Die Willkürlichkeit bürgerlicher Normen hatte Luis Buñuel in einer berühmten Episode seines Film Das Gespenst der Freiheit 1974 prägnant ins Bild gesetzt. Eine vornehme Abendgesellschaft setzt sich darin nicht zu Wein und Speisen an einen Tisch, sondern auf Kloschüsseln, um mit größter Lust das Geschäft zu verrichten. Und wen während der Konversation der Hunger packt, der entschuldigt sich kurz und findet in einer Kammer Essbares, das mit tierischer und verstohlener Eile verschlungen wird. Dem Essen wie der Verdauung haftet Animalisches an. Welche Handlung wir zivilisatorisch auf- oder abwerten, feiern oder verdammen, scheint pure Konvention.

Auch Peter Handke wertet in seinem kurzen Versuch über den Stillen Ort die Toilette ungehörig auf. Auf den ersten Blick aber nicht, indem er den Ausscheidungen huldigt, sondern indem er diese sorgfältig ausspart. Der krude Zweck der Toilette ist in dieser Mischung aus Essay und Erzählung zunächst nachrangig. Und im sogenannten wahren Leben nicht selten ja auch: »Entschuldigen Sie mich bitte« – dieser auf Partys oder in Restaurants ausgesprochene Satz, mit dem man für eine kurze Zeit verschwinden darf, signalisiert ja nicht unbedingt ein körperlich dringendes Bedürfnis, er ist bisweilen die einzige sozial akzeptierte Form, um einem Gespräch halbwegs höflich zu entkommen.

Es ist, allen eingestreuten Ironiesignalen zum Trotz, Handke tatsächlich heiliger Ernst um die Toilette. Wie in seinem Versuch über die Müdigkeit (1989), dem Versuch über die Jukebox (1990) und dem Versuch über den geglückten Tag (1991) wird das Alltagsbanale ins Zentrum gerückt. Das scheinbar Selbstverständliche enttarnt sich, einmal genau besehen, als ganz und gar unselbstverständlich und wird mit immer neuen Geschichten und Reflexionen umkreist. Ein »unverbundenes Miteinander vieler verschiedener Schreibformen«, nannte Handke ein derartiges Verfahren in seinem Jukebox-Buch: »Augenblicksbilder sollten wechseln mit weit ausholenden, dann jäh abbrechenden Erzählläufen«.

Was wie experimentelle Umständlichkeit klingt, gelingt federleicht. Die elegante Abschweifung ist Bauprinzip dieser Prosa, Handke erzählt Episoden seines Lebens anhand der Aborte, die sich ihm einprägten, da sie ihm Momente eines nur schwer definierbaren »grundanderen« Daseinszustandes verschafften – und damit mehr waren als ein Ausdruck von Menschenscheu und Rückzug. Der niederste, schmutzigste Ort der Welt, der Abort, wird zum höchsten und reinsten.

Und damit auch zum religiösen? Vielleicht. Womöglich kommt es darauf aber nicht an. Zwar handle seine Literatur immer von der Offenbarung, sagte Handke vor zwei Jahren in einem ZEIT-Interview ( Nr. 48/10), doch sei diese »ja nicht nur religiös definiert. Es geht um die Entdeckung des Menschen. Für mich sind die schönsten Augenblicke beim Lesen oder auch im Film, wenn ich erfahre, dass der Mensch, der so und so definiert zu sein scheint, plötzlich ein ganz anderer wird.«

Dem Kafka-Leser Handke geht es auch in diesem Buch um die Verwandlung. Genauer: um die Beobachtung der Verwandlung an sich selbst und an anderen. Als Student, erzählt Handke, habe er die ungute Angewohnheit gehabt, sich die Haare auf der Universitätstoilette zu waschen. Während er eines Abends mit dem Kopf im Waschbecken steckte, betrat ausgerechnet ein ihm feindlich gesinnter Professor die Toilette, stellte sich scheinbar unüberrascht neben ihn, wusch sich ausgiebigst das Gesicht, kämmte sich umständlich, zupfte sich die Brauen und schnitt sich gar »mit einer Miniaturschere die Härchen aus Ohren und Nasenlöchern« – all dies mit grandseigneurhaftem Beschweigen der studentischen Haarpflege. Zwar ignorierten sich Student und Professor weiterhin. Doch verfeindet, da ist sich Handke sicher, waren sie aufgrund des intimen Erlebnisses nicht mehr. Wechselseitig war ihnen das Gegenüber plötzlich ein anderes geworden.

Der erste bedeutsame Stille Ort aber ist die Schultoilette des katholischen Internats, die der Erzähler nicht etwa aufsucht, um sich zu erleichtern, sondern um den Blicken der Mitschüler zu entfliehen: Er hatte sich vor versammelter Schülerschar beim gemeinsamen Gebet in die Hose gemacht. Die Schultoilette (nunmehr sozusagen zweckfrei und damit klassisch, denn das kleine Geschäft war ja bereits erledigt) wird zum heimeligen »Asylort«, zum Abort im emphatischen Sinne des Wortes: Aboriri heißt auf Latein ver- oder entschwinden, und der Erzähler entschwindet auf den Aborten seines Lebens nicht nur den Blicken der anderen, sondern sich selbst. In nahezu meditativer Selbstauslöschung werden in äußerster Schärfung der Sinne Geräusche vernehmbar, das »gedämpfte Lärmen« aus der Ferne, das Rattern von Güterzügen, das »Rufen der Eulen«, das Glucksen der Spülung, oder aber es wird das Dämmerlicht einer Tempelgartentoilette fixiert, die Sterne aus einem Flughafenfensterchen, die Glutreste von Zigaretten auf den Spülkästen der Spelunken.