VergewaltigungsvorwürfeAußer Konkurrenz
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 Redeverbot im Unterricht

Es ist nicht das erste Mal in ihrem Leben, dass Miriam Kachelmann wegen ihrer Art auf Widerstand stößt. Schon beim Theater gab es Krach. An der Theaterfabrik in Leipzig hat sie eine Schauspielausbildung gemacht. Bei der Abschlussprüfung bekam sie eine Drei minus. Diese Geschichte erzählt sie – von sich aus –, wenn man sie nach ihrem Werdegang fragt: Es war die mit Abstand schlechteste Prüfungsnote des Jahrgangs. Sie spricht davon mit der Überzeugung, etwas anderes verdient zu haben, und mit der Abgeklärtheit eines Menschen, der von seiner lange zurückliegenden Jugend berichtet. Dabei ist es gerade vier Jahre her, im Jahr darauf, im Januar 2009, hat sie Jörg Kachelmann kennengelernt.

Dem Abschluss an der privaten Schauspielschule war ein längerer Streit vorangegangen, nachdem die Schülerin Miriam einer Lehrerin widersprochen hatte. Sie sagt, man habe ihr nahegelegt, die Schule zu verlassen, ihr eine Rolle entzogen, ihr im Unterricht Redeverbot erteilt. »Man mochte mich nicht«, nur so kann sie sich ihr schlechtes Abschneiden erklären. Sie ist sich sicher: »Ich habe gut gespielt, ich weiß, das Handwerk war perfekt.« Sie sagt aber auch: »Ich war schon ein Klugscheißer.« Dem Schulleiter ist sie im Gedächtnis geblieben als jemand, der ständig Grundsatzdiskussionen vom Zaun brach, es fallen die Wörter »Dickkopf« und »Ignorantin«.

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Miriam Kachelmann verfolgt ihre Schauspielkarriere nicht weiter, obwohl sie es genießt, eine Bühne zu haben. Sie sucht nun nach einer beruflichen Zukunft, in der es »nachvollziehbare Bewertungsmaßstäbe« gibt. Sie entscheidet sich für Psychologie – nicht gerade ein exaktes Studienfach.

Wie sie Jörg kennenlernte, darüber will Miriam Kachelmann nicht reden, das sei Privatsache. Ihrer polizeilichen Vernehmung kurz nach der Verhaftung zufolge schickt sie dem Wettermoderator, den sie bis dahin nur aus dem Fernsehen kennt, 2009 übers Internet Fangrüße. Daraus entwickelt sich eine Bekanntschaft, dann mehr. Um in der Nähe ihres neuen Freundes zu sein, schreibt sie sich an der Universität Konstanz ein.

Der Tag, der auch in ihrem Leben alles ändert, ist der 20. März 2010. Sie holt Jörg Kachelmann zu einem gemeinsamen Wochenende am Frankfurter Flughafen ab. Vor ihren Augen wird er festgenommen. Bei der Polizei wird Miriam Kolbus angeben, dass sie sich als seine »feste Lebenspartnerin« versteht. Er hat sie nach ihrer Ringgröße gefragt und gesagt, dass er mit ihr zusammen sein will, bis dass der Tod sie scheidet. Sein Heiratsversprechen wird er halten.

Vom Tag der Verhaftung an ist sie überzeugt, dass er keine Vergewaltigung begangen hat. Während seiner U-Haft kann sie ihn allerdings weder sehen noch ihm Fragen stellen. Der Presse entnimmt sie nicht nur, dass er neben ihr eine weitere Geliebte hatte, sondern dass es in seinem Leben eine Menge Frauen gab. Miriam liest alles, was über das Verfahren veröffentlicht wird. »Ich habe in dieser Zeit viele Dinge über Jörg erfahren, die mir unbekannt gewesen waren, die allerdings, nach der ehrlichen Reflexion über die Monate hinweg, für mich auch nicht unvorstellbar waren«, schreibt sie im Buch. Sie war getroffen, aber sie hatte auch schon länger das Gefühl, dass er ihr etwas verschwieg. Bis heute kann sie nicht glauben, dass die anderen Frauen sich für die jeweils Einzige hielten. Im Prozess zeigt sich, dass Jörg Kachelmanns Affären sich aufs Sexuelle beschränkten. Der Verteidiger nennt die Beziehungen »monothematisch«.

Als alles herauskommt, tut Miriam Kolbus etwas Ungewöhnliches, das ihr massive Antipathien einträgt. Sie wendet sich nicht verbittert ab. Lieber lässt sie ihren Anwalt ein »presserechtliches Informationsschreiben« an Bild, RTL und Bunte verschicken, mit dem sie »jeglicher individualisierender und erkennbar machender Berichterstattung« widerspricht. Auf der Website der feministischen Zeitschrift Emma ergreift sie unter einem Decknamen Partei für Jörg Kachelmann. Vor Gericht sagt sie für ihn aus. Als einer der Richter sie fragt, ob sie mit dem Angeklagten, für den Fall, dass er freigesprochen werde, wieder zusammenkommen wolle, antwortet sie, das hänge davon ab, wie er sich verhalten werde, wenn sie wieder miteinander sprächen, was er sagen und was sie fühlen werde. Im März 2011, Jörg Kachelmann ist wieder auf freiem Fuß, heiraten die beiden heimlich. Als die Hochzeit bekannt wird, schreibt Alice Schwarzer in Bild, das sei »eine weitere Ohrfeige für die zahlreichen Frauen, die Kachelmann über Jahre miteinander betrogen hat. Und die nun auch noch öffentlich gedemütigt sind. Denn trotz alledem hatte sich die eine oder andere noch immer Hoffnungen gemacht.«

Leserkommentare
  1. "Die erste PR-Welle für das Buch ist den Kachelmanns missglückt."- So steht es in Ihrem Artikel. Aber ist nicht eher den Medien der Umgang mit den Kachelmanns missglückt? Sowohl vor dem Freispruch als auch danach ? Weder Kachelmann noch seine Frau bekommen doch eine echte Chance. Mich macht es betroffen, dass es so kinderleicht ist, einen Menschen ein für alle mal fertig zu machen. In dem ganzen unguten Spiel ist Miriam Kachelmann für mich die einzig integre Persönlichkeit.

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    • Hattric
    • 06. Dezember 2012 19:03 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen
  2. Mir scheint, wenn jemand aus der Medienwelt in unguten Verdacht gerät, dann gibt es irgendwann einen Punkt, an dem sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist. Rehabilitation ist kaum mäöglich - oder erst nach Jahren geduldig leidenden Schweigens wie im Falle des seinerzeit unschuldig angeklagten Andreas Türck.

    Mr gefallen z.B. die Äußerungen einer Eva Hermann auch nicht. Aber die Art und Weise, wie sie von einer geschlossen auftretenden Medienfront zur Unperson gemacht wurde und wie ihr jede journalistische Existenzmöglichkeit geraubt wurde, das macht mich unabhängig von den Meinungen von Frau Hermann sehr nachdenklich.

    Der Fall Kachelmann besteht so nicht nur aus der von Frau Kachelmann aufgeworfenen Frage nach der institutionellen Gerechtigkeit in unserem Justizsystem, er wirft auch die Frage auf, wie eine derartige Existenzvernichtung durch eine in sich geschlossene Medienfront überhaupt möglich ist. Da ich nicht davon ausgehe, dass alle Medienvertreter sich in einer organisierten Verschwörung absprechen, sollten sie dieses beunruhigende Phänomen selbst einmal untersuchen und öffentlich thematisieren.

    Es produziert ansonsten zwangsläufig den Eindruck, wir lebten in einer nicht mehr sehr freien und nicht mehr in jedem Fall rechtsstaatlichen Prinzipien (Unschuldsvermutung, Meinungsfreiheit und -vielfalt) folgenden Gesellschaft.

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    • WolfHai
    • 08. Dezember 2012 20:12 Uhr

    "...sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist."

    Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland ein hoher Konsensdruck herrscht, nicht nur bei den Medien. Wenn man zu einer Gruppe gehört, wird Konformität erwartet - nicht nur die Klamotten, auch die Automarke muss stimmen. Und die politische Meinung sowieso. In Fällen wie bei Kachelmann ist das grausam. Aber auch das Leben normaler Menschen ist beeinträchtigt: es wird im Herzen sehr eng.

    • clair11
    • 06. Dezember 2012 22:10 Uhr

    Schade, dass die Autorin von "Anti-Kachelmann-Fraktion" spricht und so die verschiedenen Ebenen vermischt.

    Ich fand, dass es angemessener gewesen wäre, das Verfahren gegen Kachelmann frühzeitig einzustellen. Ich fand den Medienrummel um den Prozess unsäglich.

    Ich bin aber gleichzeitig entsetzt darüber, wie Miriam und Jörg Kachelmann in letzter Zeit einen Medienkampf gegen Anzeigeerstatterinnen von Sexualdelikten führt und diese grundsätzlich als unglaubwürdige Lügnerinnen diffamiert. Auch finde ich es entsetzlich, wie die Medien drauf springen und nun bei vielen anderen laufenden Verfahren die Glaubwürdigkeit der Zeugen öffentlich in Frage stellen.

    Laut Artikel sieht Miriam Kachelmann nun eine Chance, um was zu bewegen. Es war aber schon immer einfach, was zu bewegen auf Kosten der Vergewaltigungsopfer. Gerechtigkeit sieht anders aus.

    Eines verstehe ich im Artikel nicht: "Ein Strafbefehl ist ergangen gegen eine Zeugin, die vor Gericht gelogen hatte. Die Exgeliebte hatte in der Bunten behauptet, sie habe beim Sex mit Kachelmann einmal Nein gesagt, er aber habe nicht aufgehört. Bei der Polizei hatte das zuvor noch anders geklungen. Das »Nein« tauchte erst in dem bezahlten Interview auf und dann vor Gericht."

    Wie beweist das, dass die Frau vor Gericht gelogen hat? Es kann genauso sein, dass die Aussage vor Gericht richtig ist und die Aussage vor der Polizei falsch?

    Außerdem reicht das "Nein sagen" ohnehin nicht, um eine Vergewaltigung zu sehen.

    25 Leserempfehlungen
  3. ist auch dieser Artikel kein Ruhmesblatt der ZEIT. Statt so ambivalent daherzuschreiben, wäre es besser gewesen, nichts zu schreiben oder wenigstens eindeutig Stellung für eine Person zu beziehen, die weiß, was sie tut und davon überzeugt ist, das Richtige zu tun. Dabei kann man ihr nur Glück wünschen. Und J.K., das zu bleiben, das er jetzt zu sein scheint. Und der ZEIT: es gibt Wichtigeres.

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    • clair11
    • 08. Dezember 2012 18:17 Uhr

    Der Artikel ist auch deswegen ambivalent, weil es dort zwar vordergründig um die Person Frau Kachelmann geht, der Artikel aber doch hintergründig die Verfahren vom Herrn Kachelmann behandelt.

    Sonst würde die Autorin nicht den Anwalt Schwenn zu Wort kommen lassen oder Anmerkung machen wie "Es gebe eine erschreckende Anzahl unschuldig verurteilter Männer.
    Gegen einen Freispruch kann man nicht in Revision gehen."
    "Es hat dem Freigesprochenen als Hypothek einen Verdacht mitgegeben, der nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist." Das hat mit einem Porträt der Frau Kachelmann nichts zu tun. Außerdem müsste es die Aufgabe des seriösen Journalismus sein, solche Urteile und das Prinzip der Unschuldsvermutung auch laienverständlich zu erklären, und aufklären, dass es da nicht ums "in den Dreck ziehen" geht.

    Es ist auch nicht passend, im Kontext mit dem Vergewaltigungsvorwurf und dem Strafverfahren von "Opferrolle" zu sprechen. Sondern Überlegungen wie "Opferrolle oder nicht" wären nur interessant im Bezug auf Themen wie psychische Beziehungsgewalt oder Co-Abhängigkeit. Und selbst da geht es nicht um "schwach" oder "stark" (unabhängig davon, dass starke Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind als schwache Frauen).

  4. 6. [...]

    Die Frau Miriam kann einem nur leid tun sich so beeinflussen zu lassen und anderen Frauen in den Ruecken zu fallen. Man kann nur hoffen, dass die Dame anfaengt Sachliteratur ueber diese Maenner zu lesen, die zum Psychater und/oder ins Gefaengnis gehoeren, da sie sich nie aendern und Frauen hassen und weder Liebe noch Mitgefuehl noch Schuldgefuehle empfinden.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
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    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

    • Kanzel
    • 08. Dezember 2012 16:10 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf polemische und unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

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