VergewaltigungsvorwürfeAußer Konkurrenz
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 Keine Konkurrenz mit anderen Frauen

Die erste PR-Welle für das Buch ist den Kachelmanns missglückt. Nach dem Jauch-Auftritt hat Miriam Kachelmann Sorge, als Person zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken. Sie will ihren Kritikern keinen Grund für den Vorwurf liefern, sie wolle sich in den Vordergrund drängen als eine Frau, die einen Promi geheiratet hat. So ein Verdacht könnte sie in die Nähe jener früheren Kachelmann-Geliebten rücken, die ihre Beziehung in der Bunten gegen Geld ausgebreitet haben. In Konkurrenz zu diesen Frauen will sie sich nicht begeben. Konkurrenz entsteht ja auch erst dadurch, dass man sich auf sie einlässt. Miriam Kachelmann sticht die anderen Frauen aus, gerade weil sie sich weigert, dieses Spiel mitzuspielen.

Vom Tag der Verhaftung an tobt um den Fall Kachelmann ein Medienkrieg. Es geht darum, was öffentlich werden darf und was privat bleiben soll. Wie viel Öffentlichkeit der Aufklärung dient und wie viel dem Voyeurismus. Miriam ist auf halber Strecke als Kämpferin an der Seite ihres Mannes dazugestoßen. »Unser Prozess«, sagt sie. »Unser Fall.« Es ist noch nicht klar, wer den Krieg gewinnen wird. Die Medien jedenfalls haben die stärkeren Truppen.

Miriam Kachelmann muss vorsichtig sein. Aber Vorsichtigsein ist nicht ihre Art.

Das erste Treffen für dieses Porträt findet über Skype statt. Miriam Kachelmann sitzt, in eine dicke Strickjacke gehüllt, vor einer weißen Wand und sagt, dass sie über den Verlauf der Jauch-Sendung unglücklich ist, auch über eine Folge von Stern TV wenig später, die der Moderator Steffen Hallaschka mit dem Satz eröffnete, man werde in der Sendung nicht klären können, ob Jörg Kachelmann nun in jener Nacht eine Vergewaltigung begangen habe oder nicht. Immer ist ihr Mann der Vielleicht-doch-Vergewaltiger. Die alten Geschichten werden hochgekocht. Die vielen Affären, das Doppel-, Dreifach-, Vierfachleben, das Jörg Kachelmann nachgesagt wurde. Um die Frage, warum Falschbeschuldigungen vor Gericht Erfolg haben können, geht es, wenn überhaupt, nur am Rande.

Warum tun sie sich das an?

Miriam Kachelmann sagt: »Wir lassen das nicht so stehen, auch wenn wir danach mit einer noch größeren Keule eins auf den Kopf bekommen.« Einmal während der Skype-Unterhaltung streckt Jörg Kachelmann den Kopf ins Bild. Gut gelaunt, im Sweatshirt, mit nassen Haaren, er kommt gerade aus der Dusche. Er frotzelt über die »Übermutter«, diese Erfindung des Kölner Stadt-Anzeigers ist jetzt der Running Gag in der Ehe der Kachelmanns. Sie unterschreibt ihre Mails mit »Miriam K.«, eine Anspielung auf die vielen Berichte über sie. Die beiden kreisen um die Prozessgeschichte. Anderthalb Jahre nach dem Urteil sind sie weit davon entfernt abzuschließen. Auch die juristischen Auseinandersetzungen nehmen kein Ende: Von der Nebenklägerin verlangt Kachelmann Schadensersatz, mit einem Anwalt, dem er das Mandat entzogen hat, streitet er sich ums Honorar, und das Ehepaar geht gegen falsche Behauptungen in den Medien vor. Man könnte manchmal den Eindruck haben: Die beiden haben sich verkämpft.

»Kommen Sie nächste Woche nach Köln , da hält mein Mann einen Vortrag«, sagt Miriam Kachelmann am Ende des Skype-Gesprächs. Sie werde auch da sein, »wir sind sowieso immer zusammen«.

Im Kölner Maritim-Hotel trifft sich die Versicherungsbranche zum Kongress »Innovatives Schadensmanagement«. Jörg Kachelmann soll vor den Teilnehmern über mögliche Kooperationen mit seiner Firma, dem Wetterdienstleister Meteomedia, reden. Wenn Versicherungen Unwetterwarnungen erhalten, können sie ihre Callcenter aufstocken, wenn jemand einen Sturmschaden meldet, können sie in einer Datenbank kontrollieren, welche Windstärke zum angegebenen Zeitpunkt an dem betreffenden Ort geherrscht hat. Keine Veranstaltung, die für eine Psychologiestudentin sonderlich spannend sein dürfte.

Es bleibt noch ein halber Tag bis zum Beginn des Vortrags. Während die Reporterin mit seiner Frau unterwegs ist, fährt Jörg Kachelmann in die Kanzlei seines Kölner Medienanwalts. Kachelmann hat dort nichts zu besprechen, er nutzt die Kanzlei als Büro. »Das ist besser für ihn, als im Hotel zu bleiben«, sagt Miriam Kachelmann. Könnte ja sein, dass eine Frau mit ihm im Aufzug fährt und hinterher behauptet, er habe sie bedrängt. Seit seinem Freispruch glaubt Kachelmann, immer einen Zeugen dabeihaben zu müssen. Meist übernimmt Miriam diesen Part.

Obwohl sie in Wirklichkeit jünger aussieht als im Fernsehen, vergisst man leicht, dass Miriam Kachelmann erst 26 Jahre alt ist. Sie strahlt auch in Jeans, Turnschuhen und Sweatshirt-Jacke eine Reife aus, die nicht zu ihrem Lebensalter passt. Ihre dunkle Stimme, ihre Bestimmtheit, die Sicherheit im Formulieren – es ist ein erstaunliches Auftreten für eine junge Frau, die von sich selbst sagt, dass sie noch nicht viel erlebt hat.

»Sie ist die erwachsenste Frau, mit der ich je zusammen war«, sagt ihr Mann.

Sie hat mehrere Kapitel zu dem Buch beigesteuert – das Längste, was sie seit einer Deutsch-Facharbeit über Das Parfum in Klasse 11 geschrieben hat. Man kann es mutig finden, sich aus dem Nichts zur Buchautorin aufzuschwingen. Oder vermessen.

Leserkommentare
  1. "Die erste PR-Welle für das Buch ist den Kachelmanns missglückt."- So steht es in Ihrem Artikel. Aber ist nicht eher den Medien der Umgang mit den Kachelmanns missglückt? Sowohl vor dem Freispruch als auch danach ? Weder Kachelmann noch seine Frau bekommen doch eine echte Chance. Mich macht es betroffen, dass es so kinderleicht ist, einen Menschen ein für alle mal fertig zu machen. In dem ganzen unguten Spiel ist Miriam Kachelmann für mich die einzig integre Persönlichkeit.

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    • Hattric
    • 06. Dezember 2012 19:03 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

  2. Mir scheint, wenn jemand aus der Medienwelt in unguten Verdacht gerät, dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist. Rehabilitation ist kaum mäöglich - oder erst nach Jahren geduldig leidenden Schweigens wie im Falle des seinerzeit unschuldig angeklagten Andreas Türck.

    Mr gefallen z.B. die Äußerungen einer Eva Hermann auch nicht. Aber die Art und Weise, wie sie von einer geschlossen auftretenden Medienfront zur Unperson gemacht wurde und wie ihr jede journalistische Existenzmöglichkeit geraubt wurde, das macht mich unabhängig von den Meinungen von Frau Hermann sehr nachdenklich.

    Der Fall Kachelmann besteht so nicht nur aus der von Frau Kachelmann aufgeworfenen Frage nach der institutionellen Gerechtigkeit in unserem Justizsystem, er wirft auch die Frage auf, wie eine derartige Existenzvernichtung durch eine in sich geschlossene Medienfront überhaupt möglich ist. Da ich nicht davon ausgehe, dass alle Medienvertreter sich in einer organisierten Verschwörung absprechen, sollten sie dieses beunruhigende Phänomen selbst einmal untersuchen und öffentlich thematisieren.

    Es produziert ansonsten zwangsläufig den Eindruck, wir lebten in einer nicht mehr sehr freien und nicht mehr in jedem Fall rechtsstaatlichen Prinzipien (Unschuldsvermutung, Meinungsfreiheit und -vielfalt) folgenden Gesellschaft.

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    • WolfHai
    • 08. Dezember 2012 20:12 Uhr

    "...sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist."

    Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland ein hoher Konsensdruck herrscht, nicht nur bei den Medien. Wenn man zu einer Gruppe gehört, wird Konformität erwartet - nicht nur die Klamotten, auch die Automarke muss stimmen. Und die politische Meinung sowieso. In Fällen wie bei Kachelmann ist das grausam. Aber auch das Leben normaler Menschen ist beeinträchtigt: es wird im Herzen sehr eng.

    • clair11
    • 06. Dezember 2012 22:10 Uhr

    Schade, dass die Autorin von "Anti-Kachelmann-Fraktion" spricht und so die verschiedenen Ebenen vermischt.

    Ich fand, dass es angemessener gewesen wäre, das Verfahren gegen Kachelmann frühzeitig einzustellen. Ich fand den Medienrummel um den Prozess unsäglich.

    Ich bin aber gleichzeitig entsetzt darüber, wie Miriam und Jörg Kachelmann in letzter Zeit einen Medienkampf gegen Anzeigeerstatterinnen von Sexualdelikten führt und diese grundsätzlich als unglaubwürdige Lügnerinnen diffamiert. Auch finde ich es entsetzlich, wie die Medien drauf springen und nun bei vielen anderen laufenden Verfahren die Glaubwürdigkeit der Zeugen öffentlich in Frage stellen.

    Laut Artikel sieht Miriam Kachelmann nun eine Chance, um was zu bewegen. Es war aber schon immer einfach, was zu bewegen auf Kosten der Vergewaltigungsopfer. Gerechtigkeit sieht anders aus.

    Eines verstehe ich im Artikel nicht: "Ein Strafbefehl ist ergangen gegen eine Zeugin, die vor Gericht gelogen hatte. Die Exgeliebte hatte in der Bunten behauptet, sie habe beim Sex mit Kachelmann einmal Nein gesagt, er aber habe nicht aufgehört. Bei der Polizei hatte das zuvor noch anders geklungen. Das »Nein« tauchte erst in dem bezahlten Interview auf und dann vor Gericht."

    Wie beweist das, dass die Frau vor Gericht gelogen hat? Es kann genauso sein, dass die Aussage vor Gericht richtig ist und die Aussage vor der Polizei falsch?

    Außerdem reicht das "Nein sagen" ohnehin nicht, um eine Vergewaltigung zu sehen.

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  3. ist auch dieser Artikel kein Ruhmesblatt der ZEIT. Statt so ambivalent daherzuschreiben, wäre es besser gewesen, nichts zu schreiben oder wenigstens eindeutig Stellung für eine Person zu beziehen, die weiß, was sie tut und davon überzeugt ist, das Richtige zu tun. Dabei kann man ihr nur Glück wünschen. Und J.K., das zu bleiben, das er jetzt zu sein scheint. Und der ZEIT: es gibt Wichtigeres.

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    • clair11
    • 08. Dezember 2012 18:17 Uhr

    Der Artikel ist auch deswegen ambivalent, weil es dort zwar vordergründig um die Person Frau Kachelmann geht, der Artikel aber doch hintergründig die Verfahren vom Herrn Kachelmann behandelt.

    Sonst würde die Autorin nicht den Anwalt Schwenn zu Wort kommen lassen oder Anmerkung machen wie "Es gebe eine erschreckende Anzahl unschuldig verurteilter Männer.
    Gegen einen Freispruch kann man nicht in Revision gehen."
    "Es hat dem Freigesprochenen als Hypothek einen Verdacht mitgegeben, der nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist." Das hat mit einem Porträt der Frau Kachelmann nichts zu tun. Außerdem müsste es die Aufgabe des seriösen Journalismus sein, solche Urteile und das Prinzip der Unschuldsvermutung auch laienverständlich zu erklären, und aufklären, dass es da nicht ums "in den Dreck ziehen" geht.

    Es ist auch nicht passend, im Kontext mit dem Vergewaltigungsvorwurf und dem Strafverfahren von "Opferrolle" zu sprechen. Sondern Überlegungen wie "Opferrolle oder nicht" wären nur interessant im Bezug auf Themen wie psychische Beziehungsgewalt oder Co-Abhängigkeit. Und selbst da geht es nicht um "schwach" oder "stark" (unabhängig davon, dass starke Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind als schwache Frauen).

  4. 6. [...]

    Die Frau Miriam kann einem nur leid tun sich so beeinflussen zu lassen und anderen Frauen in den Ruecken zu fallen. Man kann nur hoffen, dass die Dame anfaengt Sachliteratur ueber diese Maenner zu lesen, die zum Psychater und/oder ins Gefaengnis gehoeren, da sie sich nie aendern und Frauen hassen und weder Liebe noch Mitgefuehl noch Schuldgefuehle empfinden.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    • Kanzel
    • 08. Dezember 2012 16:10 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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