Mathias Döpfner"Ich kann Ihnen auch verraten, wie man im Supermarkt klaut"

Kein Verlag ist digital so weit wie Springer. Vorstandschef Mathias Döpfner über Bezahlmodelle, eine verunsicherte Branche und Steinbrücks Bahncard. von Anne Kunze und

DIE ZEIT: Herr Döpfner, in die Diskussion um das vermeintliche Zeitungssterben haben Sie sich mit der These »Der Journalismus hat das Beste noch vor sich« vehement eingemischt. Was beschädigt Ihrer Meinung nach die Printbranche im Moment am meisten?

Mathias Döpfner: Das Primat des Inhaltlichen und das Selbstbewusstsein der Journalisten wurden in den Hintergrund gedrängt. Früher hatten Journalisten ein gesunderes Selbstbewusstsein. Da ist mittlerweile eine Bescheidenheit eingetreten, die fast beunruhigend ist.

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ZEIT: Hören wir da Selbstkritik heraus?

Döpfner: In Verlagen und Redaktionen wird seit einigen Jahren vor allem über Anzeigenerlöse, Vertriebszahlen und Produktionsprozesse gesprochen – also eher über Fragen des Managements. Außerdem haben wir uns von den technologischen Veränderungen die Agenda diktieren lassen. Inhalt spielt in den strategischen Verlagsdiskussionen eine oft erschütternd geringe Rolle. Das ist eine kollektive Verunsicherung, ein übergreifendes Phänomen, von dem ich unser Haus keinesfalls ausnehme.

Mathias Döpfner

49 Jahre, promovierter Musikwissenschaftler. Er begann seine Karriere bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wurde später Chefredakteur der Welt. 1999 kam er in den Vorstand der Axel Springer AG, 2002 übernahm er dort den Vorsitz

Frühe Niederlagen

Unter Mathias Döpfner gelang es zwar, den Medienkonzern von fremdem Einfluss zu befreien. Aber zwei Misserfolge waren die Untersagung der Fusion mit ProSiebenSat.1 und das Scheitern beim Postdienstleister Pin Group

Spätere Siege

Schon im alten Jahrzehnt baute die Axel Springer AG ihr digitales Geschäft aus und gilt dabei heute als Vorreiter unter den deutschen Verlagen. Inhalte von Welt.de werden noch in diesem Jahr kostenpflichtig, bild.de soll 2013 nachziehen

ZEIT: Bedauern Sie auch Ihre Worte von 1998? Damals haben Sie gesagt, die wichtigsten Themen seien für Sie »1. Internet, 2. Internet, 3. Internet«.

Döpfner: Nein. Wenn ich etwas bedauere, dann, dass ich diesem Diktum nicht noch schneller, nicht noch konsequenter gefolgt bin: Dann wären wir nämlich heute noch weiter. Das Internet ist kein Feind des Journalismus, im Gegenteil: Das Internet ermöglicht mehr, ja sogar besseren Journalismus. Das Internet hat kein Wesen, keinen Charakter. Das Internet ist nicht gut, nicht böse, nicht schwarz, nicht weiß, nicht modern oder altmodisch. Es ist völlig neutral. Es ist so gut oder schlecht wie die, die es benutzen.

ZEIT: Neutral? Nicht nur die Internetskeptiker würden da widersprechen – auch einige Netzpropheten.

Döpfner: Natürlich, viele Netzjünger polarisieren und kidnappen dabei weltverbessernde Ideologien – obwohl manche nur getrieben sind von knallharten kapitalistischen und lobbyistischen Interessen.

ZEIT: Was halten Sie von Googles Kampagne gegen das Gesetz zum Leistungsschutz für Presseverlage, das der Bundestag gerade auf den Weg bringt?

Döpfner: Der private Netznutzer muss glauben, er selbst solle künftig zur Kasse gebeten werden. Oder er werde gar nichts mehr finden. Mitnichten: Es geht nur um kommerzielle Kopien, die im Leistungsschutzrecht geregelt werden. Und finden wird man weiter alles, wenn Google sich dazu herablässt, mit den Verlagen endlich eine vernünftige Einigung zu finden. Man glaubt es kaum, aber die haben uns noch nie nach dem Preis gefragt, der uns vorschwebt. Wir glauben dem Google-Slogan Don’t be evil und denken, die netten Jungs mit dem bunten Logo meinen es doch nur gut. In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren. Das ist so, als würde eine Hehlerbande bei Amnesty International eine Menschenrechtspetition zur Verteidigung der freien Bürgerrechte beim Ladendiebstahl einreichen.

ZEIT: Ist es Zeit für eine gemeinsame europäische Anstrengung gegen Google?

Döpfner: Wenn der Markt so etwas hervorbringt, wäre es sicherlich zu begrüßen, weil Wettbewerb immer gut ist.

ZEIT: Wird es eine Springer-Suchmaschine geben?

Döpfner: Nein! Wir müssen und sollten nicht alles machen. Es ist gut, seinen Platz in der Wertschöpfungskette zu kennen. Wir produzieren Inhalte. Wenn wir auch noch suchen wollten, würden wir uns verzetteln.

ZEIT: 2011 war für Springer ein sehr gutes Jahr mit annähernd 600 Millionen Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, davon gut zwei Drittel erwirtschaftet von der gedruckten Presse. Einen Löwenanteil daran hatte die Bild, die zwar die Auflage gegenüber der Glanzzeit fast halbiert hat, aber immer noch eine wichtige Cashcow ist. Warum braucht die Bild-Zeitung bei diesen Erlösen eine Bezahlschranke?

Döpfner: Weil die Bild-Marke schon heute eine multimediale Marke ist und dies in Zukunft noch viel mehr sein muss. Die analog vertriebene Auflage wird strukturell weiter zurückgehen, während die digital verbreitete Auflage steigt. Wenn das, was abschmilzt, erlöskräftig war und das, was wächst, kein Geschäftsmodell hat, brauchen wir nur ein paar Jahre zu warten, bis wir mit Bild – und allen anderen Marken unseres Hauses – kein Geld mehr verdienen. Und so weit wollen wir es nicht kommen lassen. Daher möchten wir diesen neuen Markt erschließen.

Leserkommentare
    • bigbull
    • 15. Dezember 2012 16:48 Uhr

    Niemals wird eine publizistische Anstalt wie die Springer-Presse
    Freiheit geben können.

    Die demagoschische Verbreitung unlauterer und unsachlicher
    Meinung einiger Selbstdarsteller wird zwar durch wenig qualifizierte
    Politiker weiterhin unterstützt werden jedoch ist der größte Teil
    autonomer Bürger auf diese Art Publikation nicht einzufangen.

    Wer im Supermarkt klaut ist Täter.
    Wer im Journalismus Unwahrheiten verbreitet ist das Böse.
    Wissentlich,vorsätzlich und nur aus Gier sich selbst bereichern
    zu wollen.
    Im Grunde das Rudel der Schrecklichkeit.

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