
    • 08. Dezember 2012 20:12 Uhr

    "...sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist."

    Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland ein hoher Konsensdruck herrscht, nicht nur bei den Medien. Wenn man zu einer Gruppe gehört, wird Konformität erwartet - nicht nur die Klamotten, auch die Automarke muss stimmen. Und die politische Meinung sowieso. In Fällen wie bei Kachelmann ist das grausam. Aber auch das Leben normaler Menschen ist beeinträchtigt: es wird im Herzen sehr eng.

    • clair11
    • 06. Dezember 2012 22:10 Uhr

    Schade, dass die Autorin von "Anti-Kachelmann-Fraktion" spricht und so die verschiedenen Ebenen vermischt.

    Ich fand, dass es angemessener gewesen wäre, das Verfahren gegen Kachelmann frühzeitig einzustellen. Ich fand den Medienrummel um den Prozess unsäglich.

    Ich bin aber gleichzeitig entsetzt darüber, wie Miriam und Jörg Kachelmann in letzter Zeit einen Medienkampf gegen Anzeigeerstatterinnen von Sexualdelikten führt und diese grundsätzlich als unglaubwürdige Lügnerinnen diffamiert. Auch finde ich es entsetzlich, wie die Medien drauf springen und nun bei vielen anderen laufenden Verfahren die Glaubwürdigkeit der Zeugen öffentlich in Frage stellen.

    Laut Artikel sieht Miriam Kachelmann nun eine Chance, um was zu bewegen. Es war aber schon immer einfach, was zu bewegen auf Kosten der Vergewaltigungsopfer. Gerechtigkeit sieht anders aus.

    Eines verstehe ich im Artikel nicht: "Ein Strafbefehl ist ergangen gegen eine Zeugin, die vor Gericht gelogen hatte. Die Exgeliebte hatte in der Bunten behauptet, sie habe beim Sex mit Kachelmann einmal Nein gesagt, er aber habe nicht aufgehört. Bei der Polizei hatte das zuvor noch anders geklungen. Das »Nein« tauchte erst in dem bezahlten Interview auf und dann vor Gericht."

    Wie beweist das, dass die Frau vor Gericht gelogen hat? Es kann genauso sein, dass die Aussage vor Gericht richtig ist und die Aussage vor der Polizei falsch?

    Außerdem reicht das "Nein sagen" ohnehin nicht, um eine Vergewaltigung zu sehen.

    25 Leserempfehlungen
  3. ist auch dieser Artikel kein Ruhmesblatt der ZEIT. Statt so ambivalent daherzuschreiben, wäre es besser gewesen, nichts zu schreiben oder wenigstens eindeutig Stellung für eine Person zu beziehen, die weiß, was sie tut und davon überzeugt ist, das Richtige zu tun. Dabei kann man ihr nur Glück wünschen. Und J.K., das zu bleiben, das er jetzt zu sein scheint. Und der ZEIT: es gibt Wichtigeres.

    6 Leserempfehlungen
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    • clair11
    • 08. Dezember 2012 18:17 Uhr

    Der Artikel ist auch deswegen ambivalent, weil es dort zwar vordergründig um die Person Frau Kachelmann geht, der Artikel aber doch hintergründig die Verfahren vom Herrn Kachelmann behandelt.

    Sonst würde die Autorin nicht den Anwalt Schwenn zu Wort kommen lassen oder Anmerkung machen wie "Es gebe eine erschreckende Anzahl unschuldig verurteilter Männer.
    Gegen einen Freispruch kann man nicht in Revision gehen."
    "Es hat dem Freigesprochenen als Hypothek einen Verdacht mitgegeben, der nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist." Das hat mit einem Porträt der Frau Kachelmann nichts zu tun. Außerdem müsste es die Aufgabe des seriösen Journalismus sein, solche Urteile und das Prinzip der Unschuldsvermutung auch laienverständlich zu erklären, und aufklären, dass es da nicht ums "in den Dreck ziehen" geht.

    Es ist auch nicht passend, im Kontext mit dem Vergewaltigungsvorwurf und dem Strafverfahren von "Opferrolle" zu sprechen. Sondern Überlegungen wie "Opferrolle oder nicht" wären nur interessant im Bezug auf Themen wie psychische Beziehungsgewalt oder Co-Abhängigkeit. Und selbst da geht es nicht um "schwach" oder "stark" (unabhängig davon, dass starke Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind als schwache Frauen).

  4. 6. [...]

    Die Frau Miriam kann einem nur leid tun sich so beeinflussen zu lassen und anderen Frauen in den Ruecken zu fallen. Man kann nur hoffen, dass die Dame anfaengt Sachliteratur ueber diese Maenner zu lesen, die zum Psychater und/oder ins Gefaengnis gehoeren, da sie sich nie aendern und Frauen hassen und weder Liebe noch Mitgefuehl noch Schuldgefuehle empfinden.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

    14 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    • Kanzel
    • 08. Dezember 2012 16:10 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    9 Leserempfehlungen

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