Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus"Toll wäre es, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte"

von Anna Kemper 

Meine Mutter erzählt immer, dass ich schon im Kindergarten dazwischengegangen bin und für Gerechtigkeit sorgen wollte, wenn es Streit gab. Daran kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß, dass mein Traumberuf schon früh feststand: Polizistin. Und das bin ich heute. Es ist wirklich mein Traumberuf, wegen seiner Vielseitigkeit, der Nähe zu den Menschen, zur Realität. Als Polizist in einer Großstadt wie Hannover, wo ich arbeite, erlebt man Situationen, die man sich am Schreibtisch nicht vorstellen kann. Wenn ich vom Dienst nach Hause gehe, wird mir immer wieder klar, wie privilegiert ich lebe, wie wichtig Familie und Freunde sind.

In die Schiedsrichterei bin ich eher so reingerutscht, davon geträumt habe ich nicht als Teenager, ich habe einfach nur selber gern Fußball gespielt. Aber mein Vater war Schiedsrichter, und ohne große Pläne habe ich einen Lehrgang mitgemacht und dann meine ersten Spiele gepfiffen. Da habe ich schnell gemerkt: Das ist meins, das ist das, was ich machen will, wofür ich jedes Wochenende losgehen möchte, wofür ich trainieren und lernen kann, ohne dass es sich wie Arbeit anfühlt.

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Dass ich mal das Finale einer Weltmeisterschaft pfeifen würde oder eines olympischen Turniers, im Wembley-Stadion, auf dem heiligen Rasen – daran habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Auch nicht daran, die erste Frau zu sein, die ein Bundesligaspiel pfeift. Vor meinem ersten Einsatz 2007 war die Aufmerksamkeit riesig, alle mussten sich erst mal daran gewöhnen: Zuschauer, Spieler, Trainer, Kollegen. Und die Medien. Für die war das eine Sensation, ich glaube, die häufigste Formulierung war: »22 Männer tanzen nach ihrer Pfeife«. Darüber hab ich damals geschmunzelt.

Bibiana Steinhaus

33, ist die erste und bisher einzige Fußball-Schiedsrichterin in Deutschland, die Profispiele der Männer pfeift. Sie leitete außerdem das Endspiel der Frauenfußball-WM 2011 und das Olympia-Finale der Frauen 2012.

Mein Traum ist es, dass es keine Rolle mehr spielt, ob ein Mann oder eine Frau pfeift. Oder, gesellschaftlich gedacht, ob ein Mann oder eine Frau Chef ist. Nur die Leistung zählt. Ich habe es geschafft, mich in der Zweiten Fußballbundesliga zu behaupten, darauf bin ich stolz. Nicht darauf, dort die einzige Frau zu sein.

Ich bin nicht Schiedsrichterin geworden, weil ich gern Rote Karten zeige. Im Gegenteil, es ist viel schöner, wenn ich es geschafft habe, den Konkurrenzkampf zwischen zwei Mannschaften fair zu halten. Wenn ich Situationen erahnen konnte, um frühzeitig einzugreifen, bevor es eskaliert. Vielleicht habe ich dann einen Spieler vor einer Roten Karte bewahrt, weil ich ihm rechtzeitig die Grenzen aufgezeigt habe. Das ist eine unsichtbare Leistung. Das größte Lob ist doch, wenn die Zuschauer sich nach den 90 Minuten fragen: Wer hat eigentlich gepfiffen?

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Es mag verrückt klingen, aber am tollsten wäre es, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte. Natürlich würde das eine unglaubliche Fairness voraussetzen, im Sieg und in der Niederlage. Die Spieler müssten ihre Fähigkeit zur Selbstkritik entwickeln und einen respektvollen Umgang, bei dem es mehr um das Miteinander geht, ohne Fouls. Das alles in einem Stadion voller feiernder Menschen. Eigentlich auch ein guter Traum für eine Polizistin. Hier also mein Aufruf: Macht meine beiden Jobs überflüssig!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Eine Schiedsrichterin muss auch ohne Worte kommunizieren können: Diese Woche zu sehen in der Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts" im "SZ-Magazin".

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Leserkommentare
  1. Warum gibt es solch hübsche Fotos eigentlich nicht von den männlichen Schiedsrichtern? Würde doch auch gut zu Wolfgang Stark passen, oder?! ;-)

    "Macht meine beiden Jobs überflüssig!" Ach, Frau Steinhaus, Sie brauchen wirklich nicht demonstrieren, dass Frauen auch beim Schiedsrichtern "anders" sind. Das ist auch wieder nur Klischee. Sie pfeifen gut und deshalb hoffentlich auch bald in der 1. Liga. Der Rest ist Kokolores. "Nur die Leistung zählt."

    • Legatus
    • 09. Dezember 2012 14:22 Uhr

    Werden im Amateurfußball immer mehr und habe noch keine Probleme bezüglich Akzeptanz gehört. Bei meinen Spielen haben sie immer sehr solide gepfiffen, auch wenn bei Kleinigkeiten wie Einwürfen manchmal recht kuriose Entscheidungen dabei waren. Egal, dieses "Auge" bekommt man auch noch mit der Zeit ;-).

    • Legatus
    • 09. Dezember 2012 14:25 Uhr
    3. Zusatz

    Schiedsrichter gehören dazu und werden nie überflüssig, das wird leider ein Traum bleiben.

  2. "Es mag verrückt klingen, aber am tollsten wäre es, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte. Natürlich würde das eine unglaubliche Fairness voraussetzen, im Sieg und in der Niederlage. " Fänd ich auch toll, aber dann müsste der Fussball halt nur freizeitlich und aus reiner Spielfreude stattfinden. Andrerseits ist es auch mal gut ein wenig den Kampfgeist raushängen zu lassen. Dass schnell aus Ehrgeiz brisante Situationen entstehen können versteht zwar nicht jeder, aber dazu sind Schiedsrichter wieder gut und das sollte auch so bleiben.

  3. "Mein Traum ist es, dass es keine Rolle mehr spielt, ob ein Mann oder eine Frau pfeift. Oder, gesellschaftlich gedacht, ob ein Mann oder eine Frau Chef ist. Nur die Leistung zählt."
    Und warum gibt es dann laut der DFB-Website keine männlichen Schiedsrichter in den Frauen-Bundesligen?

  4. 6. Warum?

    Warum sollen Frauen in der Bundesliga pfeifen? Es ist Männersport und da sollen gefälligst Männer Schiedsrichter sein. Warum müssen Frauen sowieso alles machen was Männer machen.

    Naja, bald gibt es bestimmt auch da eine Frauenquote. Und in der Nationalmannschaft auch. Wenn 50% der Bevölkerung Frauen sind, dann können zumindest 40% weibliche Spieler dabei sein. Alles andere ist böser und primitiver Machoismus. Außerdem sollen sich in der Bundesliga Spieler als Frauen outen. Wenn die Schwulen das schon nicht machen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Fühlen Sie sich umarmt!

    Cellular Automaton

  5. 7. Och!!

    Fühlen Sie sich umarmt!

    Cellular Automaton

    Antwort auf "Warum?"
    • TDU
    • 10. Dezember 2012 11:47 Uhr

    "Es mag verrückt klingen, aber am tollsten wäre es, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte."

    Schöner Traum aber dann ist er virtuell oder die Menschen sind programmiert jederzeit ihre Glücksgefühle, Dummheiten oder sonstige Gefühle ständig zu behrrschen. Und alles verläuft im friedlcihen Dialog. Wie lang wohl so ein Spiel dauern würde.

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