Petit St. Vincent

DIE ZEIT: Sie sind schwer zu erreichen, Louise – dafür, dass Sie Leuten beim Entschleunigen helfen wollen, stehen Sie selbst ganz schön unter Strom.

Louise Gillespie-Smith: Ich weiß, die letzten Wochen waren etwas turbulent.

ZEIT: Sie arbeiten für das britische Reiseunternehmen Black Tomato als Digital-Detox-Coach. Das heißt: Sie betreuen Urlauber bei dem Versuch, in der Karibik neun Tage lang auf ihre technischen Geräte zu verzichten. Was hat Sie auf die Idee gebracht?

Gillespie-Smith: Anfang 2011 war ich zwei Wochen lang in einem indischen Aschram, wo wir zu Beginn alle unsere Mobiltelefone abgeben mussten. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie gut es tut, diese Gewohnheit zu unterbrechen. Zeit für sich selbst zu haben, statt andauernd nach Mails zu schielen, angeregte Unterhaltungen zu führen, ohne permanent abgelenkt zu sein. Es war eine großartige Erfahrung. Technik hat sich zu einer Sucht entwickelt, der wir uns nur schwer entziehen können. Wir haben ständig Angst, etwas zu verpassen. Und tatsächlich gehen ja viele Vorgesetzte ganz selbstverständlich davon aus, dass sie ihre Mitarbeiter auch außerhalb der Bürozeiten per Mail erreichen können.

ZEIT: Aber muss man zur digitalen Entgiftung um die halbe Welt fliegen? Es gibt ja inzwischen viele Veranstalter, die Detox-Programme anbieten – auch in der näheren Umgebung.

Gillespie-Smith: Natürlich, aber je größer die räumliche Distanz, desto leichter fällt es. Die Grenadinen, wo unser Digital Detox stattfindet, sind sehr weit ab vom Schuss. Man muss erst nach Barbados fliegen, dann mit einem kleineren Flugzeug weiter nach St. Vincent, und dann geht es mit einem Boot nach Palm Island und Young Island. Wenn man dort angekommen ist, fühlt man sich Millionen Meilen vom Alltag entfernt. An einigen Stränden der Inseln sind Mobiltelefone generell verboten, viele Hotelzimmer haben weder Telefon noch Fernseher: der perfekte Ort für dieses Programm.

ZEIT: Das im Übrigen nicht ganz billig ist. Wahrscheinlich fände sich jemand, der einem auch für weniger Geld das Handy wegnimmt.

Gillespie-Smith: Es gibt das Programm ja in zwei Versionen. Bei der einen, der teuren, fahre ich selbst mit und biete tägliche Sitzungen an. Ich arbeite seit sechs Jahren als Life-Coach, Yoga-Lehrerin, persönliche Stylistin und Reiki-Heilerin.

ZEIT: Und wie sieht die billigere Variante aus?

Gillespie-Smith: Da fahren die Teilnehmer allein, und ich führe mit ihnen ein Vorbereitungsgespräch, ehe es losgeht.

ZEIT: Worüber sprechen Sie da?

Gillespie-Smith: Wir planen zum Beispiel, was die Teilnehmer auf den Inseln tun können – meditieren, Yoga, sich auf die Gegenwart einlassen, den Moment genießen. Dann bitte ich sie, eine Liste mit 50 Dingen zu erstellen, die sie zum Lächeln bringen. Zehn Dinge hat man schnell zusammen, aber bei 50 muss man sich echt anstrengen. Es müssen keine teuren oder ausgefallenen Sachen sein. Oft machen uns ganz einfache Dinge glücklich: Schnorcheln gehen, Rollschuh fahren...

ZEIT: ...mit dem iPhone spielen...

Gillespie-Smith: Das geht dann natürlich nicht. Ich möchte, dass die Leute einige dieser Dinge auf ihrer Reise machen. Manchmal tut es auch gut, über Menschen nachzudenken, die uns nahestehen, und ihnen einen Brief zu schreiben, mit Stift und Papier. Das tun wir ja heute kaum noch. Wenn man allein reist und Angst vor der Einsamkeit hat, kann man sich auch vor der Abreise von seinen Lieben einen Brief schreiben lassen.

ZEIT: Und den dann, unter einer Palme sitzend, lesen, wenn der Entzug zu schlimm wird?

Gillespie-Smith: Genau.

ZEIT: Fällt es den Leuten Ihrer Erfahrung nach wirklich so schwer, auf ihre Technik zu verzichten?

Gillespie-Smith: Lassen Sie es mich so sagen: Ich habe bisher erst eine Gruppe auf die Grenadinen begleitet, sechs freie Journalisten, die in ihrem Alltag eigentlich ständig online sind. Wir hatten eine sehr intensive gemeinsame Zeit, gute Gespräche, viel Austausch. Als wir am Ende zum Flughafen in Barbados fuhren, habe ich sie gefragt: Wollt ihr eure Telefone jetzt schon zurück haben? Oder erst zu Hause, am Flughafen in Gatwick? Und alle riefen sie: Jetzt, wir wollen sie jetzt!