Erster Weltkrieg: Serbien im Visier
In neu veröffentlichten Dokumenten des diplomatischen Dienstes lässt sich nachvollziehen, wie gezielt eine Kriegsfraktion in Wien auf den Ausbruch des Ersten Weltkrieges hingearbeitet hat.
Er habe es nicht gewollt, soll der alte Herr in Bad Ischl geseufzt haben, als er mit der Kriegserklärung an Serbien das Todesurteil für sein Imperium unterschrieb. Mit einem Federstrich katapultierte Franz Joseph I. am 27. Juli 1914 die Donaumonarchie in den Ersten Weltkrieg, in dem sie zerrieben werden sollte. Der Kaiser gab sich fatalistisch, wohl auch, weil ihm gar nicht so genau bewusst war, welche Ränke um ihn herum geschmiedet wurden.
Wie die »Schlafwandler« seien Politiker und Militärs in ganz Europa in die Urkatastrophe des Jahrhunderts getaumelt, befindet der australische Historiker und Preußen-Experte Christopher Clark in einer neuen Studie über den Kriegsausbruch. Sie ist ein erster Vorbote des großen Rummels, der anlässlich des 100. Jahrestages der verhängnisvollen Ereignisse ausbrechen wird, die zu dem Völkerringen führte, das mindestens zehn Millionen Menschenleben kostete.
Während in Wien derzeit eine interministerielle Historikergruppe über einem dem Anlass entsprechenden Jubiläumsprogramm brütet, erscheint in diesen Tagen eine Sammlung mit Dokumenten der österreichischen Diplomatie aus der unmittelbaren Vorkriegszeit, die ein neues Licht auf eine der zentralen historischen Fragen wirft: Wen trifft die Schuld an der Katastrophe?
Nach wie vor genießt die mittlerweile 50 Jahre alte These des deutschen Historikers Fritz Fischer breite Anerkennung, der zufolge es vor allem die Weltmachtambitionen des Deutschen Reiches waren, die den Kontinent in den Abgrund stießen. Aus dieser Perspektive spielen die Kräfte, die in Wien auf einen bewaffneten Konflikt drängten, nur eine untergeordnete Rolle.
Doch in der Regierungskanzlei am Ballhausplatz hatte in den entscheidenden Wochen eine tatendurstige Kriegspartei rund um Außenminister Graf Berchtold und den Generalstabschef Conrad von Hötzendorf das Gesetz des Handelns an sich gerissen. Unentwegt hatte Hötzendorf in den vergangenen Jahren gefordert, gegen Serbien oder Italien einen Präventivkrieg zu führen. Nach den tödlichen Schüssen von Sarajevo, mit denen der junge serbische Nationalist Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand ermordete, schien der Weg frei. Zum einen konnte der Erzherzog nicht mehr wie bisher die Kriegslüsternheit mäßigen, zum anderen schien mit dem Attentat ein passabler Kriegsgrund gefunden zu sein.
Das exakte Timing der diplomatischen Dokumente legt den Schluss nahe, die Kriegspartei habe von diesem Augenblick an gezielt auf einen Waffengang mit Serbien hingearbeitet und dabei billigend in Kauf genommen, dass das komplexe Bündnissystem den gesamten Kontinent in das Blutvergießen reißen würde.
Am 23. Juli überreicht der österreichische Gesandte in Belgrad ein nahezu unannehmbares Ultimatum an das Nachbarland. Als der serbische Ministerpräsident Pašić zwei Tage später zwei Minuten vor Ablauf der Frist die Antwort seiner Regierung überbringt, in der Serbien mit einer Einschränkung alle Forderungen akzeptiert, reist der Gesandte dennoch eine halbe Stunde später mit dem Zug ab, was einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gleichkommt. Noch vom Grenzbahnhof aus informiert er telefonisch seine Vorgesetzten in Wien. Bereits am nächsten Tag, dem 26. Juni, werden um 11.45 Uhr in Wien dem serbischen Gesandtschaftspersonal ihre Pässe ausgehändigt, wodurch sie zur Abreise aufgefordert werden.
Am gleichen Tag, die Uhrzeit lässt sich nicht mehr eruieren, erteilt jedoch Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl noch zwei neuen serbischen Konsuln in Prag und Triest die sogenannte Exequatur, die diplomatische Arbeitserlaubnis. Vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen dürfte der Monarch zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung gehabt haben.
Am nächsten Tag, dem 27. Juni, erscheint Außenminister Graf Berchtold zur Audienz beim Kaiser und überreicht ihm die Kriegserklärung an Serbien zur Unterschrift. In dem Akt befindet sich auch ein »Alleruntertänigster Vortrag«, in dem behauptet wird, serbische Truppen hätten an der Grenze bei Temes Kubin das Feuer eröffnet. Es sei daher geboten, »der Armee in völkerrechtlicher Hinsicht jene Bewegungsfreiheit zu sichern, welche sie nur bei Eintritt des Kriegszustandes besitzt«.
In dem Telegramm an den serbischen Außenminister, das Berchtold am nächsten Tag, gegengezeichnet von drei weiteren Beamten seines Ministeriums, absenden lässt, wird die entsprechende Passage in der Kriegserklärung (»umso mehr als serbische Truppen bei Temes Kubin...«), die dem Kaiser vorgelegt worden war, wieder um 10.55 Uhr handschriftlich »expediert«. Tatsächlich hatte das Gefecht nämlich nie stattgefunden. Es fand seinen Weg nur in die Akten, um der zögerlichen Majestät die Entscheidung ein wenig zu erleichtern. Betrübt lässt Franz Joseph am 28. Juni König Carol von Rumänien wissen, er sei zu seinem Schritt auch gezwungen gewesen, da Serbien »ohne vorhergegangene Kriegserklärung ein Gefecht provoziert« habe. In Wien wird die Phantomgeschichte auch dem serbischen und dem britischen Botschafter aufgebunden. Alle Welt sollte glauben, die Donaumonarchie müsse einen Verteidigungskrieg führen.
Erst einen Tag nach der erfolgten Kriegserklärung gesteht Berchtold seinem Kaiser in einem neuerlichen »Alleruntertänigsten Vortrag« die Falschinformation. Er habe es daher »in Anhoffnung der nachträglichen Allerhöchsten Genehmigung Euer Majestät auf mich genommen ... den Satz über den Angriff zu eliminieren«.
Zu diesem Zeitpunkt läuft die Mobilisierungsmaschine bereits auf vollen Touren. Auch in Übersee werden Bürger der Habsburgermonarchie zu den Waffen gerufen. Schon am 28. Juli erscheint sogar am anderen Ende der Welt im Sydney Morning Herald ein »offizielle Benachrichtigung«, in welcher Generalkonsul Freyesleben Stellungspflichtige auffordert, sich zu melden, und Deserteuren eine Amnestie in Aussicht stellt. Erstaunlich, wie rasch vor 100 Jahren manche Nachrichten reisen konnten.








...heute, fast 100 Jahre nach Ausbruch des 1. Weltkriegs?
Aus meiner persönlichen Sicht ist es unerheblich, wer für den Ausbruch letztlich verantwortlich war. M.M. ist, dass alle beteiligten Staaten eine Mitschuld daran tragen, da sie durch diplomatische Unähigkeit und nationalistischem Irrsin schon lange darauf hingearbeitet hatten. Das betrifft nicht nur Deutschland oder Österreich, ebenso Frankreich, England und Russland, später dann auch die USA.
Verschiedene Urgroßväter von mir haben im 1. WK gekämpft: 1 auf Seiten Deutschlands, 1 für Frankreichs und 1 für Kanada. Alle drei haen das Gemetzel überlebt und damit mehr Glück gehabt als so viele Millionen andere.
Unrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind auf allen Seiten geschehen. Ausrufezeichen!
Historisch gesehen sind letztlich die Weltkriege 1 und 2 sogar für etwas "gut" gewesen, bei all dem Schrecklichen, was dort geschehen ist. Die meisten Länder Europas leben seit 67 Jahren in Frieden, keine unsinnigen Kriege mehr, die die Bevölkerungen dezimieren. Freuen wir uns darüber, seien wir dankbar für die Chance, die wir dadurch erhalten haben. Die Chance, dies weiter zu verfolgen. Für uns, für die, die nach uns kommen.
Gedenken wir der Geschichte und all der Opfer, die die Weltkriege gefordert haben. Bauen wir weiter an etwas Neuem, auch wenn es kleine Rückschläge gab und weiter geben wird.
Ich finde, das ist letztlich das, was wirklich wichtig ist. Für uns. Und für die Historiker der Zukunft.
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