Schweizer Erinnerungskultur: Es lebe das Gestern!
Die Schweiz hat keine Erinnerungskultur. Das ersparte ihr viel Leid, aber es nahm ihr die Fähigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen.
»Wenn sie ihre Nasen in die Hand nehmen, so sind sie sattsam überzeugt, dass sie eine ununterbrochene Reihe von zweiunddreissig Ahnen besitzen müssen, und anstatt dem natürlichen Zusammenhange derselben nachzuspüren, sind sie vielmehr bemüht, die Kette ihrerseits nicht ausgehen lassen. So kommt es, dass sie alle möglichen Sagen und wunderlichen Geschichten ihrer Gegend mit der grössten Genauigkeit erzählen können, ohne zu wissen, wie es zugegangen ist, dass der Grossvater die Grossmutter nahm.«
So schrieb Gottfried Keller in seinem Roman Der grüne Heinrich von 1854. Seither haben es viele wiederholt und manche beklagt: Wir Schweizer seien ein Volk, zwar reich an Mythen und Legenden – und doch wüssten wir wenig über unsere Geschichte, kaum, woher wir kommen oder wie es kam, dass wir wurden, was wir sind.
Eine öffentliche Erinnerungskultur pflegt dieses Land tatsächlich selten. Weder der 12. noch der 13. September steht im schweizerischen Kalender, nicht der 11. November und auch nicht der 7. Februar. Wir gedenken weder der ersten Bundesverfassung von 1848 noch der Toten in Marignano an einem Herbsttag des Jahres 1515, nicht des Landesstreiks von 1918 und auch nicht der Einführung des Frauenstimmrechts von 1971.
- Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen
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Wie bestimmt die Geschichte unser Handeln und Denken? Wie beeinflusst sie unsere Suche nach Identität? Und welche Erfahrungen ziehen wir aus der eigenen oder fremden Vergangenheit?
Diesen Fragen widmet sich das kürzlich gegründete Zentrum Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Luzern, wo angehende Lehrerinnen und Lehrer lernen, wie sie ihren Schülern Geschichte zeitgemäß vermitteln können.
Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss hielt die Eröffnungsrede, die wir hier in einer überarbeiteten Fassung abdrucken.
Aber vielleicht braucht man diesen Mangel nicht zu bedauern. Vielleicht ist es besser, dass wir wenige sinnstiftende Rituale pflegen.
Denn könnte es nicht sein, dass dieses Fehlen eine Voraussetzung ist für den Frieden und den Wohlstand, mit denen dieses Land gesegnet ist? Immerhin, so meint Gottfried Keller, seien die Menschen hierzulande darauf bedacht, die ununterbrochene Kette nicht abreißen zu lassen – und was beweist das anderes als den unbedingten Wille zum Fortschritt? Vielleicht, so mag man sich fragen, ist das eine, der Fortschritt, ohne das andere, die Ignoranz gegenüber der eigenen Geschichte, nicht zu haben? Jedenfalls ist eine nationale Erinnerungskultur nicht a priori wünschenswert. In gewissen Fällen kann sie gefährlich werden, nicht nur für den Wohlstand, sondern gefährlich für das menschliche Leben.
An den Mauern im nordirischen Belfast kann man bis heute Wandmalereien finden, die farbenfroh an das Jahr 1690 mahnen. Sie rufen dazu auf, sich an die Schlacht am Boyne zu erinnern. Dort schlug ein Heer unter Wilhelm von Oranien den regierenden König Jakob II. und klärte damit die englische Thronfolge ein für alle Mal. Die Reformation hatte endgültig über den Katholizismus gesiegt. Und weil sie jenes Tags gedenken wollen, paradieren an jedem 12. Juli Protestanten in Frack und orangen Schärpen durch die katholischen Viertel Belfasts. Auch nach dem Karfreitagsabkommen von 1998, das Nordirland offiziell befriedete, sollen die Katholiken nicht vergessen, dass ihre Vorfahren am Boyne geschlagen wurden und ihre Nachkommen auf ewig die Besiegten sein werden.
Ein gewisser Slobodan Milošević machte sich die Erinnerung an eine Schlacht ebenfalls dienstbar. So gedachte er am 28. Juni 1989 auf dem Kosovo Polje jener christlichen Serben, die sich 600 Jahre früher auf ebendiesem Amselfeld den Osmanen entgegengeworfen hatten. Allerdings vergeblich, der Islam eroberte den Balkan. Der Opfermythos diente den Nationalisten im zerbrechenden Jugoslawien als Katalysator für ihre großserbischen Erweckungsfantasien. Deren Resultat kennen wir: Hunderttausende von Toten und Vertriebenen.
Unsere jüngsten Krisen gründen in fehlenden Fragen an die Vergangenheit
Die radikalen jüdischen Siedler in Hebron berufen sich auf eine noch ältere Geschichte. Sie steht in der Genesis und wird seit beinahe 3.000 Jahren von Generation zu Generation überliefert. Eine Geschichte, die »niemals war und immer ist«, wie der römische Historiker Sallust den Mythos definierte. In Kapitel 23 wird erzählt, wie Abraham, Erzvater der Israeliten, vom Hethiter Efron für ein paar Silberlinge die Höhle Machpela kauft, als Grabstätte für seine verstorbene Frau Sara. Was aber die Vorväter gekauft haben, so die Ansicht der Siedler, bleibt auf ewig im Besitz der Nachkommen. Und so nehmen die Siedler jede Entbehrung in Kauf, um dieses Erbe zu bewahren: ein elendes Leben hinter Stacheldraht, bewacht von der israelischen Armee, verachtet von ihren Nachbarn und der internationalen Staatengemeinschaft, verstanden einzig von jenen, deren Weltbild in totaler Übereinstimmung mit ihrem eigenen ist. Die Siedler gegen den Rest der Welt – aber auf der Seite Gottes.






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