Werberin Karen Heumann"Wie die großen Ferien der Kindheit"

Die Werberin Karen Heumann über den ständigen Wettbewerb von Ideen und eine unverhoffte Arbeitspause von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Frau Heumann, Sie sind die einzige Frau im Vorstand einer deutschen Werbeagentur. Können Frauen sich nicht so gut durchsetzen?

Karen Heumann: Es gibt sehr viele Frauen, die sich durchsetzen können und die nötigen Kompetenzen haben. Ich glaube auch, dass es nicht mehr viele gläserne Decken gibt. Aber ich vermute, viele wollen den Preis nicht zahlen, den man in so einer Position vermeintlich zahlt.

ZEITmagazin: Aber muss man denn keinen Preis zahlen, wenn man nach oben will?

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Heumann: Man muss nicht unbedingt mehr arbeiten, in der Werbung arbeitet man auf jeder Stufe ganz schön viel. Es ist oben auch nicht wesentlich härter, uns Frauen suggeriert man ja gern: Achtung! Die Luft da oben sei dünn, das Klima kalt. Vielleicht weil Männer gerne Helden sind. Meine Erfahrung ist: Oben ist auch nicht mehr Druck – er ist nur anders. Und nette Leute gibt es auf jeder Ebene. Man zahlt also eigentlich keinen wirklichen Preis. Man bringt, finde ich, keine echten Opfer.

ZEITmagazin: Ist die Werbebranche so knallhart, wie man sagt?

Karen Heumann

47, wurde in Wetzlar geboren und gehört zu den renommiertesten Markenstrategen Deutschlands. Sie gründete bereits 1992 ihre eigene Werbeagentur, 2004 wurde sie Strategievorstand in der Hamburger Agentur Jung von Matt. Seit Juli 2012 ist sie Vorstandssprecherin der Agentur Thjnk, früher Kempertrautmann, die für Marken wie Audi, Ikea und die Commerzbank arbeitet.

Heumann: Das Knallharte sind die Arbeitszeiten. Der Beruf lebt von der kreativen Idee, die kommt aber nicht einfach so, und man weiß vor allem nicht, wann sie kommt. Außerdem stellt eine gute Agentur dem Kunden nicht die erstbeste Idee vor, sondern die, die sie für das Nonplusultra hält. Es gibt mehr Werbebotschaften als früher, mehr Marken, mehr Kanäle für diese Marken. Man muss originell sein in einem Umfeld, wo es jede Form von Originalität vermeintlich schon gibt. Das alles führt dazu, dass man eigentlich nie aufhört zu arbeiten.

ZEITmagazin: Kommt nicht noch die Konkurrenz untereinander um die beste Idee dazu?

Heumann: Es ist weniger eine Konkurrenz unter Menschen als eine Konkurrenz von Ideen. Und ein Kampf gegen die Barrieren, die ihnen im Weg stehen. In der Werbung arbeiten Menschen, die dafür kämpfen, dass eine Idee Realität wird – egal, wie viele andere es gibt. Dieser ständige Wettbewerb muss sein. Aber diesen Weg geht man im Team. Die Hitze ist zwar enorm, aber der Zusammenhalt auch.

ZEITmagazin: Stehen Sie denn gern mit anderen im Wettbewerb?

Heumann: Nein. Ich fände es sogar klüger, wenn Agenturen nicht ständig gegeneinander in die Schlacht geschickt würden. Die Resultate wären besser, wenn man einfach die Firma beauftragt, der man den Job am meisten zutraut.

ZEITmagazin: Ihr Mann arbeitet auch im Vorstand einer Werbeagentur. Gerät man da nicht in Konkurrenz um die besten Ideen?

Heumann: Das Wunderbare an Ideen ist ja: Es gibt für jeden genug davon! Aber wenn einem nichts einfällt, fragt man nicht Mitarbeiter einer Konkurrenzagentur – auch nicht den eigenen Partner.

ZEITmagazin: Sie sagen von sich, dass Sie ständig im On-Modus seien. Haben Sie manchmal die Sehnsucht, nichts zu tun?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Heumann: Stündlich! Ich bin ein so bewegungsfauler, genussorientierter Mensch, dass ich eigentlich permanent gegen den Wunsch ankämpfe, auf dem Rücken zu liegen und nichts zu tun.

ZEITmagazin: Kennen Sie Phasen, in denen das nötig ist?

Heumann: Dann, wenn ich merke, dass ich zu sehr von dem zehre, was ich vor längerer Zeit gesehen und gelernt habe. Wenn ich zu sehr kenne, was ich sage. Dann brauche ich inhaltliches Neuland. Da einen Schritt zu machen, innezuhalten, etwas Neues zu entdecken ist für mich entscheidend.

ZEITmagazin: Sie waren in diesem Jahr, nachdem Sie bei Jung von Matt gekündigt hatten, sechs Monate lang freigestellt. Konnten Sie von On auf Off umstellen?

Heumann: Ich wusste ja erst gar nicht, ob ich das überhaupt wollte. Das habe ich kommen lassen. Viele liebe Menschen haben mir Tipps gegeben: Mach einen Kurs gegen deine Flugangst! Oder eine Weltreise! Aber ich empfand die Zeit, die vor mir lag, anders: wie die endlosen Sommerferien der Kindheit. Und genau wie als Kind habe ich die Zeit verbracht, habe mich gefreut an der Pflicht- und Planlosigkeit. Literarisch bin ich im 18. Jahrhundert gelandet, habe eine Babydecke für mein Patenkind gestrickt, ein Gemüsebeet gepflanzt und endlich sehr viel Zeit mit Freunden verbracht. Es war ein richtiger Pippi-Langstrumpf-Zustand.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Ohne dass Sie danach gestrebt hätten...

Heumann: Entspannung kann man sich leider nicht aufzwingen. Das macht ja noch verkrampfter! Und ich hätte eine so lange Pause wohl nie geplant, sie wäre mir zu lang vorgekommen – irgendwie unverschämt. Da hat mir der Zufall ein wunderbares Geschenk gemacht, durch das ich viel über mich gelernt habe. Und ich habe mich an etwas Wichtiges erinnert: Große Ferien waren schon immer ein toller Plan!

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