DIE ZEIT: Herr Homann, haben Sie einen Notstromgenerator zu Hause?

Jochen Homann: Nein, das wäre auch ein komisches Signal. Die Bundesnetzagentur ist aber so vorbereitet, dass bei einem Stromausfall ein Krisenstab arbeitsfähig wäre.

Marc Elsberg: Viele Krankenhäuser, Behörden und Hilfsdienste haben für ein bis zwei Tage Diesel gebunkert. Dummerweise haben viele Tankstellen aber keine Notstromversorgung und können auch keinen Diesel abfüllen. Ein mehrtägiger Blackout wäre eine Katastrophe.

ZEIT: Von einem solchen handelt Ihr Roman, für den Sie in der Stromindustrie recherchiert haben. Vergangenen Winter wurde der Strom knapp, für diesen wurden bereits die ersten Warnungen laut. Haben Sie vorgesorgt?

Elsberg: Ich habe früher kaum geplant, was ich esse, und jeden zweiten Tag eingekauft. Heute habe ich Vorräte im Schrank, wie es auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz empfiehlt.

ZEIT: 24 Liter Wasser...

Elsberg: ...zum Beispiel. Wobei ich mich frage, wie das zwei Wochen reichen soll. Allein was ich zum Klospülen brauche...

ZEIT: In Ihrem Roman Blackout kommt es fast zum Bürgerkrieg, weil Nahrung knapp wird; Seuchen breiten sich aufgrund mangelnder Hygiene aus, es herrscht Chaos. Ursache ist in diesem Fall kein Wirbelsturm, sondern ein Hackerangriff von Terroristen auf sensible Punkte der Stromversorgung. Herr Homann, ist das Panikmache?

Homann: Die Auswirkungen hat Herr Elsberg gut recherchiert. Ich habe das Buch zum Anlass genommen, um meinen Mitarbeitern Fragen zur Sicherheit unserer Stromnetze zu stellen. Dass Kraftwerke mit einer Software gesteuert werden, die angreifbar ist, hielt ich zunächst für reine Fiktion – da wurde ich eines Besseren belehrt.

Elsberg: Als ich 2008 zu schreiben begann, war ein solcher Angriff noch Fantasie. Dann hat der Angriff des Computerwurms Stuxnet auf Atomkraftwerke im Iran gezeigt, dass das Realität werden kann. Im Moment werden noch verschiedene Generationen von Software in Kraftwerken eingesetzt. Das Problem: Die jüngeren Systeme, die standardisierte Komponenten enthalten, lassen sich einfacher manipulieren. Durch den Ausbau der Stromnetze zum Smart Grid bekommen wir es mit Sicherheitsrisiken zu tun, wie sie bei Kreditkartenfirmen wöchentlich sichtbar werden.

ZEIT: Und dann?

Homann: Der Wettlauf zwischen IT-Sicherheit und Hackern hat längst begonnen.

ZEIT: Derzeit kümmern sich die Betreiber um die Sicherheit. Reicht das?

Homann: Ja, das geht gar nicht anders. Nur sie kennen die Systeme gut genug, deshalb liegt die Verantwortung bei ihnen. Die Betreiber wissen das, und wir sollten auch nicht vergessen, dass eine sichere Stromversorgung in ihrem ureigenen Interesse ist.

Elsberg: Durch die Energiewende nehmen aber gerade die sensiblen Schnittstellen zu, weil Stromproduzenten, Netzbetreiber und Endverbraucher stärker miteinander vernetzt werden. Wer kümmert sich um die?

Homann: Die Schnittstellen sind eine Herausforderung. Dass etwa das Cyberabwehrzentrum gegründet wurde, zeigt aber doch, dass die Regierung dies erkannt hat.

ZEIT: Ein zweiter Angriffspunkt im Roman sind die intelligenten Stromzähler, die in Neubauten bereits vorgeschrieben sind. Tatsächlich hat das FBI gewarnt, man könne diese Smart Meter von außen manipulieren.

Homann: Sicher, je mehr man sich vernetzt, desto mehr Angriffspunkte gibt es. Aber Panik ist nicht angebracht. Für vernetzte Smart Meter wird intensiv an Vorgaben zum Datenschutz und zur Datensicherheit gearbeitet, sodass die Gefahr von Angriffen minimiert wird.

Elsberg: Na ja, ganz sicher wird man solche Stromzähler nie machen können. Deshalb muss dafür gesorgt werden, dass nicht das ganze Netz abstürzt, wenn Teile davon manipuliert werden.

"Der Hauptrisikofaktor Mensch"

ZEIT: Was geschähe, wenn alle Haushalte gleichzeitig vom Netz gingen?

Homann: Das wäre ein Riesenproblem. Die Haushalte verbrauchen ein Drittel des Stroms in Deutschland. Wenn diese Nachfrage schlagartig ausfiele, würde das Netz zusammenbrechen.

Elsberg: Deswegen gab es auch immer Bedenken bei der gut gemeinten Energiespar-Aktion, für eine Stunde das Licht auszuschalten. Ein Drama, wenn alle mitmachen würden!

ZEIT: Auch das Versagen wichtiger Knotenpunkte kann ein Stromnetz lahmlegen, wie man jetzt in den USA gesehen hat. Eine Gefahr auch in Europa?

Homann: Das Netz wird nach dem »N-1«-Kriterium angelegt. Das heißt, es funktioniert auch dann noch, wenn eine wichtige Leitung oder ein Kraftwerk ausfällt. Dieses Prinzip hat sich als Grundlage der Versorgungssicherheit hierzulande bewährt.

Elsberg: Es gibt allerdings den Hauptrisikofaktor Mensch, der das »N-1«-Prinzip außer Kraft setzen kann. Das ist 2006 in Papenburg passiert, als eine Stromleitung abgeschaltet wurde, damit ein Kreuzfahrtschiff unter ihr durchfahren konnte. Vom Ruhrgebiet bis nach Spanien gingen die Lichter aus. Eine weitere Gefahr sehe ich in einem Angriff von Kleinkriminellen. Ich weiß von einem Fall, bei dem eine Bande in einer Landgemeinde den Strom abgestellt hat. Die sind dann im Schutz der Dunkelheit auf Raubzug gegangen.

Homann: Das war aber ein lokaler Stromausfall und kein Blackout, der sich durch Europa fortpflanzt. Meiner Ansicht nach ist die Witterung ein viel realistischeres Problem als Kriminelle oder Terroristen. Das haben wir im vergangenen Winter gemerkt. Durch die Kälte wurde viel Strom verbraucht, gleichzeitig gingen die Gaslieferungen aus Russland stark zurück.

ZEIT: Wie kurz standen wir im vergangenen Winter in Deutschland vor einem Blackout?

Homann: Ich kann das nicht in Stunden, Minuten oder Sekunden angeben. Aber wegen der verknappten Gaslieferungen mussten Kraftwerke teilweise abgeschaltet werden, die wir für die Stromversorgung dringend benötigt hätten. Da war der Informationsfluss zwischen Gas- und Stromseite nicht optimal.

ZEIT: Lag das Problem nicht eher in den Verträgen? Schließlich bekamen die Kraftwerke einen günstigen Tarif, wenn sie dafür in Kauf nahmen, dass ihnen das Gas in bestimmten Situationen abgedreht werden konnte.

Homann: Ja, dass auch einige systemrelevante Kraftwerke solche Verträge haben, war nicht besonders glücklich.

ZEIT: Untersagen Sie die in Zukunft?

Homann: Diese Diskussion führen wir gerade. Wir werden allerdings zuerst versuchen, die Gasversorgung durch freiwillige Vereinbarungen sicherzustellen. Einen Eingriff des Staates sehe ich erst als Ultima Ratio.

ZEIT: Welche Folgen hat der Zuwachs an erneuerbaren Energien für die Versorgungssicherheit?

Homann: Durch den Ausbau von Onshore- und Offshore-Windparks und der Photovoltaik haben wir einerseits einen sehr raschen Zuwachs bei der erneuerbaren Stromenergie. Das Problem ist, dass diese Einspeisung stark schwankt, und das wirkt sich auf die Stabilität des Netzes aus. Wenn die Frequenz nicht konstant bei 50 Hertz liegt, wird es kritisch. Außerdem führt der Ausbau der Erneuerbaren dazu, dass die Entfernung zwischen Erzeugung und Verbrauch immer größer wird. Deshalb ist ja der Ausbau des Stromnetzes so wichtig: damit wir den Ökostrom dahin bringen können, wo er gebraucht wird.

ZEIT: Müsste man, um die Stabilität zu garantieren, nicht doch ein abgeschaltetes Atomkraftwerk auf Stand-by laufen lassen?

Homann: Nein, wir haben noch genügend konventionelle Kraftwerke und können regionale Schwierigkeiten mit anderen Mitteln lösen.

ZEIT: Drei wichtige Kohlekraftwerksblöcke in Datteln, die auch das Stromnetz der Deutschen Bahn versorgen, sollten jetzt im Dezember stillgelegt werden. Erst als die Bahn laut warnte, es könne aufgrund von Stromengpässen zu Zugausfällen kommen, erhielten sie eine Sondergenehmigung, um bis über den Jahreswechsel hinaus Strom zu liefern.

Homann: Regional mangelt es in der Tat an Kraftwerkskapazitäten. Den eigentlichen Mangel haben wir aber nicht in Nordrhein-Westfalen, sondern in Süddeutschland. Das heißt jedoch nicht zwingend, dass wir neue Kraftwerke bauen müssen. Vielfach würden neue Leitungen schon genügen. Deswegen diskutieren wir die Thüringer Strombrücke gerade so intensiv, die von Sachsen-Anhalt nach Bayern führen soll.

ZEIT: Die ist allerdings noch nicht fertig – der Winter steht aber schon vor der Tür.

Homann: Daher haben die Netzbetreiber den erforderlichen Reservebedarf ermittelt. Um ihn zu decken, stehen jetzt insgesamt rund 3.600 Megawatt Reserveleistung zur Verfügung, um die Systemstabilität in besonders kritischen Situationen aufrechtzuerhalten.

ZEIT: Einige Unternehmen schaffen sich nun Notstromaggregate an, weil sie mehr Stromausfälle fürchten. Soll sich die Industrie stärker als bisher gegen Blackouts wappnen?

Homann: Wir beobachten die Versorgungsqualität sehr genau und haben keinen Hinweis, dass die Zahl der Stromausfälle im Zuge der Energiewende zugenommen hat. Vielleicht ist bei den Unternehmen die Sensibilität gestiegen. Ich glaube nicht, dass solche Reaktionen notwendig sind, wenn die Energiewende vernünftig vorangetrieben wird.

Elsberg: Trotzdem ist es ja gar nicht so verkehrt, zum »Prosumer« zu werden, also Strom nicht nur zu konsumieren, sondern auch selbst zu produzieren. Auch für Haushalte sind bereits ein kleines Keller-Kraftwerk und andere Lösungen auf dem Markt.

ZEIT: Also doch: lieber jeder sein eigener Stromversorger, es lebe die Dezentralisierung?

Homann: Nein, das wäre Geldverschwendung. So ist die Energiewende keinesfalls gedacht. Auch die Solaranlage auf dem Dach bietet ja keine reale, sondern nur eine rechnerische Autarkie. Der Strom bleibt ja nicht vor Ort, sondern wird direkt ins Netz gespeist.

ZEIT: Gehen wir nun einmal davon aus, es kommt in diesem Winter zu einem Blackout. Was dann?

Homann: Das ist nun aber doch sehr unwahrscheinlich.

ZEIT: Ein Gedankenspiel!

"Im Katastrophenfall improvisieren"

Homann: Also gut. Würde es zu einem flächendeckenden Stromausfall kommen, würden die Netzbetreiber zuerst schwarzstartfähige Kraftwerke wieder hochfahren. Das sind solche, die unabhängig vom Stromnetz gestartet werden können. Sie würden dann mit selbstständig versorgten Netzgebieten zusammengeschaltet werden. So würde das Gesamtnetz sukzessive wieder aufgebaut.

Elsberg: Die Ursachenforschung darf man natürlich nicht vergessen. Wenn der Stromausfall sich schnell über eine große Fläche ausbreitet, wird das nicht einfach. Die Serviceteams müssten dann erst einmal eine Menge Leitungen checken. Das kann Tage dauern, bis klar ist, wo zum Beispiel Masten umgeknickt sind, wie das im Winter 2005 im Münsterland der Fall war.

ZEIT: Wie sieht es mit der Kommunikation aus, wenn der Strom fehlt?

Elsberg: Die technischen Bedingungen sind in der Tat ein großes Problem. Weite Teile des Festnetzes fallen bald aus. Das neue digitale BOS-Funknetz, mit dem zum Beispiel Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste arbeiten, hat nur einen Batteriepuffer für wenige Stunden. Und das Handynetz wird schnell wegen Überlastung zusammenbrechen.

Homann: Wir haben für solche Fälle ein Satellitentelefon, um für den Wiederaufbau der Stromversorgung in ständigem Kontakt mit den Netzbetreibern bleiben zu können. Und die Mobilfunkunternehmen würden den normalen Verkehr unterbinden, damit die Besitzer einer Vorrangschaltung weiterhin kommunizieren könnten. Diesen Vorrang haben nicht nur wir, sondern unter anderem auch Ärzte.

ZEIT: Was ist mit der Kraftstoffversorgung? Die wenigsten Tankstellen sind mit Notstromaggregaten ausgestattet – man kann dort bei einem Blackout also gar nicht tanken.

Elsberg: Ein österreichischer Katastrophenschützer sagte mir einmal: Zur Not hol ich das eben mit dem Schöpfer raus! Wir sollten vielleicht auf die Fähigkeit der Menschen vertrauen, im Katastrophenfall zu improvisieren. Man weiß eben nie, was kommt.

ZEIT: So richtig beruhigend klingt das nicht.

Homann: Es lässt sich immer eine Situation denken, für die es keinen Krisenplan gibt. Aber soweit ich das überblicken kann, wird mehr Vorsorge getroffen als gemeinhin bekannt.

ZEIT: Angenommen, es käme in diesem Winter zu einem einstündigen Stromausfall, der weite Teile von Deutschland beträfe. Herr Homann, was denken Sie: Würde das die Energiewende infrage stellen?

Homann: Ein Stromausfall in diesem Winter ist wirklich ein reines Gedankenspiel! Und, nein, das glaube ich nicht. Die Energiewende ist ein langfristiger Prozess, ich kann mir nicht vorstellen, dass der durch ein solches punktuelles Ereignis infrage gestellt würde.

Elsberg: Es kommt natürlich immer darauf an, wer in einer solchen Diskussion letztendlich die Deutungshoheit behält. Die Energiekonzerne haben eine laute Stimme...

Homann: Ich glaube aber nicht, dass sie nach einer Kehrtwende rufen würden. Da sie die Energiewende umsetzen, haben sie ihre Geschäftsmodelle bereits längerfristig danach ausgerichtet. Sie brauchen eine gewisse Stabilität für ihre Planungen und können nicht jedes Jahr das Energiesystem in eine andere Richtung umbauen.

ZEIT: Haben Sie nach Ihren Recherchen noch Vertrauen in die Energieversorgung, Herr Elsberg?

Elsberg: Ja. Gerade unter den Verantwortlichen habe ich ein großes Bewusstsein für die Problematik und die Herausforderungen entdeckt. Ich halte die Energiewende für eine großartige Sache und bin zuversichtlich, dass sie funktionieren wird.