Wenn Hans-Christian Ströbele durch den Berliner Problemkiez Kottbusser Tor in Kreuzberg geht, rappeln sich auch sehr Betrunkene noch einmal auf. »Herr Bürgermeister!«, ruft einer mit offener Stirnwunde, der sich kaum auf den Beinen halten kann, »du bist ein Mensch geblieben. Lass dir det nich wegnehm!« Der grüne Bundestagsabgeordnete Ströbele, der nie einen Tropfen Alkohol trinkt und auch keinen Kaffee, der niemals raucht oder zockt, nimmt die Huldigungen von allen Seiten höflich entgegen. Kreuzberg ist, auch hier, wo es oft elendig und brutal zugeht, so etwas wie sein Lebenswerk. Hier hat Ströbele, als noch niemand daran glaubte, das erste und bisher einzige Direktmandat erworben, das die Grünen je hatten.

Kreuzberg – das ist für den 73-Jährigen das Gegenleben schlechthin, das Richtige im Falschen. Wo andere Arbeitslosigkeit sehen, sieht Ströbele die Buntheit florierender Lebensentwürfe. Wo andere über Parallelgesellschaften, Bildungsarmut und Gewalt in Kreuzberg reden wollten, forderte Ströbele die Einführung islamischer Feiertage. »Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin« steht auf Ströbeles Website, »einer der spannendsten Orte der Republik! Hier findet alljährlich die revolutionäre 1.-Mai-Demo statt, gibt es die besten Dönerläden der Welt und noch echte Punks.«

Ströbele idealisiert Kreuzberg – Wolfgang Wieland lebt hier. Wie Ströbele ist Wieland ein Gründungsgrüner, wie Ströbele sitzt er für die Partei im Bundestag. Woche für Woche hocken die beiden derzeit nebeneinander in dem Untersuchungsausschuss, der sich über die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds beugt. Sie sprechen gemeinsam mit Journalisten, sie stehen nebeneinander vor den Kameras. Wenn man ihnen so zusieht, kommt man nicht auf die Idee, dass eigentlich grüne Welten zwischen ihnen liegen.

»Den Arschlöchern gebt ihr einen Pass?«, fragt Wielands Tochter. »Warum?«

Aber so ist es. Wieland und Ströbele, das sind in ein und derselben Partei zwei völlig verschiedene Politikertypen: ein Gesinnungsethiker und ein Verantwortungsethiker – zwei völlig konträr verlaufende Erzählungen darüber, was politische Opposition in Deutschland bedeutet. In Ströbele und Wieland lebt, vielleicht ein letztes Mal, der Konflikt auf, den die Grünen von Anfang an miteinander ausgefochten haben: der zwischen Fundamentalopposition und Machbarkeitsdenken. Was der Staat darf und was nicht; wessen Staat das überhaupt ist. Und schließlich geben Wieland und Ströbele völlig verschiedene Antworten auf die Frage, die Max Weber an jeden Politiker gestellt hat: »Was für ein Mensch muss man sein, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen?«

Kreuzberg, das gefühlte und das echte, ist ein guter Ort, die Unterschiede zwischen den beiden auszuloten. Ströbele, der Kreuzberger Direktkandidat, hat sich vor Jahrzehnten eine Wohnung am Holsteiner Ufer gekauft, einer schönen Uferstraße im Bezirk Moabit. Es ist nicht weit vom Bundesinnenministerium und nicht weit von dem Gefängnis, in dem er 1977 einmal für fünf Wochen in Einzelhaft saß, weil er im Verdacht stand, als Anwalt der RAF-Gefangenen für diese Kassiber geschmuggelt zu haben. Zum Bundestag braucht er auf dem Fahrrad 17 Minuten. Nach Kreuzberg, seinem Kreuzberg, ist es etwas weiter.

Wolfgang Wieland dagegen hat es mit Kreuzberg aufgenommen, auch ganz persönlich. Vor drei Jahrzehnten hat er mit ein paar Freunden ein altes Fabrikgebäude am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer umgebaut, zu einem Hinterhof-Arkadien mit kleinem Teich und Efeu an den Wänden. Zusammen mit seiner Frau, einer Berliner Arbeitsrichterin, hat er hier zwei Töchter großgezogen, die inzwischen erwachsen sind. Als sie klein waren und einmal einen Nachmittag allein vor dem Fernseher spielten, waren Einbrecher durchs Fenster eingestiegen; in panischer Angst schrien die Mädchen Nachbarn zur Hilfe. Seither ist noch zwei Mal nachts eingebrochen worden, als alle schliefen – Drogenkriminalität halt, vom Kottbusser Tor. Manchmal fliegt ein Stein durchs Fenster, manchmal sind die Geräusche nur von Ratten und Mäusen. »Jetzt«, sagt Wieland bitter, »werden wir, nach dreißig Jahren, erstmals Gitter an den Fenstern anbringen.«

In seinem kurzen Herbst als Justizsenator des rot-grünen Senats 2001 bis 2002 stand Wieland einmal mit ein paar Freunden beim Grillen, als sie eine riesige Rauchwolke aufsteigen sahen. Jemand hatte sein Auto anzünden wollen – in einem Bekennerschreiben hieß es, wegen der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste gegen die G8 in Genua – und den Wagen eines Nachbarn getroffen. Die Berliner Autonomenszene hat einfach nicht akzeptieren wollen, dass man links sein und Justizsenator werden kann.

 "Ströbele wählen, Fischer quälen"

Seine Töchter hat Wieland nicht auf Edelgymnasien außerhalb, sondern brav auf Schulen in Kreuzberg geschickt; genau wie es der kinderlose Christian Ströbele immer gefordert hat. Die Erfahrungen waren, wie Wieland sagt, »sehr gemischt«. Damals saßen seine Mädchen in Klassen, in denen das Verhältnis zwischen deutschsprachigen und nicht deutschsprachigen Kindern noch 50:50 war; heute ist es oft 10:90. Trotzdem war die Zeit, speziell der Umgang mit türkischen und arabischen Jungs, für seine Töchter so hart, dass eine ihren Vater während der Grünen-Kampagne für die doppelte Staatsbürgerschaft entgeistert anherrschte: »Was, den Arschlöchern wollt ihr auch noch einen Pass geben? Warum?«

»Ströbele wählen, Fischer quälen«, das war sein Wahlkampfmotto

Es sind nicht zuletzt solche Erfahrungen mit der Inneren (Un-)Sicherheit Kreuzbergs, auf die für Wolfgang Wieland auch grüne Innenpolitik eine Antwort haben muss. Innenpolitik, Sicherheitspolitik – das ist ein Metier, das die Grünen lange Zeit rechts liegen ließen. »Die Linken haben ihm oft entgegengehalten, die Gewaltstatistiken gingen doch zurück, die Berliner U-Bahn sei doch vergleichsweise sicher und die Brutalität an Schulen sei auch nicht gestiegen – solche Beschwichtigungen halt«, sagt der Berliner Grünen-Abgeordnete Jochen Esser. »Er hat dagegen immer gesagt, auf das Sicherheitsempfinden der Leute kommt es an, auch in den U-Bahnen, auch am Kottbusser Tor.« Eine »liberale Sicherheitspolitik« – das will Wieland für die Grünen. Er ist stolz auf seine guten Kontakte zur Polizei, zumal der in Berlin. Deren neue Umsichtigkeit im Umgang mit den von Ströbele bejubelten »Revolutionären 1.-Mai-Demos«, wo früher hilfloses Dreinschlagen die Regel war – das ist ein Zivilisationsgewinn, auf den Wieland auch ganz persönlich stolz ist, denn er hat Jahre im Berliner Abgeordnetenhaus darauf hingearbeitet. Zu gern wäre Wolfgang Wieland einmal Innensenator geworden; zu gern wäre er wohl jetzt, in der größten Krise der Sicherheitsarchitektur, ein Innenminister, der sich was traut. Er findet, dass die Sicherheitsbehörden endlich zu den ersten neun Opfern des NSU sagen müssen: Das waren unsere Toten. Er will aber auch, dass die Grünen sagen: Es sind unsere Sicherheitsbehörden.

Beide, Wolfgang Wieland wie Hans-Christian Ströbele, hat vor allem ein Ereignis in die Politik getrieben: der 2. Juni 1967. Es ist vielleicht nicht das Stalingrad ihrer Generation, aber schon so etwas wie ihr Trauma: die Ermordung des eigentlich unpolitischen Theologiestudenten Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras in den Kopf geschossen wurde. Ströbele, Wieland und viele der Studenten haben damals gedacht: Das hätte ich sein können. Die meinten mich. Der Tag hat die Republik verändert. Der Skandal war nicht nur die Ermordung eines völlig harmlosen Demonstranten, sondern deren Leugnung, dann Verteidigung durch den SPD-Bürgermeister Heinrich Albertz, sämtliche Behörden und die gesamte Presse. Auf manchen Polizeirevieren wurde Kurras als Held gefeiert. Inzwischen weiß man, dass er ein Stasispitzel war – gedeckt seinerzeit von Polizeioffizieren mit Wehrmachterfahrung, die im Traum nicht auf Idee gekommen wären, dass sie sich vor einen Agenten des kommunistischen Feindes stellten. Der Mord war die Initialzündung, die aus bis dahin folgenlosen linken Debattierzirkeln einzelner Studenten eine Bewegung machte. »Man kann gar nicht hoch genug veranschlagen, wie das reingehauen hat, dass der Staat hier auf offener Straße ein Schwerverbrechen beging«, meint Wieland. »Viele Radikalisierungen nahmen da ihren Anfang.«

Hinzu kam das enge Verhältnis der Bundesregierung zum Schah von Persien, dessen Regime in der Boulevardpresse als Reich aus Granatäpfeln und Scheherazade-Schönheiten besungen wurde, während die Studenten abends im Audimax der Freien Universität flammende Reden über Folter, Armut und Menschenrechtsverletzungen hörten. Am 3. Juni 1967 wurde der Referendar Hans-Christian Ströbele, der die Apo bis dahin eher vom Rand beobachtet hatte, Mitglied in der Anwaltskanzlei des linken Staranwalts Horst Mahler. »In den folgenden Jahren gab es kaum eine Demonstration, auf der ich nicht war«, erinnert sich Ströbele, »man kann sich heute nicht mehr vorstellen, wie normal damals sehr brutale Polizeimethoden waren, Schläge mit Gummiknüppeln ins Gesicht, Wasserwerfer, gebrochene Arme.« 1970 trat Ströbele in die SPD ein – aber beileibe nicht wegen Willy Brandt. »Dessen Glorifizierung kam erst später. Ich sah vor allem den Brandt der Berufsverbote. Den Brandt, der nie ein Wort gegen den Vietnamkrieg gesagt hat.« Er, Ströbele, sei ein »sehr engagierter Genosse« gewesen. Fünf Jahre später schloss die SPD ihn wieder aus ihren Reihen aus. Ströbele, der inzwischen das RAF-Mitglied Andreas Baader verteidigte, hatte auch die RAF-Inhaftierten als Genossen bezeichnet.

Dasselbe Ereignis, derselbe Schock von 1967 – und doch zwei verschiedene Konsequenzen. Beide, Ströbele und Wieland, wollten den Rechtsstaat verteidigen, beide wollten als Anwälte das Scharnier bilden zwischen Staat und Studentenbewegung, den letzten fragilen Kontakt. Aber während Ströbele sich von 1967 an bis in den Deutschen Herbst hinein und bis heute eigentlich vor allem als Teil der Bewegung verstand, wollte der Jurist Wolfgang Wieland vor allem die Entfremdung, die totale Funkstille überwinden, die zwischen der Staatsmacht und ihren Gegnern herrschte. Das Gewaltmonopol des Staates ist ein Lebensthema für beide – für Ströbele ist es eine permanente Bedrohung, für Wieland ein Triumph des Rechtsstaats Bundesrepublik.

Natürlich sind sie nicht eine Generation. Wieland ist 1948 geboren; Ströbele, Jahrgang 1939, steht noch mit einem Bein im Zweiten Weltkrieg. Die Berührung mit dem Grauen mag ein Grund für die Absolutheit des einen sein, das Verschontgebliebensein ein Grund für die Zuversicht des anderen. Mit einem Freund spielte Ströbele als Junge vor seinem Elternhaus in Halle an Granaten herum. Als er kurz ins Haus ging, explodierte eine; sein Freund wurde zerfetzt. Die US-Armee nahm ihn und seine Familie später mit in den Westen, nach Marl in Westfalen. Ströbeles Vater war Chemiker; solche Leute waren damals gesucht. Seine Mutter war Juristin und Anthroposophin; darüber lernten sich auch Ströbeles und Otto Schilys Familie kennen. Ströbele gehörte zum zweiten Jahrgang junger deutscher Männer, die zur Bundeswehr eingezogen wurden. »Ich war gut im Schießen«, meint er rückblickend nicht ohne Stolz. »Aber ich wollte nie Offizier werden.« Bei einer Zeremonie, als alle in Reih und Glied standen, um die nächste Stufe der Militärkarriere zu erklimmen, legte er seinen ersten Ströbele-Auftritt hin: »Herr Hauptmann, ich lehne die Beförderung zum Gefreiten ab!« Stattdessen wurde er zum Vertrauensmann und erteilte den anderen Soldaten politischen Unterricht. Hans-Christian Ströbele ist Kanonier der Reserve.

Wer Anwalt wird, hat oft das flammende Plädoyer für einen Unschuldigen vor Augen, wie in den Gerichtsfilmen mit Spencer Tracy oder Gregory Peck. Ein Einzelner gegen die Macht, David gegen Goliath – das ist das Schema. Bei Wolfgang Wieland war es anders. Als Kind zweier »Berliner im Exil« wuchs er in Frankfurt am Main auf, wo sein Vater Kaufmann bei der AEG war. Nachdem er als Gymnasiast schockiert eine Ausstellung über Zyklon B gesehen hatte, schlug ihn der große Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 in Bann: das erste Mal, dass die Deutschen anfingen, auf großer Bühne das Schweigen zu brechen, das sich über die Massenmorde in den Konzentrationslagern gelegt hatte – wenn auch bis 1967 nicht wirklich von einer Vergangenheitsbewältigung die Rede sein konnte. »Da im Gerichtssaal zu sitzen und zuzuhören war einfach überwältigend«, erinnert sich Wieland. »Ich habe mich mit den Staatsanwälten identifiziert, nicht mit den Anwälten.« Der Staatsanwalt, der im Namen des deutschen Volkes auf der Seite der Befreiung, der Demokratisierung stand – das war eine Figur, mit der sich Hans-Christian Ströbele nie von sich aus identifiziert hätte.

 Der eine entspannt sich mit seinen Enkeln, der andere mit Gorillas

Wielands Eltern waren beide keine Nazis. »Mein Vater hat es geschafft, die ganzen zwölf Jahre lang nicht ein einziges Mal ›Heil Hitler‹ zu sagen«, meint Wieland. »Aber es war eben ein hilfloser Antifaschismus. Meine Eltern haben Hitler nie bekämpft, weil sie eben isolierte Kleinbürger waren.« Man wird Wolfgang Wieland nicht bei Demonstrationen gegen die Globalisierung antreffen, nicht beim »Revolutionären 1. Mai« oder gar bei der Hanf-Parade, auf der sein Fraktionskollege Ströbele regelmäßig vorbeischaut. Aber gegen Neonazis hat er sich mit Wolfgang Thierse und anderen auf die Straße gesetzt und wird es sicher wieder tun.

Ist Hans-Christian Ströbele der Gesinnungsethiker, während Wolfgang Wieland den cooleren Part des Verantwortungsethikers spielt? »Also, dass ich keine Kompromisse gemacht hätte, kann man wirklich nicht behaupten«, sagt Ströbele über sich. Und es stimmt; was beispielsweise die Sicherheitsgesetze seines Anwaltskollegen und SPD-Innenministers Otto Schily anging, hat Ströbele vielem zugestimmt um der Koalition und des lieben Friedens willen. Ströbele war es, der die rot-grüne Koalition in Berlin als »Jahrhundertchance« rühmte. Aber wenn es um Hartz IV oder den Einsatz deutscher Soldaten im Ausland ging, hat Ströbele doch immer letztlich Nein gesagt, auch als der rot-grüne Bundeskanzler Gerhard Schröder die Vertrauensfrage stellte. Damit Ströbele Nein sagen konnte, mussten andere Kritiker Ja sagen – sonst wäre die Koalition gescheitert. Und sein Nein-Sagen hat er auch oft ein wenig heroisiert. »Ströbele wählen, Fischer quälen« lautete seine Gewinnerparole für Kreuzberg im Wahlkampf 2002. Er sagt im Bundestag gern schon mal: »Ich schäme mich für mein Land.« Ströbele möchte die V-Leute im Rechtsextremismus abschaffen – Wieland glaubt, dass man mit der moralischen Ambivalenz beim V-Leute-Einsatz wird leben müssen.

Der eine entspannt sich mit seinen Enkeln, der andere mit Gorillas

Irrtümer? Ströbele glaubt für sich: nicht viele. Im Prinzip, sagt er, habe die Zeit ihm doch recht gegeben. Heute sei jeder für den Abzug aus Afghanistan. Niemand verteidige mehr Hartz IV in der damals beschlossenen Form. »Ströbele erzählt eben eine andere 68er-Geschichte als Joschka Fischer, nicht die vom Wandel, sondern von der Kontinuität«, sagt Jochen Esser, der Berliner Grünen-Abgeordnete. Wo Ströbele war, wo Ströbele ist, da ist Grün.

Hans-Christian Ströbele ist schwer krank. Der Mann, der nie eine Narkose akzeptiert hat, muss wegen einer Krebserkrankung eine Bestrahlung über sich ergehen lassen. Er fährt morgens in die Klinik und rast dann auf dem Fahrrad in den Bundestag, um noch gerade rechtzeitig zur Abstimmung über das Betreuungsgeld da zu sein. Eigentlich will der 73-Jährige 2013 wieder in den Bundestag. Denn er hat recht: Nach ihm kommen nur noch Regierungslinke, wie das staatstreue Lager der Linken bei den Grünen heißt; da ist niemand mehr, der wie Christian Ströbele für die Ursprünge in der Protestbewegung steht. Aber wenn er den Krebs nicht besiegt, wird er aufhören.

Er ist erschöpft und abgemagert. Trotzdem versäumt er keine Sitzung des NSU-Ausschusses, keine Anhörung, keinen Parteitag – nicht einmal den Auswärtigen Ausschuss. Was um alles in der Welt würde Ströbele ohne die Politik machen? Er denkt einen Moment lang nach, beim Tee im Kuchenkaiser, seinem Kreuzberger Lieblingscafé. »Ein Leben auf dem Land mit Tieren könnte ich mir vorstellen«, sagt er. »Esel zum Beispiel sind wunderbar. Sie lassen sich nie von ihrem Kurs abbringen.« Wann er mal richtig glücklich gewesen ist? Bei einem Besuch im Urwald in Ruanda, zusammen mit seiner Frau, der Ethnologin Juliana Ströbele-Gregor. Da kann man sich für 700 Dollar mit einer frei lebenden Gorillafamilie zusammenbringen lassen. Einfach eine Stunde dasitzen und schauen, was der silverback so treibt. Dabei Blätter mümmeln. Nur eins muss man sich merken: »Man darf ihm nie in die Augen sehen.«

Wolfgang Wieland, 64, will nach dieser Legislaturperiode aufhören. »Ein Blick in die Geburtsurkunde« habe ihm gezeigt, dass die Zeit reif sei. Nicht nur Fraktionskollegen werden ihn vermissen; er gilt als einer der schärfsten und lustigsten Redner im Bundestag. (»Frau Steinbach. Einmal im Jahr haben Sie recht. Und dieser Tag ist heute.«) Er sitzt am Paul-Lincke-Ufer und guckt rüber zu den Schwänen. Als einer von ihnen besonders laut mit den Flügeln schlägt und schnattert, ruft er »Imponiergehabe!« und lacht. Wieland freut sich darauf, mehr Zeit für seine Enkelkinder zu haben. Aber zwei Dinge weiß er schon: »Ich werde nicht sagen: Früher war alles besser. Und ich werde niemanden mit Selbstgetöpfertem beglücken.«