ReichtumArme Millionäre

Reiche haben keine Sorgen? Von wegen: Sie leben in ständiger Angst um ihr Vermögen. Manche werden deshalb richtig konservativ. von 

Jack Whittaker müsste zu den glücklicheren Menschen zählen, seit zehn Jahren ist er Multimillionär. In der amerikanischen Lotterie gewann der wohlhabende Geschäftsmann am ersten Weihnachtstag 2002 rund 315 Millionen Dollar – der größte Einzelgewinn aller Zeiten. Zuerst spendete er zehn Prozent und fühlte sich gut. Dann verließ ihn das Glück: Diebe bestohlen ihn in einem Stripclub und brachen mehrfach sein Auto auf. Seine Frau ließ ihn sitzen, die meisten seiner Freunde wendeten sich ab. Whittakers Enkelin starb an einer Überdosis Drogen.

Mittlerweile tingelt Whittaker als Spielsüchtiger durch die Casinos und streitet sich regelmäßig mit irgendwem vor Gericht. Was der Lottogewinner am eigenen Leib erfahren hat, wissen Psychoanalytiker längst: Auch ein Millionenvermögen macht nicht glücklich. »Früher dachte ich: Wer reich ist, der ist auch sorgenfrei – aber weit gefehlt«, sagt der Soziologe Thomas Druyen. Er war früher Private-Banking-Experte und ist mittlerweile einer der renommiertesten Reichtums- und Vermögensforscher hierzulande. Studien von Druyen und seinen Kollegen belegen: Tatsächlich regieren Angst und Panik die Welt der Millionäre. Ein Leben in ständiger Sorge – ums Geld.

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Dabei wächst das Privatvermögen hierzulande ungebrochen. Insgesamt horten die Deutschen rund zehn Billionen Euro auf Konten, in Depots und sonstigen Anlageformen, wie aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hervorgeht. Das ist etwa das Doppelte dessen, was 1992 in den Privatschatullen lag. Selbst in den Krisenjahren nach 2007 haben die Deutschen es geschafft, weitere 1,4 Billionen Euro an Vermögen anzuhäufen. In der Millionärsdichte-Statistik belegt Deutschland einen beachtlichen dritten Platz hinter der Schweiz und Japan – es gibt zwölf Millionäre pro 1.000 Einwohner. Genießen die nun zufrieden ihren Wohlstand? Tun sie nicht, im Gegenteil.

Zwar nimmt die Zahl der Reichen zu, doch trotzdem wird die Gruppe derjenigen immer kleiner, die unbekümmert mit ihrem Vermögen leben. In Umfragen bezeichnet sich nur jeder siebte als sorgenfrei. Die allermeisten Reichen haben Angst, dass sie ihr Geld bald schon wieder los sein könnten. »Es gibt kaum noch Sorglosigkeit«, hat Vermögensforscher Thomas Druyen in Hunderten Gesprächen erfahren, »denn das Vertrauensverhältnis zu Finanzinstitutionen und vor allem auch zum Finanzmarkt ist belastet.« Und es sind längst nicht nur die ökonomischen Aufsteiger, die sich fürchten. Selbst Multimilliardäre in zweiter und dritter Generation plagen Verarmungsängste. Darüber kann man lächeln oder wie Druyen daraus lernen: »Die Angst, materiell oder beruflich Erreichtes zu verlieren, herrscht in allen Milieus und ist auch bei den Vermögenden stark ausgeprägt. Wenn jemand auf Materielles fixiert ist, kann sie sogar alles überragende Dimensionen erreichen.«

Jeder zweite Millionär bleibt es nicht auf Dauer

Schließlich zeigen etliche Beispiele, wie schnell sich selbst gigantische Summen auflösen: Mit dem Satz »Es ist nichts mehr übrig« fassten die Kinder des Drogeriemarktkönigs Anton Schlecker zusammen, wie es nach der Firmeninsolvenz um das Familienvermögen bestellt sei. Es verglühte so manche Million von Pop- oder Sportgrößen schneller als deren Stern am Showhimmel, weil sie ihr Geld schlecht anlegten und den falschen Beratern vertrauten. Selbst Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz verpfändete nach unglücklichen Spekulationsgeschäften fast ihren gesamten Besitz und lebte nach eigenen Angaben zeitweilig von nur 600 Euro im Monat.

In jedem Fall hat Schickedanz Milliarden verloren. Trösten kann sie, dass im Durchschnitt jeder zweite Millionär nicht dauerhaft Millionär bleibt. Über die Generationen hinweg ist es noch schwieriger, das Vermögen zu erhalten: Familien, die über Jahrhunderte reich waren, gibt es kaum. Durch Krisen, Kriege und persönliche Katastrophen geht das Geld oft wieder verloren. Zuletzt hat die Finanzkrise vor allem die Besitztümer der Millionäre drastisch reduziert, sagt eine Studie des Beratungsunternehmens CapGemini: Multimillionäre mit mehr als 30 Millionen Euro verloren demnach rund fünf Prozent ihres Kapitals. Sie hatten viel Geld in komplexe Finanzprodukte investiert, die sich in der Krise als Totalausfall herausstellten. Daher hält Druyen die Angst vieler Schwerreicher für durchaus stichhaltig, »sie ist keineswegs nur ein emotionales Luxusproblem«.

Die Risiken sind derzeit auch für Hochvermögende enorm: Sie fürchten Währungskrisen, Vermögensteuern oder die Niedrigzinspolitik der Notenbanken, die über die Inflation zu schleichender Enteignung führt. Auch sehen sie den sozialen Frieden in Gefahr und haben in ihren Augen am Ende durch all das mehr zu verlieren als der Privatsparer und Normalbürger, der sich notfalls noch aufs staatliche System verlassen kann. Die größten Sorgen machen sich Europas Reiche. In fast allen Kundengesprächen sei die europäische Schuldenkrise momentan »das dominierende Thema«, sagt Tindaro Siragusano, Leiter des Private Banking der Berenberg Bank, »verbunden mit all ihren Auswirkungen wie Inflation, Geldwertstabilität und der Frage: Wie erhalte ich mein Vermögen?«

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 14. Dezember 2012 16:08 Uhr

    ...kein Leben ist Sorgenfrei.
    Aber jeder den ich kenne und der diesen Artikel liest, hätte lieber die Sorgen eines Millionärs als die eines Harzers...
    Und Multimillionäre mit mehr als 30 Millionen Euro haben 5% verloren? Die Armen.
    Ich verstehe garnicht wozu jemand 30 Millionen braucht.
    Mit meinen 43 Jahren könnte ich fast eine Million im Jahr ausgeben bis zu meinem statistischem Lebensende.
    Das würde ich vielleicht im ersten und auch zweiten Jahr schaffen, aber dann wäre Schluss.
    Vielleicht bin ja kein Millionär weil ich so denke...

    10 Leserempfehlungen
  1. Nichtmal der Werterhalt ist sicher, es wird nur marginal mehr?
    Ja hoppla, ich dachte, da Geld arbeitet für mich? Soll doch mal ordentlich reinkloppen, der Lümmel! Oder ist's vielleicht doch so, das Werte nur durch Arbeit geschaffen werden, bei angelegtem Kapital eben vorrangig die Arbeit anderer, und all das schöne Geld nur Nullen und Einsen auf irgendeiner Festplatte ist? Und dann wird's und wird's einfach nicht mehr?

    "
    Hab'n sie schon Millionen und Millionen und Millionen,
    klau'n sie immer noch zehn Pfennig am Klosett.
    ...
    Sie sind so mies. Sie sind widerlich,
    die Rockefellers, Neckermanns und Thyssens.
    Nur Kriege teilen sie brüderlich,
    und du und ich und alle andern büßen's.
    Sie haben zwanzig Wohnungen und Farmen und Besitze,
    Dividenden, Hypotheken und Renditen.
    Doch wenn du dich auf zwei Zimmer drückst und gottbehüt noch Kinder kriegst,
    erhöhen sie die Preise und die Mieten."

    http://lyrics.wikia.com/G...

    „Es gibt sogar Phasen im ökonomischen Leben der Völker, wo alle Welt von einer Art Taumel ergriffen ist, Profit zu machen, ohne zu produzieren. Dieser Spekulationstaumel, der periodisch wiederkehrt, enthüllt den wahren Charakter der Konkurrenz, die den notwendigen Bedingungen des industriellen Wetteifers zu entschlüpfen sucht.“
    http://www.mlwerke.de/me/...

    10 Leserempfehlungen
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    frisst sich im Endstadium des Kapitalismus selbst auf; muss so sein; ist eh zu 90% oder mehr Buchgeld und hat keinen realen Gegenwert.

    Jeder der Monopoly kennt weiß, entweder das Spiel findet sein Ende, wenn bis auf ein Spieler alle kein Geld und keine Straßen mehr haben oder, wem das nicht genügt, es kann mit Schuldscheinen/Kredit gespielt werden. Dann kanns unendlich gehen, macht aber keinen Sinn mehr. Und Monopoly ist DER WIRTSCHAFTSSIMULATOR FÜR UNSER GELDSYSTEM.

    Daher können wir zwar noch auf Kredit weitermachen, aber es ist schlicht sinnfrei.

    Lustiges Detail bei Monopoly: es hat ein BGE, ich finde das witzig.

  2. „Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Humbug in der Welt als das sogenannte Finanzwesen. Die einfachsten Operationen, die Budget und Staatsschuld betreffen, werden von den Jüngern dieser ‚Geheimwissenschaft’ mit den abstrusesten Ausdrücken bezeichnet; hinter dieser Terminologie verstecken sich die trivialen Manöver der Schaffung verschiedener Bezeichnungen von Wertpapieren – die Umwechselung alter Papiere gegen neue, die Herabsetzung des Zinses und die Erhöhung des nominellen Kapitals die Erhöhung des Zinses und die Herabsetzung des Kapitals, die Einführung von Prämien, Bonussen und Prioritätsaktien, die Unterscheidung zwischen amortisierbaren und nicht amortisierbaren Annuitäten, die künstliche Abstufung der Übertragungsmöglichkeiten der verschiedenen Papiere in einer Weise, daß das Publikum von dieser abscheulichen Börsenscholastik ganz verwirrt ist und sich in der Mannigfaltigkeit der Details ganz verliert. Den Wucherern aber bietet jede derartige neue Finanzoperation eine gierig erwartete Gelegenheit, ihre unheilvolle und räuberische Tätigkeit zu entfalten.“
    http://www.mlwerke.de/me/...

    2 Leserempfehlungen
    • Nest
    • 14. Dezember 2012 16:16 Uhr
    4. Tja...

    Das ist die sog. Vermögensblase, die Kehrseite der Schuldenblase.
    Warum geben die armen Millionäre ihr Geld nicht einfach aus? Dazu ist es schließlich erfunden worden.
    Dann käme auch die Wirtschaft wieder in Schwung – aber es ist wohl einfach zu verlockend, "das Geld für sich arbeiten zu lassen"...

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    Man muss grundsätzlich zwischen verschiedenen Typen von Millionären unterscheiden. Zum Beispiel:

    (a) dem Millionär, der sein Vermögen durch Fleiß, Arbeit oder Intelligenz im wahrsten Sinne des Wortes "verdient" hat.

    (b) dem Millionenerben, der in sein Vermögen hineingewachsen ist

    (c) dem Glückspielgewinner, dem das Schicksal sein Vermögen zufällig zugetan hat.

    ... um nur 3 zu nennen.

    Keiner von ihnen kann als "glücklich" bezeichnet werden, denn:

    (a) hat Lebenszeit, Mut und Geschick investiert und nur etwas flüchtiges wie Geld erhalten. Das Finanzamt und das Leben arbeiten stets daran, dass er es wieder verliert. ... Geld zu bekommen ist wie guter Wein. Geld zu haben wie der Kater danach.

    (b) sieht sich keinen Herausforderungen im Leben gegenüber. Es gibt für ihn nichts zu erreichen oder zu bewältigen, um seinen Lebensstand zu verbessern oder um sich einen Platz in der Gruppe zu erkämpfen. Es liegt alles schon für ihn auf dem silbernen Tablett und jedwede Eigeninitiative wäre es nicht wert... Ein trauriges Leben.

    (c) hat zwar Geld erhalten, aber nie zielgerichtet gelernt, damit umzugehen oder das Geld zu verwalten. Es ist quasi "zu viel" in seinem Leben. Gewinner heben ihren Lebensstandard immer weiter an und können nachher nicht mehr einen Gang zurückschalten. ... Oft leben sie hernach in großer Armut und "Harzen".

    Unter Hartz IV zu leben ist andererseits sicher auch nicht schön. Das Leben ist dann ähnlich wie bei einem Millionärserben: Man wird nicht gebraucht.

    • lead341
    • 14. Dezember 2012 16:16 Uhr

    In den Überlegungen zum Vermögensverlust - auch hier im Text - steht die "Entstehungsseite" des Geldes im Vordergrund. Ohne Zweifel: schleichende Inflation oder risikoreiche Anlagen können Quelle von Vermögensverlust sein. Man darf aber vermuten, dass die Verwendungsseite des Geldes viel stärker in die Gleichung eingeht. Die meisten Reichen oder Neureichen können ihr Geld nicht zusammenhalten, da mit zunehmendem Vermögen teils überproportional Konsumansprüche steigen. Neben allgemeinen Verbesserungen des Lebensstandards wird oftmals das Gros des Vermögens in "Prestigekonsum" investiert. Exemplarisch sehe ich da bspw. den frisch gebackenen Wirtschaftsabsolventen, der in einer Wirtschaftsberatung oder Investmentbank plötzlich ein höheres Einkommen erzielt, dessen Konsumansprüche bzw. Lebensstandard weit stärker noch steigen. Eine 100 m²-Wohnung und der Mercedes-Benz sind dann meist schon in den ersten 6 Monaten obligatorisch, aber eben meist aus Prestigeüberlegungen, weniger aus dem tatsächlichen Nutzen heraus. Und selbiges Prinzip kann man m.E. auch auf die höheren Einkommen und selbst Millionenvermögen anwenden. Wer einigermaßen verantwortungsvoll und vor allem nutzen-äquivalent mit Verdienst und Vermögen umgeht, dürfte kaum einen großen Vermögensverlust erleiden.

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    • bubblez
    • 14. Dezember 2012 19:32 Uhr

    ... würde mir die Welt nicht so umfassend erklärt ...

  3. ... kommen mir die Tränen. Die armen! Wo kann ich spenden?

    6 Leserempfehlungen
  4. Wie kann ich helfen? Nutzt es, wenn ich meine Kontonummer angebe, damit die sich sorgenden Reichen ihrer Last entledigen können, oder soll ich lieber so eine Art Spendenabo einrichten?

    4 Leserempfehlungen
  5. Wenn man den Artikel liest, wird einem richtig Angst: Da scheint ein richtiger Tsunami von Millionären auf Deutschland zuzurollen. Da muss so ein Hartz-IVler schon fast froh sein, wenn von seinem Geld nach spätestens 10 Tagen nichts mehr übrig ist. Das ist dann schon mal eine Sorge weniger.
    Muss sich Frau Schickedanz wahrscheinlich auch gesagt haben, als sie nur noch 600€ pro Monat hatte.

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