SchweizUmbruch im Paradies

Die Schweizer Privatbanker wissen nur eines: So leicht wie früher können sie nie wieder Geld verdienen. Analyse einer Branche, die zwischen Vergangenheit und Zukunft Tritt sucht. von Ralph Pöhner und

Wo sind sie nur? Wer in dieser Vorweihnachtszeit durch die festlich beleuchtete Bahnhofstraße in Zürich flaniert, dem Finanzdistrikt der Schweiz, stößt äußerst selten auf eine Gattung Menschen, die hier sonst dazugehörte wie die gelfrisierten Banker mit Anzug und Krawatte: Damen und Herren in reiferem Alter, hochdeutsch sprechend, meist gehüllt in einen dunkelblauen Zweireiher mit Messingknöpfen oder in Lodenstoff. Sie entstiegen dunklen Luxuslimousinen mit deutschen Kennzeichen und verbanden Schwarzgeldanlage mit weihnachtlicher Shoppingtour.

Alles Geschichte.

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Etwas hat sich geändert in den vergangenen Jahren. Heute ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Mittelständler aus Stuttgart oder Wiesbaden oder Erbinnen aus Paris oder Bologna ein-, zweimal pro Jahr ihre Bankdepots in Zürich oder Genf besuchen, Einkaufsorgie inklusive. Wer heute noch sein Vermögen bei einer Schweizer Bank hat, fährt direkt in die Tiefgarage seines Finanzhauses, um nicht gesehen zu werden. Ganz gleich, ob sein Geld nun versteuert ist oder nicht. Viele versuchen auch, ihr Schwarzgeld zu legalisieren oder abzuziehen. Sie sind verunsichert durch die monatelange Debatte um ein deutsch-schweizerisches Steuerabkommen oder fürchten, dass ihre Bankdaten auf einer Steuer-CD landen. In Panik agieren sie wie ein Ehepaar aus Bayern, das gerade bei der Ausreise von der Schweiz nach Deutschland geschnappt wurde. In der Damenhandtasche und in der Aktenmappe hatten die beiden 100.000 Euro dabei, in 500er-Scheinen.

Bankgeheimnis, Schwarzgeld und geheime Kundendaten: In dieser Wirtschaftskrise wird jenseits der Schweiz alles infrage gestellt, und die Debatten in Frankreich, Italien, den Vereinigten Staaten oder eben Deutschland werden zu einer ständigen Drohkulisse. Deshalb hat sich auch für die Bankiers in den Granitfestungen des Zürcher Finanzdistrikts viel geändert: Ihre behagliche Welt ist zusammengebrochen. Erst traf sie wie die Kollegen in London, Frankfurt und Luxemburg der Dreispitz aus Finanzkrise, tiefen Zinsen und lahmen Börsen, nun folgt ein politischer Zeitenwandel. Bankkundengeheimnis, Geld verstecken? Vorbei. Die Zeichen stehen auf Transparenz. Und die Banker, die einst vor Selbstbewusstsein strotzten, blasen Trübsal. Öffentlich.

Zum Beispiel Zeno Staub, Chef der großen Zürcher Traditionsbank Vontobel. Er prophezeite unlängst, in den nächsten fünf Jahren könnten hundert Schweizer Banken verschwinden – das wäre knapp ein Drittel der Branche. Oder Jürg Zeltner, Wealth-Management-Chef der Großbank UBS: Er spricht von 20.000 Arbeitsplätzen, die auf dem Schweizer Finanzplatz bedroht seien – das wäre knapp ein Siebtel der Jobs. Und Grégoire Bordier, Präsident der Vereinigung Genfer Privatbankiers, warnte vergangene Woche davor, dass 15 bis 30 Prozent der Bankenjobs am Genfer See vernichtet werden könnten. Die Zahlen, die in den Raum geworfen werden, schwanken erheblich. Aber die Aussage ist immer die gleiche: Bye, bye, happiness!

Es leuchtet ja auch ein: Weniger Schwarzgeld bedeutet weniger Verwaltung bedeutet weniger Jobs für Bankiers. Doch auf den zweiten Blick ist die Lage schon verwirrender. Die Krise läuft nämlich bislang eher in den Köpfen als in den Bilanzen ab. Man nehme zum Beispiel das Geld, das ausländische Kunden bei Schweizer Banken angelegt haben: Nach den jüngsten Daten von Nationalbank und Bankiervereinigung dürften es rund 2.700 Milliarden Franken sein. Im letzten Boomjahr der Finanzbranche, also 2007, waren es noch 3.000 Milliarden – macht einen Rückgang von zehn Prozent beziehungsweise 300 Milliarden. Eine riesige Summe, gewiss, doch darin drücken sich zuerst einmal die Kursverluste aus, welche die Anleger bei den Börsen- und Finanzmarkteinbrüchen in jenen Jahren erlitten haben.

Dass die ausländische Kundschaft in Scharen geflüchtet wäre, ihr Schwarzgeld im Gepäck – dies lässt sich aus jenen Zahlen jedenfalls nicht herauslesen.

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