Bücher Der Mensch ist des Menschen Buch
Eine Münchner Bibliothek lädt zum Lesen in Lebensgeschichten, um dem Fremde nahezukommen. Ein Ortstermin.
Francois La Rochefoucauld, französischer Moralist und Zyniker, hätte an diesem ersten Adventssonntag in der Münchner Stadtbibliothek seine helle Freude gehabt. Seine Maxime, es sei wichtiger, in Menschen zu studieren als in Büchern, ist hier auf spezielle Weise umgesetzt worden: Die Bücher sind aus Fleisch und Blut, sie haben Titel wie Lesbische Frau mit Kind, Alkoholkranker Mensch oder Muslima mit Kopftuch, ihre Cover sind Jeans mit Nietengürtel, kariertes Sakko oder Rock zu silbrig glänzendem Pullunder. Würde man diese Menschenbücher in ein Regal einsortieren, sie würden unter »V« wie »Vorurteilsbehaftet« zu finden sein oder unter »B« wie »Befremdlich«. Dem Fremden nahezukommen, indem man in Menschen lesen kann wie in einem Buch – das war die Intention der Veranstaltung am Tag der offenen Tür. Einem Moralisten gefällt so was. Einem Zyniker auch. Zeigt sich doch, dass es sich mit dem Menschen und dem Klischee wie mit dem Hasen und dem Igel verhält: Egal, wie sehr sich der Mensch abmüht, das Klischee ist schon da.
»Hallo, ich bin Ihr Buch«, sagt Nadia Nefzi, die Muslimin mit dem schwarzen Kopftuch. Ein Ehepaar, Ende 40, beide mit Rotstich im Haar, lächelt verlegen, bevor es im Lesesaal Platz nimmt. Dem verlegenen Lächeln folgt verlegenes Schweigen. »Sie müssen mich jetzt was fragen, keine Angst, ich komme mit allem zurecht«, sagt Nadia aufmunternd. Die Ehefrau hält ihren Blick auf den Tisch gesenkt, während sie ihre erste Frage stellt. »Vielleicht ganz einfach mal, so am Anfang, warum also das Kopftuch?« – »Das Kopftuch ist für mich etwas Spirituelles, ich trage es nicht aus Zwang. Ich bin eher so was wie ein Mercedes mit Zusatzfunktion.« Autos sind ein guter Gesprächsöffner, das Ehepaar lacht und fragt: »Wo kommen Sie denn eigentlich her?« – »Ich bin ein Münchner Kindl, also hier geboren«, sagt Nefzi. Diesen Satz wird sie in jedem Gespräch sagen, und in jedem Gespräch werden ihre Leser erstaunt schauen, mancher wird dann sagen: »Ach, deshalb sprechen Sie so gut deutsch.«
Erstaunte Blicke gibt es auch, wenn Nadia Nefzi erzählt, dass sie erst seit acht Jahren Kopftuch trägt, alleinerziehende Mutter ist und bei H&M arbeitet. »Im Lager«, sagt eine ältere Dame. »Nein, im Verkauf«, sagt Nefzi. »Ah, im Einkauf«, sagt die Dame. »Nein, Verkauf«, sagt Nefzi. »Ach, wirklich?«, sagt die Dame. Sie scheint sich eine Frau mit Kopftuch nicht in einem Modegeschäft vorstellen zu können. Vorstellbar hingegen finden die meisten offenbar, dass Nadia Nefzi auf der Straße als »Kopftuchschlampe« und »Terroristin« beschimpft wird, und auch ihre Geschichte von dem Mann, der ihr im Bus versuchte das Kopftuch abzureißen, wird mit mitfühlenden, aber keineswegs erstaunten Blicken kommentiert.
Das Ehepaar ist aufgetaut, sie fragt, ob die Kopfhaut nicht jucken würde, weil man unter dem Tuch doch schwitze? Es menschelt, die Selbstverständlichkeit, mit der Nadia ihr Kopftuch trägt und darüber redet, überträgt sich auf ihre Gesprächspartner. Später werden die Eheleute sagen, in die lebende Bibliothek kämen wahrscheinlich nur Wohlgesonnene, eben Menschen wie sie, ohne Vorurteile. Nadia Nefzi wird später sagen, dass sie viele bisher erlebte Vorurteile in den Gesprächen bestätigt gefunden habe. Als Beispiel wird sie das Ehepaar nennen, weil es nach einer halben Stunde »Lesezeit« die Frage stellte, was passieren müsse, damit sie das Kopftuch abnehme. »Sie haben mich und mein Kopftuch wohl doch nicht verstanden.«
Wie beständig das Vorurteil ist, spürt auch das Buch Alkoholkranker Mensch. Johannes Renn ist seit vier Jahren trocken, es ist sein zweiter Anlauf, ein Leben ohne Alkohol zu führen. Eine hübsche Braunhaarige in Jacket und Rock, spricht von den Pennern in der U-Bahn, wenn sie Alkoholiker meint. Dass Renn in seinem Sakko wie aus dem Ei gepellt aussieht, ändert daran nichts. Sie redet ungehemmt weiter. Manchmal entsteht in der lebenden Bibliothek echte Nähe zwischen Fremden. Eine junge Frau, mit eckigem Kurzhaarschnitt und eckiger Brille, hat sich Lesbische Frau mit Kind, ausgeliehen. Nach kurzen Höflichkeiten (darf ich du sagen, toll, dass du das machst) holt sie einmal Luft: »Ich weiß nicht, ob ich zu Männern oder Frauen gehöre. Wie hast du das herausgefunden?« Der geliehene Mensch wird zu einer Mischung aus Ratgeber und Tagebuch, er erzählt vom ersten Verliebtsein und dem Mädchen, das sagte, »dich würde ich selbst dann nicht nehmen, wenn du ein Mann wärst«; von Eltern, die auf das Outing der älteren Schwester mit dem Rat, einen Arzt aufzusuchen, reagierten und auf das eigene mit den Worten »denk nicht, dass wir uns freuen«; von dem Liebeslebensabschnitt mit einem Mann, aus dem eine Tochter entstand, und den Eltern, die eine lesbische Frau mit Kind unpassend fanden. Das Vorurteil ernährt sich von der Realität.
Das spürt auch Nadia Nefzi, als die Veranstalter der lebenden Bibliothek zum Gruppenfoto bitten. Nadia erzählt, sie und die beiden Protagonisten für das Buch Schwarzer Mensch seien noch einmal separat für einen Flyer fotografiert worden, der Bibliotheksführungen für Ausländer bewerbe. Nadia Nefzi ist Deutsche – aber das Kopftuch passt halt wunderbar ins Ausländer-Klischee.
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- Datum 06.12.2012 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 6.12.2012 Nr. 50
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