Hat sich das in Paris schon herumgesprochen? Die Freiheit ist weg, einfach auf und davon. Vermutlich, weil sie es nicht mehr aushielt daheim in ihrem Stammquartier, dem Louvre. Sie wollte raus aus dem Touristenghetto, rein ins wahre Leben, dorthin, wo es nach Umbruch und Aufbruch riecht, nach einem neuen Anfang. Und so ist sie in Lens gelandet, einem tristen, verlorenen Städtchen im Norden Frankreichs. Dort erklimmt sie nun mit blankem Busen, in der Faust das Bajonett, die Barrikaden. Nur, das Volk lässt sich nicht blicken. Es wird aber kommen, spätestens nächste Woche.

Dann öffnet hier in Lens ein neues Museum, ein neuer Louvre, und zusammen mit Eugène Delacroix’ Freiheit, diesem ikonischen Kämpferbild, werden sich noch viele weitere Berühmtheiten – Leonardo, Botticelli, Rubens sowie antike Herrschaften vom Nil und vom Tiber – in höchst ungewohnter Umgebung zurechtfinden müssen. Lens, das ist wie Bottrop, nur kleiner. Ein Kohlestädtchen mit 30.000 Einwohnern, nahe Lille gelegen, geduckt, verarmt und derart in sich verkapselt, dass jedes zweite Ziegelhäuschen auch tagsüber die Rollläden geschlossen hält. Aus der Ferne grüßen zwei gewaltige Kohleberge, von Birken scheu begrünt. Erhebenderes war hier lange nicht zu erblicken.

Nun aber der Louvre: ein Weltmuseum in der Provinz, ein Neubau der Japaner Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, zwei der besten Architekten der Gegenwart. Und das Ganze für 150 Millionen Euro und auf 28.000 Quadratmetern, viermal so groß wie die Gemäldegalerie in Berlin. In Lens, das über Jahrzehnte nur Schließungen kannte, Zeche um Zeche, Geschäft um Geschäft, bricht tatsächlich eine neue Zeit an. Und für den Louvre, dieses altehrwürdige Schatzhaus, ist es wahrhaftig ein Moment der Umwälzung. Raus aus der Residenz, in der alles für immer ist, wie’s ewig war. Hinein in eine Welt, in der nichts bleiben soll, wie’s gerade ist.

Das mag auf den ersten Blick an die Kulturerweckungsbewegungen der neunziger Jahre erinnern. Damals wehte über den Ruinen des Industriezeitalters die Hoffnung, dass fürderhin mit Kunst und Medien das große Geld zu verdienen sei. Wo Ruß war, sollte Tourismus werden, und häufig galten Museen als Motoren des Wandels. Auch in Lens träumt man diesen Traum, 700.000 Besucher sollen im ersten Jahr kommen. Und doch ist weit und breit nichts Bilbaohaftes zu erblicken, nirgends reckt sich ein fotogenes Glitzerhaus in den Nieselregen, nicht das kleinste Spektakelchen wollten sich die beiden Architekten gönnen. 15 Gehminuten vom Bahnhof entfernt haben sie dort, wo sich einst der Schacht 9 ausbreitete, das wohl größte Nichts der Architekturgeschichte errichtet. Ein, nebenbei bemerkt, ungemein schönes Nichts.

Man steht am Fuße einer sanften Anhöhe und schaut durch ein Robinienwäldchen hinüber zu jenem Fleck, auf den ein paar Schlängelwege zuführen. Dort drüben liegt es wohl, das Museum, man meint ein paar niedrige Glasfronten auszumachen, auch ein paar silbrig graue Wände, doch gut getarnt im ebenso silbrig grauen Horizont. Das Auge sieht und sieht doch fast nichts. Nur ein paar locker hingestreute Kuben, nicht recht von dieser Welt.

Aus der Nähe dann, wenn man vor den gebürsteten Alufassaden steht, kommt es einem leicht so vor, als blicke man durch beschlagene Brillengläser. Alles scheint ins Diffuse zu entweichen, sogar das eigene Ich verliert Gerhard-Richter-mäßig die gewohnte Kontur. Man spiegelt sich in diesen Museumswänden, doch ist es ein halb blinder Spiegel.

Wandelt in mir! Wandelt euch! Das ist die stille Botschaft dieses Baus

Muss man das metaphorisch verstehen? Keineswegs. Man darf es aber, und vielleicht sogar im Sinne einer fernöstlichen Weisheit. Denn dieses Museum kennt kein triumphales »So ist es, und so wird es immer sein«. Es scheint mehr, als dass es ist . Und in seinem Erscheinen erscheint ein jeder, der es betrachtet – nicht ganz als er selbst, sondern ein wenig aufgelöst. Ganz so, als sollten wir uns im Angesicht der Architektur ein wenig fremd werden. Als wollte dieses Museum nicht nur sich selbst, sondern auch seine Betrachter von allen vorschnellen Festlegungen frei machen. Wandelt in mir, wandelt euch! Das scheint die stille Botschaft.