Oper "Der Schaum der Tage"Sartre und die Hausmaus

In Stuttgart wird Edison Denisovs Oper "Der Schaum der Tage" nach Boris Vian grandios rehabilitiert. von Volker Hagedorn

Das Buch lag in den frühen Achtzigern auf den Teetischchen deutscher WGs. Handliches Format, gelber Einband, Der Schaum der Tage, ein Kultbuch von Zweitausendeins. Man liebte diesen spaßigen Surrealismus, ein Destillat des schäumenden, freien Nachkriegs-Paris rund um einen Philosophen, der, leicht zu dechiffrieren, Jean-Sol Partre heißt und einen seiner Bewunderer in den Ruin treibt, weil der zu Wucherpreisen sogar angekaute Tabakspfeifen des Existenzialisten erwirbt. In Stuttgart erlebt man diesen Chick jetzt als Opernfigur. »Außer Partre lese ich nicht viel«, bekennt er, setzt sich an eine Mischung aus Klavier und Cocktailbar und jazzt wunderbar vor sich hin.

Edison Denisovs Oper L’Écume des jours hat da gerade erst begonnen, so leichthin, so leicht verrückt, dass man kaum glauben mag, wie schwer sie es bislang hatte. Der Russe, von Webern bis Boulez mit allen Wassern der Moderne gewaschen, stellte sie 1981 fertig. Aber auf eine Oper nach Vian hatte niemand gewartet, die Musik-Avantgarde schon gar nicht. »Literaturoper« galt als Schimpfwort für lineares Erzählen im Musiktheater. Und wenn schon Literaturoper, dann doch nicht mit Jazz und Tristanakkord, Zwölftonveralberung und Kirchenchor! Zur Uraufführung in Paris 1986 wurde das Werk rüde gekürzt – und fiel durch.

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Auch drei weitere Versuche blieben folgenlos. Als Denisov 1996 starb, mit erst 67 Jahren, glaubte kaum noch jemand an den Wert dieser Partitur. Einem solchen Stück noch mal eine Chance zu geben ist viel riskanter als eine Uraufführung. Dabei sind es umgekehrt weite Teile des Opernbetriebs, die dringend Impulse gegen ihre Gemeinplätze brauchten. In Stuttgart können sie nun ihr funkelndes, verrücktes, trauriges, komisches Wunder erleben.

Was Sylvain Cambreling als Dirigent mit den Regisseuren Jossi Wieler und Sergio Morabito hier realisiert, zeigt den Schaum der Tage auf der Höhe unserer Tage. Denn während die ästhetischen Grabenkämpfe, in die Denisov einst geriet, inzwischen fast so entfernt wirken wie die zwischen den Anhängern Verdis und Wagners, ist uns die Verunsicherung näher gerückt, die er hinter und zwischen Vians Figuren entdeckte: dem Sartre-Fetischisten Chick, seinem reichen Freund Colin, dessen Koch, ihren Frauen, allerlei bizarren Nebenfiguren, einer enthemmten Polizistengang und einer aus Mitleid wissenden Hausmaus.

Denisov muss in Vians Absurditäten auch die des sowjetischen Alltags wiedererkannt haben. Im Libretto, das er selbst schrieb, geraten jene Surrealismen an den Rand, die ohnehin etwas patiniert Modisches haben. Umso deutlicher wird das Dunkel dahinter, das Ausgeliefertsein von Menschen, die doch mit Sartre so gern glauben möchten, sie könnten sich »wählen«. »Man hat den Eindruck, die Atmosphäre ist nicht mehr dieselbe. Die Lampen sterben ab. Die Wände ziehen sich zusammen«, singt (auf Französisch) Chloé, krank an einer »Seerose« in der Lunge – eine Schwester der tuberkulösen Traviata.

Denisoves Musik berührt diese Tragik zwar, abders als Verdi aber verfällt sie ihr nicht. Sylvain Cambreling trifft am Pult des Staatsorchesters Stuttgart genau den Ton zwischen Verzweiflung und Spiel, Eleganz und Existenz, wirft mit dem Komponisten ironische Blicke auf die Leidenschaft (wenn Saxofone Tristan zitieren), formt schwarz glänzende Schicksalslinien von nackter Wucht. Wenn sich über eine knackige Tanznummer ein Arioso legt und darunter ein schier kitschiger Streicherteppich, erlebt man eine hohe Kunst der Kombination, die keine ihrer Quellen desavouiert. Zugleich operiert Denisov so theaterbewusst, so kommunikativ, dass man ihn gern mal unterschätzt.

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    • Schlagworte Oper | Musik
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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