Meine Mutter erzählt immer, dass ich schon im Kindergarten dazwischengegangen bin und für Gerechtigkeit sorgen wollte, wenn es Streit gab. Daran kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß, dass mein Traumberuf schon früh feststand: Polizistin. Und das bin ich heute. Es ist wirklich mein Traumberuf, wegen seiner Vielseitigkeit, der Nähe zu den Menschen, zur Realität. Als Polizist in einer Großstadt wie Hannover, wo ich arbeite, erlebt man Situationen, die man sich am Schreibtisch nicht vorstellen kann. Wenn ich vom Dienst nach Hause gehe, wird mir immer wieder klar, wie privilegiert ich lebe, wie wichtig Familie und Freunde sind.

In die Schiedsrichterei bin ich eher so reingerutscht, davon geträumt habe ich nicht als Teenager, ich habe einfach nur selber gern Fußball gespielt. Aber mein Vater war Schiedsrichter, und ohne große Pläne habe ich einen Lehrgang mitgemacht und dann meine ersten Spiele gepfiffen. Da habe ich schnell gemerkt: Das ist meins, das ist das, was ich machen will, wofür ich jedes Wochenende losgehen möchte, wofür ich trainieren und lernen kann, ohne dass es sich wie Arbeit anfühlt.

Dass ich mal das Finale einer Weltmeisterschaft pfeifen würde oder eines olympischen Turniers, im Wembley-Stadion, auf dem heiligen Rasen – daran habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Auch nicht daran, die erste Frau zu sein, die ein Bundesligaspiel pfeift. Vor meinem ersten Einsatz 2007 war die Aufmerksamkeit riesig, alle mussten sich erst mal daran gewöhnen: Zuschauer, Spieler, Trainer, Kollegen. Und die Medien. Für die war das eine Sensation, ich glaube, die häufigste Formulierung war: »22 Männer tanzen nach ihrer Pfeife«. Darüber hab ich damals geschmunzelt.

Mein Traum ist es, dass es keine Rolle mehr spielt, ob ein Mann oder eine Frau pfeift. Oder, gesellschaftlich gedacht, ob ein Mann oder eine Frau Chef ist. Nur die Leistung zählt. Ich habe es geschafft, mich in der Zweiten Fußballbundesliga zu behaupten, darauf bin ich stolz. Nicht darauf, dort die einzige Frau zu sein.

Ich bin nicht Schiedsrichterin geworden, weil ich gern Rote Karten zeige. Im Gegenteil, es ist viel schöner, wenn ich es geschafft habe, den Konkurrenzkampf zwischen zwei Mannschaften fair zu halten. Wenn ich Situationen erahnen konnte, um frühzeitig einzugreifen, bevor es eskaliert. Vielleicht habe ich dann einen Spieler vor einer Roten Karte bewahrt, weil ich ihm rechtzeitig die Grenzen aufgezeigt habe. Das ist eine unsichtbare Leistung. Das größte Lob ist doch, wenn die Zuschauer sich nach den 90 Minuten fragen: Wer hat eigentlich gepfiffen?

Es mag verrückt klingen, aber am tollsten wäre es, wenn der Fußball uns Schiedsrichter irgendwann nicht mehr bräuchte. Natürlich würde das eine unglaubliche Fairness voraussetzen, im Sieg und in der Niederlage. Die Spieler müssten ihre Fähigkeit zur Selbstkritik entwickeln und einen respektvollen Umgang, bei dem es mehr um das Miteinander geht, ohne Fouls. Das alles in einem Stadion voller feiernder Menschen. Eigentlich auch ein guter Traum für eine Polizistin. Hier also mein Aufruf: Macht meine beiden Jobs überflüssig!

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Eine Schiedsrichterin muss auch ohne Worte kommunizieren können: Diese Woche zu sehen in der Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts" im "SZ-Magazin".