Rudolfine Steindling Hummer und Sichel
Ihr Name steht für den Wirtschaftsthriller um das millionenschwere Vermächtnis der SED. Rudolfine Steindling, die Rote Fini, narrte zwei Jahrzehnte lang deutsche Fahnder. Nun ist sie gestorben. Was wird aus ihrem Schatz?
© Andreas Altwein/dpa/lbn

Rudolfine Steindling im April 2003 als Zeugin im Oberverwaltungsgericht Berlin
Tor IV, Reihe 7, rechter Hand. Gleich hinter der Zeremonienhalle, im neuen jüdischen Teil des Zentralfriedhofs der Stadt Wien: Dort liegt sie nun begraben. Die Frau, die man »Rote Fini« nannte. Zur Trauerfeier am vergangenen Sonntag versammelten sich deshalb viele aus Wiens feiner Gesellschaft. Davon wird zu berichten sein, später in dieser Geschichte.
Zwei Sorten Nachrufe ließen sich erzählen über die Österreicherin, die eigentlich Steindling hieß, Rudolfine Steindling. Die eine Sorte handelt von einer brillanten Ganovin; einer, die größte Ehrfurcht verbreitete, bis in die höchsten Kreise – einer Frau, die es mit einem ganzen Staat aufnahm. Die zweite Sorte Nachrufe könnte von einer Mäzenin handeln, einer mit großem Herzen. Einem besonders fürsorglichen Menschen.
Steindling ist die – je nach Standpunkt: gute oder böse – Heldin in einem der größten Finanzthriller der deutschen Nachwendezeit. Sie war eine Business-Lady der Wiener Upper Class, eine »Chanel-Kommunistin«, wie Zeitungen über das einstige Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) schrieben. Eine, die in den Mauerfall-Wirren eine halbe Milliarde D-Mark auf nebulösesten Pfaden verschwinden ließ. Und die dieses viele Geld geschickt versteckte – so effektiv, dass das meiste davon bis heute nicht aufzutreiben ist. Fini, die »Frau Kommerzialrätin« aus Österreich, hat einen ganzen Staat genarrt.
Gestorben ist Rudolfine Steindling 78-jährig vor gut vier Wochen, am 27. Oktober 2012; in Tel Aviv, wo sie seit Langem jedes Jahr viele Monate verbrachte. Wo sie als Wohltäterin galt. Es gibt kaum eine Institution in Israel, die der Frau Steindling keine Spende verdankt. Jad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte, erhielt hohe Summen von ihr.
Tor IV, Reihe 7, rechter Hand: An dieser Wiener Ruhestätte stellt sich eine wichtige Frage. Hat Fini ihr Geheimnis mitgenommen in dieses Grab aus Marmor? Wo liegen jene Abermillionen Euro, die noch immer als verschollen gelten? Die der Bundesrepublik gehören. Hat Steindling sich jemandem anvertraut?
Theo Waigel (CSU), Deutschlands einstigem Finanzminister, wird sie nichts erzählt haben. Waigel amtierte von 1989 bis 1998, also auch in den wildesten Zeiten der politischen Wende. Er war qua Amt auf der Jagd nach Geld, das in dunklen Kanälen verschwunden war. Er ließ Ermittler nach SED-Vermögen fahnden, das nach dem Fall der Mauer eigentlich dem Staat zustehen sollte – das Bonzen und alte Kader aber verschoben und versteckt hatten. Vieles war möglich in jenen Jahren, als die DDR versank. Auch der Fall Steindling, der größte dieser Art, das aberwitzigste Rabaukenstück, ein Wirtschaftskrimi ohne Vergleich.
Ein Telefonat mit Waigel, 73, inzwischen politischer Pensionär. Es beginnt mit einer Gegenfrage: »Sie wollen über die Rote Fini sprechen?«
Und da muss man auf die Betonung achten; darauf, wie Waigel diesen Namen sagt. Das rollende R, das kurze N, »Rrrote Finni«, Waigel stößt das Wort aus. Darin liegt eine Mischung aus Spott und Hochachtung. Aber auch jede Menge Vertrautheit.
Wie kam diese Dame aus Wien bloß an so viel Geld?
»Ich kann mich gut erinnern an diese raffinierte Dame«, sagt Waigel. »Wir haben das Menschenmögliche getan, um an das viele Geld zu kommen. Alles, was rechtlich machbar war. Wir haben Fini Steindling auch im hohen Alter nicht in Ruhe gelassen. Aber sie war mit jeder List vertraut.« Aus dem Mund des alten Ministers spricht die Ehrfurcht eines Mannes, der dieser Fini nie habhaft wurde. Wie viele Prozesse hat sein Staat geführt um das Vermögen der Fini Steindling! »Das hat mich immer wieder verfolgt. Darüber waren wir schon auch wütend«, sagt Waigel. »Es wird niemand behaupten können, wir hätten diese Sache lax betrieben.«
Die Presse verglich die Steindling mit einem »wandelnden Geldautomaten«. Die Bild- Zeitung empörte sich 1996 grob über sie: Wir zahlen – Sie lacht: In Wien sitzt eine Frau auf einem riesigen Berg Geld, der eigentlich der Bundesrepublik Deutschland gehört. Es heißt, nach dieser Schlagzeile habe der damalige Kanzler Helmut Kohl die Jagd auf Finis Millionen zur Chefsache erklärt. »Da hat die Höhe der Summe natürlich eine Rolle gespielt«, sagt sein einstiger Minister Waigel heute. »Eine halbe Milliarde D-Mark! Und die Dame hatte sich ins Ausland abgesetzt.«
Wie kam diese Dame aus Wien bloß an so viel Geld?
Zur Zeit der DDR hatte Steindling für den SED-Staat die Firma Novum geleitet. Die verschaffte dem Ostblock-Staat, was der so dringend brauchte: Devisen. Über das Unternehmen konnten Westkonzerne in der DDR handeln; und ausgewählte VEB in Länder des Westens exportieren. Für Geschäftsleute aus dem Ausland, die in der Planwirtschaft verdienen wollten, führte an Firmen wie Novum kein Weg vorbei. Diese kümmerte sich vor allem um Deals mit Unternehmen in Österreich – die dafür wiederum Provisionen zahlten, in nicht unerheblicher Höhe.
- Datum 06.12.2012 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 6.12.2012 Nr. 50
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