RedaktionsempfehlungEin kleines Fest!

ZEIT-Mitarbeiter stellen aufregende CDs für den Monat Dezember vor – aus Pop, Klassik und Jazz. von , Arno Frank, Mirko Weber, Christine Lemke-Matwey und

Vor dem Kamin

Beth Orton: "Sugaring Season" (Anti/Indigo)

Beth Orton: "Sugaring Season" (Anti/Indigo)  |  © Anti

Sechs Jahre lang war sie verschwunden, in Elternzeit, Umschulung, auf irgendeinem Ponyhof des Lebens, jetzt, wo sie endlich wieder da ist, stellen wir begeistert fest: Beth Orton zieht uns noch immer runter. Keine versteht es, so konsequent novembergrau daherzusingen wie diese Meisterin einer britisch eingefärbten Nobelmelancholie, selbst der lebensbejahende Titel ihres jüngsten Albums ist pure Augenwischerei. Aber natürlich zieht Beth uns nur runter, um uns wieder aufzubauen, zu orchestralem, von Könnern wie Marc Ribot begleitetem Folk reicht sie handgezupfte Lebensweisheiten: »You ain’t never far from the morning light«! Mit dieser Frau würde man gern mal einen Abend vor dem Kamin zubringen, Kuscheleien unter der Lamadecke nicht ausgeschlossen, allein ihre Stimme wirkt pulsadernerwärmend. Jetzt kann der Winter kommen. Thomas Groß

Ohne Tremolo

The Jazz Age

The Bryan Ferry Orchestra: "The Jazz Age" (BMG/GoodToGo)  |  © BMG

Dass Bryan Ferry sich irgendwann an den Zwanzigern zu schaffen machen würde, war unvermeidlich: Nichts, wo ein bisschen Geschmack drinsteckt, ist vor seinen Heimholungen sicher. Dass The Jazz Age dann doch ganz anders klingt als erwartet, verdankt sich einem revolutionären Schritt: Ferry singt nicht. Wo sonst sein gefürchtetes Tremolo alles dominierte, spielt ein Jazzorchester seine größten Hits: kratzig, verrauscht, bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, als kämen sie direkt aus dem Hinterzimmer eines Puffs in New Orleans. Was Bryan Ferry uns damit sagen will – dass er der größte aller Gatsbys ist? dass man alle seine Songs als Quersumme aus 100 Jahren Pop begreifen sollte? –, das bleibt zwar im Dunkeln, der Effekt jedoch ist verblüffend. Diese Musik braucht ihren Autor gar nicht. Sie vergnügt sich vielleicht sogar besser ohne ihn. Thomas Groß

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Epische Klötze

Allelujah! Don't Bend! Ascend!

Godspeed You! Black Emperor: "Allelujah! Don't Bend! Ascend!" (Constellation/Cargo)  |  © Constellation

Es mag keine reine Koketterie sein, dass Godspeed You! Black Emperor ein Ausrufezeichen im Namen tragen. Allelujah! Don’t Bend! Ascend! jedenfalls ist nach zehn Jahren ein Comeback mit Wucht und Nachdruck, mit schroffen Ecken und scharfen Kanten. Das gewittrige Mladic schwillt fast 20 Minuten zu orkanartigem Brausen an, nur hin und wieder darf eine einsame Geige orientalisch ins Dunkel leuchten. We Drift Like Worried Fire schaukelt ebenfalls 20 Minuten lang bedrohlich zwischen Ambient und Hardcore einem krachenden Höhepunkt entgegen. Neben diesen beiden epischen Großklötzen blieb nur noch Platz für zwei strukturfreie Drone-Etüden aus an- und abschwellenden Rückkopplungsschleifen. Das klingt bisweilen, als spielten Sonic Youth die psychedelischsten Momente von Hawkwind. In Zeitlupe. Mit Fragezeichen. Arno Frank

Bis zum Horizont

Maurice Ravel: "Orchestral Works" (tacet 207)

Maurice Ravel: "Orchestral Works" (tacet 207)   |  © tacet 207

Die letzte aufregende Interpretation der verrätselten Musik von Maurice Ravel stammte von Pierre Boulez und Pierre-Laurent Aimard – Brüdern im Geiste der Avantgarde: Sie rückten die Strukturen zurecht, entlarvten auch ein bisschen Ravels mitunter banale Anwandlungen. Richtige Hingabe war das nicht. Das ist jetzt bei Carlo Rizzi und dem Netherlands Philharmonic Orchestra mit La Valse, Ma Mère l’Oye, Tzigane, Bolero und der Pavane ganz anders. Rizzi erkennt Ravels Tricks, seine Maskenhaftigkeit, auch sein buchstäblich falsches Getue, aber er lässt’s ihm durchgehen. Mehr noch: Rizzi ist der Inbegriff eines stillen Genießers, er kostet die Dinge aus. Ravels Pianissimi, diese leichte Überparfümiertheit, seine Fähigkeit, Harmonien so zu weiten, dass man plötzlich bis zum Horizont schauen kann. Auch aufnahmetechnisch: ein kleines Fest! Mirko Weber

Richtige Gene

Generation

Renate und Daniel Behle: "Generation" (Capriccio)  |  © Capriccio

Von Ferne erinnert diese Stimme an die späte Martha Mödl, vor allem in den Wagnerschen Wesendonck-Liedern, die Renate Behle nach Wolf und Liszt singt: Da ist ein Tasten zu spüren, eine wissende Müdigkeit in ihrem ehedem hochdramatischen Sopran, der auf der Bühne alles gesungen hat – und sich hier seinem Vermächtnis stellt. Auratisch, wie Behle im tristantrunkenen Treibhaus fast mehr spricht, als wär’s ein Melodram von Schönberg, geradezu erotisch, wie der Pianist Oliver Schnyder ihr dabei nie zu nahe tritt. Diesem Vergleich kann Daniel Behle, lyrischer Tenor und Sohn von Renate, im ersten Teil der CD schon qua künstlerischer Erfahrung nicht standhalten. Die richtigen Gene hat er trotzdem, das zeigen Brahms-Lieder wie Feldeinsamkeit oder Von ewiger Liebe, die er mit empfindsamem Timbre und viel Verständnis singt. Christine Lemke-Matwey

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