Vergewaltigungsvorwürfe : Außer Konkurrenz
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 Warum muss ich denn leiden?

Die Vertreter der Anti-Kachelmann-Fraktion können es nicht fassen, dass Miriam Kachelmann nicht die Rolle des Opfers spielen mag. Das öffentliche Leiden der anderen Geliebten findet sie entsetzlich. »Warum muss ich denn leiden? Mit welchem Recht meint die Öffentlichkeit zu wissen, dass ich schwach bin?« Sie lässt uns keine Details darüber wissen, wie sie wieder mit Jörg Kachelmann zusammengefunden hat, ob Eifersucht für sie ein Thema war und ist. Aber wer weiß, vielleicht hat sie ihm gegenüber ja gerade an Macht gewonnen, dadurch, dass sie ihm vergeben hat? Vielleicht hat sie ihm einen Kredit gewährt, den er jetzt abzahlen muss?

Miriam Kachelmann bemüht sich nicht, dem Klischeebild der emanzipierten Frau zu entsprechen. Feministinnen sind für sie Menschen, die übers Ziel hinausschießen. Alice Schwarzer ist nicht ihre Generation, nicht ihre Sozialisation. Miriam Kachelmann wurde 1986 bei Leipzig geboren. Sie sagt: »Frauen haben im Osten immer für sich selbst gesorgt.« Im Osten, heißt das, sind wir schon weiter.

Miriam Kachelmann ist nicht so schwach, wie ihre Kritiker glauben. Aber sie steckt auch nicht alles weg. Als im Sommer 2010 klar wird, dass sich Jörg Kachelmanns Verfahren in die Länge zieht, nimmt sie ein Urlaubssemester. »Ich war seelisch nicht in der Lage, mich auf das Studium zu konzentrieren.« Einige Prüfungen besteht sie nicht, die Situation belastet sie. Alles, was sie an der Universität lernen soll, hat irgendwie mit dem Fall Kachelmann zu tun. Die Frage, wie Meinungen entstehen und sich wider besseres Wissen halten. Miriam Kolbus, dann Kachelmann, arbeitet sich in die juristischen Details des anstehenden Prozesses ein. Wie oft kann man einen Antrag auf Haftprüfung stellen? Was dürfen Staatsanwälte? Welche Widersprüche gibt es in den Aussagen des angeblichen Opfers? Aus den beiden wird wieder ein Paar, aus Miriams »Ich« wird ein »Wir«. Sie verfolgt nun eine Mission. Kachelmann sagt, in seiner Frau steckten halt »50 Prozent Palästina .« Ihr Vater ist Palästinenser.

Die beiden verbringen seither fast immer 24 Stunden am Tag miteinander. Die Beziehung, die Jörg Kachelmann heute mit ihr führt, ist das Gegenteil seiner früheren Beziehungen. Um den Hals trägt sie seine »Hundemarke«, die Plakette des Soldaten Kachelmann, der in der Schweizer Armee gedient hat. Er erzählt von einer privaten Einladung, bei der es kurz so aussah, als sollten sie an einem langen Tisch weit voneinander entfernt sitzen. Da habe es bei ihm einen »Moment der Angst« gegeben. Man spürt es an einigen Stellen im Buch, wie sich die zwei Persönlichkeiten angleichen, man hört es, wenn sie sprechen. Der Wortschatz des einen, der sich in die Sätze des anderen schleicht. Seine Flapsigkeit, sein Zynismus in ihren gewählten Sätzen.

Das Buch ist kein literarischer Wurf, es ist nicht gut geschrieben. Manche Passagen klingen auf ermüdende Weise nach Polizeiprotokoll, andere Stellen sind zu aufbrausend, um den Leser zu gewinnen. Aber den beiden ging es nicht darum, ein gutes Buch zu schreiben oder eines mit einem therapeutischen Effekt. Es ging ihnen darum, Kachelmann zu rehabilitieren. Fehler im System aufzudecken.

Als Jugendliche war Miriam Kachelmann manchmal bei Anti-rechts-Demonstrationen in Leipzig. Bis irgendwann die Wackersteine flogen. »Da habe ich geglaubt, dass man eh nichts bewegen kann«, sagt sie. Heute spürt sie die Chance, etwas zu bewegen. Sie will die Prominenz ihres Mannes nutzen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Jörg Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn hat sein Büro in einem Neubau am Hamburger Fischmarkt. Der Besprechungsraum ist an Nüchternheit nicht zu überbieten. Ein Konferenztisch, eine graue Wand, keine Bilder. Dafür ein atemberaubender Blick auf den Hafen. Schwenn kennt das Ehepaar Kachelmann so gut wie wenige. Für ihn ist Miriam eine »emsige Rechercheuse«, sie habe sich, was das Juristische betrifft, »in beeindruckendem Umfang schlaugelesen«. Revisionen, Wiederaufnahmeverfahren in Sexualstrafsachen sind Schwenns Spezialgebiet. Schwenn, 65 Jahre alt und silbergraues Haar, ist eine Institution unter den Strafverteidigern, ein äußerst streitbarer Anwalt. In seinen ersten Anwaltsjahren habe er noch erlebt, wie schäbig mit Frauen umgegangen wurde, die eine Vergewaltigung angezeigt hatten, sagt er. Heute aber habe sich das umgekehrt, Frauen hätten einen Vorschusskredit bei Gericht. Es gebe eine erschreckende Anzahl unschuldig verurteilter Männer.

Gegen einen Freispruch kann man nicht in Revision gehen. »Wenn ein Gericht Sie freispricht, hat es jede Freiheit, Sie in der Urteilsbegründung in den Dreck zu ziehen«, sagt Schwenn. Das ist es, was das Landgericht Mannheim im Fall Kachelmann getan hat. Es hat dem Freigesprochenen als Hypothek einen Verdacht mitgegeben, der nun nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

Es ist Nachmittag geworden in Köln. Jörg Kachelmann kehrt mit dem Taxi zurück aus dem improvisierten Büro in der Kanzlei. Er trägt einen grauen Nadelstreifenanzug und dunkelblaue Converse-Turnschuhe. Im Hotel lässt er sich von einem der Versicherungsmenschen die Krawatte binden. Er selbst kann das nicht. Im Konferenzsaal, 150 Zuhörer, steigt er aufs Podium. Die Zuhörer warten darauf, von ihm zu erfahren, was es Versicherungen bringen kann, mit einem Wettervorhersager zu kooperieren. Und sie warten offensichtlich auf noch etwas anderes.

Kachelmann sagt, er werde jetzt von Wetterstationen berichten, die Meteomedia auf den Philippinen eingerichtet habe. Die Taifungefahr dort sei enorm, sodass man zur Evaluierung des Risikos ein dichtes Netz von Messgeräten brauche. Den zweiten Teil des Vortrags aber werde eine Mitarbeiterin übernehmen, die das alles viel genauer wisse als er selbst – 2010 sei er ja 132 Tage lang abwesend gewesen. Der Gag gelingt. Das Publikum freut sich. Den zweiten Gag aber hört schon keiner mehr, und wahrscheinlich versteht ihn auch nur eine im Saal. »Die Übermutter ist auch da«, sagt Jörg Kachelmann.

Seine Frau sitzt in der ersten Reihe und hat gerade eine E-Mail bekommen. Ein Strafbefehl ist ergangen gegen eine Zeugin, die vor Gericht gelogen hatte. Die Exgeliebte hatte in der Bunten behauptet, sie habe beim Sex mit Kachelmann einmal Nein gesagt, er aber habe nicht aufgehört. Bei der Polizei hatte das zuvor noch anders geklungen. Das »Nein« tauchte erst in dem bezahlten Interview auf und dann vor Gericht. Der Strafbefehl ist ein Etappensieg für die Kachelmanns.

Im nächsten Jahr wird Miriam Kachelmann weiterstudieren, im Ausland. Sie weiß, dass es keine Lebensaufgabe sein kann, den Prozess ihres Mannes aufzuarbeiten. Aber man kann einigermaßen sicher sein, dass sie weiterhin Ärger bekommen wird, denn sie ist eine Frau, die sagt, was sie denkt. Eine Frau, deren liebste Theaterrolle die Hexe in Hänsel und Gretel war.

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Kommentare

208 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Der deutsche Konsensdruck

"...sich die Medienwelt weitgehend geschlossen gegen diese Person wendet - selbst wenn der Verdacht noch nicht bestätigt oder gar entkräftet ist."

Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland ein hoher Konsensdruck herrscht, nicht nur bei den Medien. Wenn man zu einer Gruppe gehört, wird Konformität erwartet - nicht nur die Klamotten, auch die Automarke muss stimmen. Und die politische Meinung sowieso. In Fällen wie bei Kachelmann ist das grausam. Aber auch das Leben normaler Menschen ist beeinträchtigt: es wird im Herzen sehr eng.

Konsensdruck

Ich weiß ja nicht, wo sie wohnen, aber ich erlebe das anders! Zumindest in der Metropolregion Hamburg ist es mir ziemlich schnurz, was ich anhabe und was andere Menschen davon halten. Und selbst, wenn sie sonst recht haben sollten und es im restlichen Deutschland einen solchen Konformitätsdruck gibt, so liegt das ja nicht an einer überirdischen Macht, sondern an allen Menschen der Gesellschaft, die der Meinung sind, sich gegenseitig bewerten zu müssen...

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