Schwerpunkt: Was wird aus dem Arabischen Frühling? Die Brüder lieben Uniformen

Ägyptens Islamisten und die Armee arbeiten bestens zusammen. Verlierer sind die Liberalen, die Revolutionäre der ersten Stunde.

Wer Macht im Nahen Osten als Nullsummenspiel betrachtet, könnte meinen, die ägyptische Armee müsste dieser Tage tief frustriert sein. Treten doch die Muslimbrüder und ihr Präsident Mohammed Mursi gerade ihr Erbe an. Ist das Militär untendurch, wenn die Muslimbrüder obenauf sind?

Die Antwort lautet schlicht Nein. Das zeigt ein Blick ins neue Grundgesetz, das die islamistische Mehrheit im Verfassungsrat soeben verabschiedet hat. Es dürfte der Armee gefallen. Wie in den schlechten alten Zeiten wird das Militärbudget keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegen. Ein »Nationaler Verteidigungsrat« mit Offizieren und Zivilisten wird sich der Sache gut abgeschirmt von der Öffentlichkeit annehmen. Der Verteidigungsminister kommt aus der Armee. Und Artikel 198 ignoriert eine wichtige Forderung der Revolutionäre: Nun dürfen doch Zivilisten vor Militärgerichte gestellt werden, und zwar, wenn sie »die Streitkräfte schädigen«. Schwammig genug formuliert, um die alte Willkürpraxis fortzusetzen.

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Was sich da abzeichnet, ist mehr als ein Burgfrieden von Islamisten und Generälen. In der Schlacht um Ägyptens Zukunft zwischen der liberalen Opposition und Präsident Mursis islamischen Regimentern hält sich die Armee bisher fein raus. Die Generäle sind sowieso keine Freunde von Tahrir-Platz-Demonstrationen. Islamisten und Offiziere, das wird oft übersehen, sind gleichermaßen konservativ. Sie verbindet ein ähnliches Interesse: endlich Ruhe zu schaffen in Ägypten.

Seit der Februarrevolution 2011 haben Uniformierte und Bärtige mehr kooperiert, als es den Anschein hatte. Den Aufstand gegen das alte Regime und die Generäle des fallenden Herrschers Mubarak traten junge Revolutionäre los, Liberale, Linke, Blogger, Studenten. Sie waren die Infanterie der Revolution, Islamisten kamen erst später dazu.

Die älteren Mitglieder der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei saßen oft in Verhandlungsrunden mit den hohen Militärs. Mal wurde boykottiert, mal kooperiert, je nach Lage. Besonders augenfällig war das im November 2011, als die jungen Revolutionäre gegen das autoritäre Regime der Militärs auf die Straße gingen. Die Muslimbrüder fehlten auf dem Tahrir-Platz. Sie saßen am Verhandlungstisch mit der Armee, um die Parlamentswahl zu retten. Den Staat wollten die Muslimbrüder der Armee lieber abverhandeln.

Doch im vergangenen Sommer sah es nach einem Bruch aus: Nach der Wahl von Mohammed Mursi zum Präsidenten beschnitt die Armee dessen Vollmachten. Nicht lange. Mursi entmachtete seinerseits den Militärrat und setzte den Interimsdiktator Mohammed Tantawi ab. Das war jedoch kein Putsch, wie es schien, sondern ein Deal.

Präsident Mursi hatte sich längst mit jüngeren Offizieren geeinigt, als Tantawi in die Provinz geschickt wurde. Die neue Generalität war gegen die politische Rolle, die Tantawi sich anmaßte. Und sie hatte nichts gegen die Muslimbrüder.

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