Der Bundestag will Sex mit Tieren verbieten lassen. Entsprechende Handlungen sollen bestraft werden mit bis zu 25.000 Euro Bußgeld. Der Sodomie geht es an den Kragen. Man liest diese Nachricht mit einem Schmunzeln, weil da etwas aktuell den Gesetzgeber beschäftigt, von dem man zuletzt im Tonfall brennender Sorge im Alten Testament gehört hatte: Die Stadt Sodom zog den Zorn Gottes auf sich, weil ihre zügellosen Bewohner es mit Tieren trieben.

Wo einst der strafende Gott sich zum Durchgreifen genötigt sah, tritt jetzt der Verbotsstaat auf. Regulierungsskeptiker werden einwenden, das Phänomen sei zu marginal, um dafür extra ein Gesetz zu schaffen. Außerdem wirkt es natürlich heuchlerisch, wenn eine Gesellschaft, die ihren Nutztieren in der Fleischindustrie ganz andere Formen der Qual zumutet, die Vierbeiner jetzt ausgerechnet vor Sex mit Menschen schützen möchte. Aber egal, wie man zu Ilse Aigners Gesetzesvorhaben steht, in der Art, wie es begründet wird, erzählt es viel über unseren gegenwärtigen Umgang mit Sexualität.

Was zuerst auffällt, ist die Akzentverschiebung im Sündenbewusstsein: Die alte Sexualmoral, wie sie sich aus der biblischen Geschichte von Sodom und Gomorrha ableiten lässt, hielt Sex mit Tieren für eine Sünde, weil ein haltloses Triebleben, das sich nicht am Riemen reißen kann, die Würde des Menschengeschlechts verletze. Heute hingegen soll Sex mit Tieren verboten werden, weil es die Würde des Tieres missachte: Das Tier werde instrumentalisiert. Die Zoophilen, die in diesen Tagen gegen das neue Gesetz Sturm laufen, betonen, dass sie ihren Liebsten mit ihren zärtlichen Praktiken keinen Schmerz zufügten. Allerdings wäre das neue Gesetz unter diesem Gesichtspunkt gar nicht nötig, denn Sex mit Tieren ist bereits strafbar, wenn das Tier dabei erhebliche Verletzungen davonträgt. Die Gesetzesnovelle hingegen will den Akt als solchen unter Strafe stellen, weil er das Tier zu »artwidrigem Verhalten« zwinge. Es sei nun einmal, assistieren die Tierschutzverbände, schwierig für ein Tier, Zustimmung oder Ablehnung zu einem Sexualangebot zu artikulieren.

Anstößig ist also nicht mehr die widernatürliche Lustbefriedigung des Menschen, sondern der Mangel an kommunikationsethischer Ebenbürtigkeit. Tatsächlich bringt ausgerechnet der Sodomie-Diskurs besonders prägnant auf den Begriff, wie wir heute generell über Sexualität denken. Die geschichtsphilosophische Großerzählung sieht uns seit der sexuellen Befreiung auf dem Weg hin zu einer nicht mehr schambesetzten freien Sexualität, die alle Formen des Lustgewinns wertneutral zulässt. Im Gegenzug aber achtet die tolerante Gesellschaft umso unerbittlicher darauf, die Sexualität von jeder Form des Herrschaftsverhältnisses, der Gewalt und des Zwanges freizuhalten. Es soll keine Normen mehr geben außer die der Selbstbestimmung. Die aktuelle Sexualmoral wird deshalb vom Motto aller Swingerclubs kongenial ausgedrückt: »Alles kann, nichts muss.«

Hinter diesem Mobile der Modalverben steht die Vorstellung, der herrschaftsfreie Sexualdiskurs habe endlich Trieb und Freiheit, Animalität und Ethik versöhnt. 1969 wurde der Paragraf 175 b, der »widernatürliche Unzucht mit Tieren« unter Strafe gestellt hatte, im Zuge einer allgemeinen Liberalisierung des Sexualstrafrechts abgeschafft. Insgesamt nahm der Staat davon Abstand, Sexualpraktiken über verbindliche Normen zu regulieren. »Widernatürlich« ist heute gar nichts mehr, Verklemmtheiten werden als spießige Relikte systematisch aufgeklärt, verbindliche Rollenmuster als repressiv abgelehnt. Die Zeiten, da ein anständiger Bürger seinen Nachbarn einen Perversling schimpfte, wenn dieser die Missionarsstellung nicht für der Weisheit letzten Schluss hielt, sind vorbei. Heute heißt es dagegen in einer unangenehmen Mischung aus Direktheit und Verkrampfung, jeder möge seine Sexualität lustvoll leben – natürlich nur solange nichts gegen den Willen der Beteiligten geschehe.

Während also grundsätzlich keine Form der Sexualität diskriminiert werden soll, tut sich ein neues Problem auf. Die sexualethische Liberalität gönnt jedem Tierchen sein Pläsierchen, nur steht der buchstäbliche Sex mit Tieren vor dem Problem, dass diese so schlecht ihre Zustimmung artikulieren können. Dass man sich aber eine Lust holt, die einem nicht auf Augenhöhe gewährt wird, schafft Unbehagen.