Mathias Döpfner"Ich kann Ihnen auch verraten, wie man im Supermarkt klaut"

Kein Verlag ist digital so weit wie Springer. Vorstandschef Mathias Döpfner über Bezahlmodelle, eine verunsicherte Branche und Steinbrücks Bahncard. von Anne Kunze und

DIE ZEIT: Herr Döpfner, in die Diskussion um das vermeintliche Zeitungssterben haben Sie sich mit der These »Der Journalismus hat das Beste noch vor sich« vehement eingemischt. Was beschädigt Ihrer Meinung nach die Printbranche im Moment am meisten?

Mathias Döpfner: Das Primat des Inhaltlichen und das Selbstbewusstsein der Journalisten wurden in den Hintergrund gedrängt. Früher hatten Journalisten ein gesunderes Selbstbewusstsein. Da ist mittlerweile eine Bescheidenheit eingetreten, die fast beunruhigend ist.

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ZEIT: Hören wir da Selbstkritik heraus?

Döpfner: In Verlagen und Redaktionen wird seit einigen Jahren vor allem über Anzeigenerlöse, Vertriebszahlen und Produktionsprozesse gesprochen – also eher über Fragen des Managements. Außerdem haben wir uns von den technologischen Veränderungen die Agenda diktieren lassen. Inhalt spielt in den strategischen Verlagsdiskussionen eine oft erschütternd geringe Rolle. Das ist eine kollektive Verunsicherung, ein übergreifendes Phänomen, von dem ich unser Haus keinesfalls ausnehme.

Mathias Döpfner

49 Jahre, promovierter Musikwissenschaftler. Er begann seine Karriere bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wurde später Chefredakteur der Welt. 1999 kam er in den Vorstand der Axel Springer AG, 2002 übernahm er dort den Vorsitz

Frühe Niederlagen

Unter Mathias Döpfner gelang es zwar, den Medienkonzern von fremdem Einfluss zu befreien. Aber zwei Misserfolge waren die Untersagung der Fusion mit ProSiebenSat.1 und das Scheitern beim Postdienstleister Pin Group

Spätere Siege

Schon im alten Jahrzehnt baute die Axel Springer AG ihr digitales Geschäft aus und gilt dabei heute als Vorreiter unter den deutschen Verlagen. Inhalte von Welt.de werden noch in diesem Jahr kostenpflichtig, bild.de soll 2013 nachziehen

ZEIT: Bedauern Sie auch Ihre Worte von 1998? Damals haben Sie gesagt, die wichtigsten Themen seien für Sie »1. Internet, 2. Internet, 3. Internet«.

Döpfner: Nein. Wenn ich etwas bedauere, dann, dass ich diesem Diktum nicht noch schneller, nicht noch konsequenter gefolgt bin: Dann wären wir nämlich heute noch weiter. Das Internet ist kein Feind des Journalismus, im Gegenteil: Das Internet ermöglicht mehr, ja sogar besseren Journalismus. Das Internet hat kein Wesen, keinen Charakter. Das Internet ist nicht gut, nicht böse, nicht schwarz, nicht weiß, nicht modern oder altmodisch. Es ist völlig neutral. Es ist so gut oder schlecht wie die, die es benutzen.

ZEIT: Neutral? Nicht nur die Internetskeptiker würden da widersprechen – auch einige Netzpropheten.

Döpfner: Natürlich, viele Netzjünger polarisieren und kidnappen dabei weltverbessernde Ideologien – obwohl manche nur getrieben sind von knallharten kapitalistischen und lobbyistischen Interessen.

ZEIT: Was halten Sie von Googles Kampagne gegen das Gesetz zum Leistungsschutz für Presseverlage, das der Bundestag gerade auf den Weg bringt?

Döpfner: Der private Netznutzer muss glauben, er selbst solle künftig zur Kasse gebeten werden. Oder er werde gar nichts mehr finden. Mitnichten: Es geht nur um kommerzielle Kopien, die im Leistungsschutzrecht geregelt werden. Und finden wird man weiter alles, wenn Google sich dazu herablässt, mit den Verlagen endlich eine vernünftige Einigung zu finden. Man glaubt es kaum, aber die haben uns noch nie nach dem Preis gefragt, der uns vorschwebt. Wir glauben dem Google-Slogan Don’t be evil und denken, die netten Jungs mit dem bunten Logo meinen es doch nur gut. In Wirklichkeit will Google nur erzkapitalistische Interessen durchsetzen und sein Geschäftsmodell optimieren. Das ist so, als würde eine Hehlerbande bei Amnesty International eine Menschenrechtspetition zur Verteidigung der freien Bürgerrechte beim Ladendiebstahl einreichen.

ZEIT: Ist es Zeit für eine gemeinsame europäische Anstrengung gegen Google?

Döpfner: Wenn der Markt so etwas hervorbringt, wäre es sicherlich zu begrüßen, weil Wettbewerb immer gut ist.

ZEIT: Wird es eine Springer-Suchmaschine geben?

Döpfner: Nein! Wir müssen und sollten nicht alles machen. Es ist gut, seinen Platz in der Wertschöpfungskette zu kennen. Wir produzieren Inhalte. Wenn wir auch noch suchen wollten, würden wir uns verzetteln.

ZEIT: 2011 war für Springer ein sehr gutes Jahr mit annähernd 600 Millionen Euro Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen, davon gut zwei Drittel erwirtschaftet von der gedruckten Presse. Einen Löwenanteil daran hatte die Bild, die zwar die Auflage gegenüber der Glanzzeit fast halbiert hat, aber immer noch eine wichtige Cashcow ist. Warum braucht die Bild-Zeitung bei diesen Erlösen eine Bezahlschranke?

Döpfner: Weil die Bild-Marke schon heute eine multimediale Marke ist und dies in Zukunft noch viel mehr sein muss. Die analog vertriebene Auflage wird strukturell weiter zurückgehen, während die digital verbreitete Auflage steigt. Wenn das, was abschmilzt, erlöskräftig war und das, was wächst, kein Geschäftsmodell hat, brauchen wir nur ein paar Jahre zu warten, bis wir mit Bild – und allen anderen Marken unseres Hauses – kein Geld mehr verdienen. Und so weit wollen wir es nicht kommen lassen. Daher möchten wir diesen neuen Markt erschließen.

ZEIT: Sie gehen davon aus, dass alle Zeitungen an Auflage verlieren werden, bundesweit?

Döpfner: Ja. Und davon nehme ich sogar nicht mal die von mir so geschätzte ZEIT aus.

ZEIT: Malen Sie bitte nicht den Teufel an die Wand!

Döpfner: Ich rede ja nur vom Papierverbreitungsweg. Ich glaube, dass die Trägermedien sich einander viel stärker annähern. So sehr, dass man gar nicht mehr so genau wird unterscheiden können, was analoges Papier aus Zellstoff ist und was elektronisches aus Öl. Vielleicht ist der Tablet-Computer in zehn Jahren eine Folie, die man falten und in die Tasche stecken kann. Eben einfach ein anderes Lesegerät.

ZEIT: Glauben Sie wirklich, dass alle Probleme bei den Printmedien im Moment strukturbedingt sind und nicht hausgemacht?

Döpfner: Natürlich sind viele der Probleme auch hausgemacht.

ZEIT: Welche?

Döpfner: Charismaverlust durch Sparen an der falschen Stelle. Das sagt der, der im eigenen Haus auch viel gespart hat... Man muss an der richtigen Stelle sparen, ohne die journalistische Qualität zu beschädigen.

ZEIT: Jetzt legen Sie drei Redaktionen nach einem Modell zusammen, an dem die Financial Times Deutschland und die Frankfurter Rundschau gescheitert sind.

Döpfner: Wir haben damit angefangen, und andere haben es nicht so geschickt nachgemacht. Die Welt und die Berliner Morgenpost haben seit der Zusammenführung viel mehr Journalistenpreise gewonnen als je zuvor – eines von vielen Zeichen dafür, dass sie nicht schlechter geworden sind. Würden Sie ernsthaft bestreiten, dass die Welt seither redaktionell an Ansehen gewonnen hat? Das Gleiche gilt für die Berliner Morgenpost, die ihren Fokus bei regionalen Kompetenzen gefunden hat.

ZEIT: Wird das Hamburger Abendblatt davon wirklich profitieren? Das Blatt, das mal die Süddeutsche Zeitung des Nordens werden wollte?

Döpfner: Ich glaube, dass das Hamburger Abendblatt durch Konzentration auf regionale Kompetenz und die Nutzung nationaler und internationaler Ressourcen der Welt nur gewinnen kann.

ZEIT: Warum soll eine Zeitung, die so gutes Geld verdient wie das Hamburger Abendblatt, überhaupt sparen und in eine Gemeinschaftsredaktion überführt werden?

Döpfner: Ich bin in dieses Unternehmen eingetreten, als es 200 Millionen Euro Verlust gemacht hat. Ich habe erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man Management-Entscheidungen mit dem Rücken zur Wand trifft. Ich habe mir vorgenommen, dass ich in diese Situation nie wieder kommen möchte.

ZEIT: Werden die Printzeitungen immer weniger am Umsatz von Springer ausmachen?

Döpfner: Ergebnis und vor allem Umsatz der Zeitungssparte sind seit vielen Jahren rückläufig. Wir haben im Vergleich zum Vorjahr zwölf Prozent Anzeigenerlösrückgang im Zeitungsgeschäft im dritten Quartal, sieben Prozent Vertriebserlösrückgang insgesamt – das sind dramatische Zahlen, die man nicht ignorieren kann. Der Verlust wird wesentlich kompensiert durch das Ansteigen des digitalen Geschäfts. Wir haben in den ersten neun Monaten 55 Prozent des gesamten Anzeigenumsatzes des Unternehmens aus dem digitalen Geschäft geschöpft. Das heißt, die digitale Welt ist schon heute für mehr Anzeigenumsatz verantwortlich als die Zeitungen, Zeitschriften und das internationale Geschäft zusammen.

ZEIT: Darum möchten Sie nun Ihre Inhalte im Netz kostenpflichtig machen.

Döpfner: Wir möchten mit der Welt noch in diesem Jahr startklar sein, idealerweise vor Weihnachten.

ZEIT: Wie soll das Bezahlmodell der Welt aussehen?

Döpfner: Es wird dem Modell der New York Times ähneln. Eine Art kostenloses Probelesen, bei dem man sich nach einer bestimmten Anzahl von Klicks entscheiden muss, ob man das Produkt abonnieren möchte. Die New York Times hat damit in kurzer Zeit schon 566.000 Abonnements geschaffen, das ist ein bemerkenswerter Erfolg. Wenn das jemand in der guten alten analogen Welt gemacht hätte, wäre er Verleger des Jahrzehnts geworden.

ZEIT: Für die Welt planen Sie ein Abomodell, aber wird das auch für Bild funktionieren? Diese Zeitung kann man in der analogen Welt nicht abonnieren, sondern nur am Kiosk kaufen.

Döpfner: In der Tat möchten wir bei der Bild-Zeitung ein Modell finden, das der Tatsache gerecht wird, dass sie keine Abonnement-, sondern eine Einzelverkaufszeitung ist. Das Medium hat in seiner Vertriebsform einen anderen Charakter.

ZEIT: Wissen Sie eigentlich, dass man Ihr Bezahlmodell hacken kann?

Döpfner: Natürlich. Aber ich kann Ihnen auch das große Geheimnis verraten, wie man eine Zeitung aus dem Supermarkt klaut. Wir werden es nicht schaffen, ein absolut sicheres Modell einzuführen. Mit krimineller Energie kann man alles hacken. Aber wir können den virtuellen Raub, nur weil er heute gesellschaftlich anders wahrgenommen wird, moralisch nicht mit mildernden Umständen beurteilen.

ZEIT: Hat der junge Mathias Döpfner nie mal eine Zeitung heimlich aus dem Zeitungskasten entwendet?

Döpfner: (lacht) War das nicht eine freiwillige Kaufpreisentrichtung?

ZEIT: Gehen Sie im Ernst davon aus, dass die bezahlten Inhalte auch nur annähernd so viele Leser finden wie die kostenlosen?

Döpfner: Ich bin mir ganz sicher, dass die Reichweite der Bezahlmodelle deutlich unter derjenigen der kostenlosen Inhalte liegen wird.

ZEIT: Warum gehen Sie dieses Risiko trotzdem ein?

Döpfner: Weil es um unsere Geschäftsgrundlage in der digitalen Welt geht – also um alles oder nichts. Am Anfang werden wir mit den neuen Bezahlangeboten sicher nur wenig Umsatz machen, weil die Gewohnheiten langfristig verändert werden müssen. Aber die digitale Informationsüberflutung, die wir gerade erleben, wird das Bedürfnis für Informationen wachsen lassen, die von verantwortlicher Stelle und mit einem klaren Absender kuratiert werden. Diese klare und verantwortliche Absenderschaft ist das Wesen der Zeitung, auf Papier und erst recht digital.

ZEIT: Angenommen, Sie haben recht: Werden auch die Anzeigenkunden den Wert einer journalistischen Information im Netz erkennen?

Döpfner: Ja. Diesen Optimismus beziehe ich aus den Beobachtungen an der analogen Zeitungswelt: Dort hat der Werbemarkt längst die Entscheidung darüber getroffen, dass ein zahlender Leser mehr wert ist als ein nicht zahlender Leser. Eine Anzeigenseite in der Berliner Morgenpost kostet fast 15-mal so viel pro tausend Leser wie die gleiche Anzeigenseite in unserer kostenlosen Berliner Woche. Der Anzeigenkunde geht zu Recht davon aus, dass ein Leser, der einer Zeitungsmarke so vertraut, dass er für sie regelmäßig etwas bezahlt, eine völlig andere Loyalität zu dieser Marke und ihren Inhalten hat. Deshalb haben auch Anzeigen in diesem Umfeld eine andere Wirkung und einen anderen Preis. Es gibt eine Währung für Gratisinhalte und eine für Bezahlinhalte. Deshalb sind Abomodelle auch für die Werbewirtschaft eine gute Nachricht.

ZEIT: Also werden Sie die Anzeigenpreise mit Einführung der Bezahlmodelle erhöhen?

Döpfner: Vorerst nicht, aber perspektivisch ist die Preiserhöhung die logische Konsequenz.

ZEIT: Einige Angebote von Spiegel Online sollen kostenpflichtig werden, fast alle Verlage denken über Bezahlmodelle nach – aber am Anfang werden Sie allein dastehen. Macht Ihnen das keine Angst?

Döpfner: Natürlich möchte ich nicht als tragischer Held auf dem Schlachtfeld verenden. Andererseits: Abwarten ist auch keine Strategie. Das Schicksal unserer Branche wird sich an der Frage entscheiden, ob auch zukünftig in der digitalen Welt erfolgreiche Geschäftsmodelle für journalistische Inhalte zur Verfügung stehen. Nur wenn es ein Geschäftsmodell gibt, wird ein Markt entstehen. Und nur der Markt erzeugt Vielfalt. Und nur diese Vielfalt ist langfristig im Interesse der Verbraucher. Ein Beibehalten der Freibier-Kultur wäre Selbstmord aus Angst vor dem Sterben.

ZEIT: Will Springer eigentlich selbst einen digitalen Kiosk gründen, an dem alle Verlage beteiligt sind?

Döpfner: Ich fürchte, das würde zu viel Misstrauen bei den anderen Verlagen auslösen. Eine unabhängige Plattform wäre besser. Es gibt in der deutschen Medienbranche einen verlässlichen Grundreflex: Wenn Axel Springer ein Gemeinschaftsprojekt vorschlägt, ist auf jeden Fall das Gegenteil zu tun. Wenn wir also ein solches Projekt starten oder auch nur befürworten würden, wäre das ein Todeskuss.

ZEIT: Wird denn diese Bezahlschranke...

Döpfner: Das ist ein furchtbarer Begriff, der an Grenzzäune und Schlagbäume erinnert. Sagen wir doch Abomodell!

ZEIT: ...wird also diese Bezahlschranke so eingerichtet sein, dass man Lust hat, sie auszuprobieren und sich nicht erst durch fünf Seiten klicken muss?

Döpfner: Das ist die Schlüsselfrage. Wenn das nicht gelingt, kann es nicht funktionieren.

ZEIT: Wie weit sind Sie denn?

Döpfner: Die Testphasen laufen gut, aber wie störungsfrei und schnell es geht unter Live-Bedingungen, weiß ich noch nicht.

ZEIT: Muss man mit einem Klick bezahlen können?

Döpfner: Ein Klick, jederzeit, störungsfrei.

ZEIT: Welchen Typus von Journalisten und Verlagsmitarbeitern stellen Sie sich eigentlich für die digitale Welt vor, in der Sie Geld verdienen möchten? Content-Manager? Grafiker? Bewegtbildspezialisten?

Döpfner: Ich glaube nicht an den Typus der Eier legenden Wollmilchsau. Journalisten sollen nicht gleichzeitig Videos drehen, tolle Geschichten aufschreiben und die dann auch selbst layouten. Ich glaube an die Spezialisierung. Die technische Produktion wird immer schneller und mit viel weniger Leuten zu bewerkstelligen sein. Im Fokus, auch in der Mittelverteilung, werden die recherchierenden Journalisten, die Autoren und Reporter stehen. Das sind die wirklichen Könige in der Hierarchie einer digitalen Zeitung.

ZEIT: Warum soll denn ein junger Mensch, dem es um Inhalte geht, ausgerechnet zu Springer wollen?

Döpfner: Weil dieser Verlag von einem Journalisten gegründet und seit mehr als zehn Jahren von einem Journalisten geführt wird. Weil bei uns das Primat des Inhaltlichen gilt und weil bei uns ein besonders freiheitliches Arbeitsklima herrscht. United Artists ist das Ziel. Verbunden in der Vielfalt. Wenn ich das sage, bin ich nicht so vermessen, zu glauben, dass bei uns eine ideale Welt herrscht. Es gibt noch sehr viel zu verbessern. Auf die Dauer funktioniert das nur durch glaubwürdige Anziehungskraft. Es gibt diesen Satz eines brasilianischen Philosophen: Wenn du einen Schmetterling fangen willst, dann jage ihn nicht, sondern lege deinen Garten so an, dass er zu dir fliegt.

ZEIT: Uns kommen gleich die Tränen!

Döpfner: Na, dann habe ich doch schon was erreicht. (lacht) Wir brauchen Vorbilder. Wie jedes Opernhaus brauchen wir eine Primadonna assoluta und den ersten Tenor, denen alle nacheifern, die Standards setzen und gute Leute anlocken.

ZEIT: Wie wird sich die Unternehmenskultur von Springer in einer stärker digital ausgerichteten Welt verändern?

Döpfner: In der Arbeitsrealität soll maximale Freiheit gelten. Mich interessiert nicht, wo die Leute arbeiten. Ist doch gut, wenn die in einer Strandbar in Berlin sitzen und den ganzen Tag Caipirinha trinken, aber am Ende der Woche eine Geschichte abliefern, über die die Republik redet. Man muss sich entscheiden, ob man gute oder gehorsame Journalisten will.

ZEIT: Wollen Sie bei Springer etwa keine gehorsamen Journalisten?

Döpfner: Sie machen Witze.

ZEIT: In den vergangenen Jahren sind Sie vor allem dadurch aufgefallen, dass Sie bei Ihren Blättern ganz schnell dabei waren, etwas zu verändern. Immer wieder gab es neue Layouts und neue Chefredakteure. War das nicht ein bisschen zu viel für die Leser?

Döpfner: Schnelle Konzeptwechsel, schnelle Layoutwechsel, schnelle Chefredakteurswechsel sind Eitelkeiten amtierender Art-Direktoren, Chefredakteure und der Manager, die das zulassen. Das ist immer schlecht, da verwirrt man die Leser. Ich würde allerdings sagen, dass wir da in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden sind. Bei einigen Titeln gibt es ja eine fast schon bestürzende Kontinuität. Kai Diekmann ist seit fast zwölf Jahren Bild-Chefredakteur.

ZEIT: Was passiert eigentlich mit Diekmann, wenn er mit seinen Mitstreitern von seiner Bildungsreise aus dem Silicon Valley zurückkommt?

Döpfner: Kai Diekmann, Marketingchef Peter Würtenberger und Martin Sinner, Gründer des Preisvergleichs-Portals Idealo, kommen nach sechs Monaten zurück und sind aufgeladen mit neuen Ideen, Kontakten, Anregungen und Impulsen, die sie ihre bisherigen Aufgaben noch besser absolvieren lassen als ohne diese Erfahrung. Das wäre der Worst Case. Und der hätte sich für das Unternehmen dann sehr gelohnt.

ZEIT: Und was wäre der Best Case?

Döpfner: Wenn die drei in den USA auf interessante Geschäftsmodelle für markengebundene Inhalte stoßen. Konzepte, die gerade im Silicon Valley diskutiert werden. Vielleicht könnte daraus sogar eine Gründung innerhalb unseres Unternehmens entstehen.

ZEIT: Ist die Bild-Zeitung so aufgestellt, dass sie ohne Kai Diekmann bestehen kann?

Döpfner: Kai Diekmann ist nicht nur der langjährigste, sondern auch der beste Bild-Chef. Das merkt man unter anderem daran, wie gut es läuft, wenn er weg ist: Oder haben Sie das Gefühl, wenn Sie morgens die Bild-Zeitung aufschlagen, dass sie sich dramatisch verschlechtert hat? Ich finde, ganz und gar nicht.

ZEIT: Zu den hausgemachten Problemen der Printbranche zählt auch: Viele Leserinnen und Leser haben den Eindruck, dass die meisten Medien so konform sind, als würden wir uns zu Meinungen verabreden.

Döpfner: Ich glaube, der Eindruck, dass wir uns verabreden, ist falsch. Aber Ihre Beobachtung ist richtig.

ZEIT: Die Leser haben das Gefühl, wir schreiben Leute im Rudel entweder rauf oder runter.

Döpfner: Wahrnehmung ist auch eine Wirklichkeit. Es gibt viele Themen, bei denen man eine starke Herdenmechanik erkennen kann. Eigentlich wäre der nonkonformistische Impuls, der andere Dreh, die andere Seite der Medaille das, worauf man als Journalist wirklich stolz sein könnte. Trotzdem gibt es diesen wahnsinnigen Hang, es richtig zu machen, und das heißt: es wie alle anderen zu machen.

ZEIT: Ist das auch ein Zeichen für Verunsicherung?

Döpfner: Ich glaube, ja.

ZEIT: Sägen wir durch die permanente Skandalisierung, die wir betreiben, an dem Ast, auf dem wir sitzen?

Döpfner: Ich bin fest davon überzeugt, dass die ständige Überdrehung des Skandals zur Abstumpfung führt. Das bewirkt genau das Gegenteil. Wenn alles ein Skandal, wenn alles ganz schrecklich ist, dann ist nichts mehr wirklich schlimm. Dauerrauschen der Eskalation und Empörung. Bei dieser Tendenz, erst jemanden zum Superstar hochzuschreiben und ihn ein paar Tage später als jemanden darzustellen, dem man nicht mehr die Hand geben kann, stimmen oft die Proportionen nicht mehr. Wir diskutieren das auch bei uns im Haus immer wieder durchaus selbstkritisch.

ZEIT: Dann müssten Sie bei der Berichterstattung in Ihrem Haus, zum Beispiel über die Bahncard von Peer Steinbrück, doch leiden wie ein Hund.

Döpfner: Bahncard – sorry, das habe ich nicht gelesen.

ZEIT: Steinbrück wird vorgeworfen, dass er die Bahncard, die ihm als Bundestagsabgeordnetem zusteht, auch benutzt hat, um zu Vorträgen zu fahren.

Döpfner: Hm. War das eine originäre Bild-Story?

ZEIT: Es war eine originäre Entdeckung der Bild, die es zwei Tage lang zum Thema gemacht hat.

Döpfner: Ich kann diesen speziellen Fall nicht kommentieren. Aber generell finde ich die Bigotterie, mit der sich Journalisten bestimmten Verfehlungen gegenüber verhalten, diskussionswürdig. Wir haben jetzt bei Axel Springer eine Regelung getroffen, dass Journalisten des Hauses keine Rabatte mehr annehmen dürfen. Das war jahrelang in allen deutschen Verlagen anders, da hat man gerne bei bekannten Fluggesellschaften Privatreisen mit 50 Prozent Rabatt gebucht und Politikern dann ein Upgrade vorgeworfen. Dessen ungeachtet: Natürlich besteht die Aufgabe der Medien darin, bei Amtsträgern, die eine besondere Vorbildfunktion haben, darauf zu achten, dass sie sich korrekt verhalten.

ZEIT: Wie motiviert sich jemand wie Sie, der schon so lange dabei ist und auch vor der Schenkung der Springer-Aktien finanziell längst ausgesorgt hat?

Döpfner: Durch die schlichte Erkenntnis, dass das Schwierigste und Anspruchsvollste noch vor uns liegt. Es geht um die Transformation eines publizistischen Unternehmens von der analogen in die digitale Welt. Es ist völlig offen, wie das ausgeht. In diesem Zusammenhang motivieren mich die inhaltliche Veränderung und die publizistische Weiterentwicklung des Hauses. Hinzu kommt etwas ganz Simples: Ich habe so viele Manager in die Fallen von Eitelkeit und Hybris laufen sehen. Da kommt irgendwann der Ehrgeiz, es anders zu machen. Möglichst lange, möglichst gut.

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Leserkommentare
    • bigbull
    • 15. Dezember 2012 16:48 Uhr

    Niemals wird eine publizistische Anstalt wie die Springer-Presse
    Freiheit geben können.

    Die demagoschische Verbreitung unlauterer und unsachlicher
    Meinung einiger Selbstdarsteller wird zwar durch wenig qualifizierte
    Politiker weiterhin unterstützt werden jedoch ist der größte Teil
    autonomer Bürger auf diese Art Publikation nicht einzufangen.

    Wer im Supermarkt klaut ist Täter.
    Wer im Journalismus Unwahrheiten verbreitet ist das Böse.
    Wissentlich,vorsätzlich und nur aus Gier sich selbst bereichern
    zu wollen.
    Im Grunde das Rudel der Schrecklichkeit.

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