Der 30. Januar 1990, MoskauHans Modrow, Ministerpräsident der DDR, besucht Michail Gorbatschow. Noch vor dem offiziellen Gespräch antwortet der sowjetische Staatschef auf die Frage eines Journalisten zur Lage im geteilten Deutschland: »Niemand stellt die deutsche Einheit prinzipiell in Frage.« Das ist das Startsignal. Schon seit der Öffnung der innerdeutschen Grenze im November 1989 überlegen Banker, Konzernchefs und Geschäftemacher im Westen, wie sie Zugriff auf den neuen Markt in Ostdeutschland erhalten können. Dass die Einheit kommen kann, wird mit diesem einen Satz von Gorbatschow immer wahrscheinlicher. Wer bislang noch gezögert hat, der handelt jetzt.

So trifft ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank einen Tag nach dem Modrow-Besuch in Moskau den stellvertretenden Geschäftsführer der DDR-Staatsbank – Edgar Most. Der Mann aus dem Westen und der Ost-Banker beginnen zu planen, wie die Privatbank die Staatsbank unter ihre Kontrolle bringen kann. Damit die noch amtierende DDR-Regierung nichts von diesem Projekt mitbekommt, organisieren die westdeutschen Finanziers Edgar Most ein Bundeswehr-Feldtelefon, so kann er mit der Zentrale in Frankfurt am Main ungestört telefonieren.

Auch der Allianz-Konzern wird aktiv. Schon wenige Tage nach dem Mauerfall hat der Vorstandsvorsitzende der Allianz seinen besten Mann in Bewegung gesetzt. Der soll sicherzustellen, dass der Finanzkonzern aus München die staatliche DDR-Versicherung übernehmen kann. Zwar ist bei vielen ostdeutschen Betrieben unklar, ob sie in einer Marktwirtschaft überhaupt rentabel wären, doch darüber sehen die Investoren aus dem Westen hinweg. Sie haben es bei dieser ersten Übernahmewelle vor allem auf Immobilien und die Kontakte der ostdeutschen Mitarbeiter abgesehen. Der Chef des Bundeskartellamts kommentiert im April 1990 das Verhalten vieler westdeutscher Unternehmen folgendermaßen: »Natürlich sitzen die wie die Falken auf den Mauerzinnen, um sich auf die Beute zu stürzen. Marktwirtschaft erst einmal in Gang zu bringen heißt aber auch, dass man die Beutejäger ein bisschen gewähren lässt.«

Viele SED-Funktionäre im Osten wissen ebenfalls spätestens seit Modrows Besuch in Moskau, dass es mit ihrem Staat zu Ende geht. Sie treffen Vorkehrungen – für ihre Partei, aber oft auch nur für sich selber. Es gilt zu retten, was zu retten ist. Geld wird beiseitegeschafft, Grundstücke werden überschrieben, Partner im Ausland aktiviert. Vor allem nach Österreich hat das Regime gute Kontakte. Hier kennen viele SED-Oberen Geschäftsleute, die der DDR immer wieder gegen Risikoaufschlag Hightech-Waren besorgt und dadurch das Nato-Embargo gebrochen haben. Zudem hat die SED Unternehmen in Wien gegründet, über die sie diese und andere Auslandsgeschäfte abgewickelt hat. Eine dieser Firmen ist die Novum GmbH. Sie ist zum Schein der Kommunistischen Partei Österreichs überschrieben worden; tatsächlich aber wird sie von Rudolfine Steindling kontrolliert, der »Roten Fini« (siehe Text rechts).

Wie sollte ein Volk ohne Kapital im Kapitalismus bestehen?

Genau diese Beutejäger aus Ost und West hatte eine Gruppe von Bürgerrechtlern schon Ende 1989 gefürchtet. Ihr Argument: Da es den Begriff »Volkseigentum« in der Bundesrepublik nicht gebe, müsse man dafür sorgen, dass dieses Eigentum der DDR-Bürger eben nicht herren- und damit schutzlos werde. Denn auf dem Papier gehört dem einzelnen Bürger in der DDR nichts. Die Dissidenten erarbeiten daher im Februar 1990 ein Konzept, das die Gründung einer »Treuhandanstalt« vorsieht. Diese soll das Volksvermögen der DDR verwalten, bis entschieden ist, was aus den Fabriken, Firmen, Wohnungen und Geschäften werden wird. Später soll diese Anstalt Teile des Eigentums der DDR per Anteilsschein an die DDR-Bürger zurückgeben. Wie sollten diese sonst ohne Kapital am Kapitalismus teilnehmen?

Der Runde Tisch greift das Konzept auf und empfiehlt der DDR-Regierung, die Treuhand zu gründen. So kommt es dann auch. Im März 1990 beginnt die Anstalt mit ihrer Arbeit. Auf dem Papier ist sie jetzt Eigentümerin der gesamten DDR-Volkswirtschaft, verantwortlich für vier Millionen Arbeitnehmer und mehr als 13.000 große Betriebe.

Obwohl die deutsche Einheit in diesem Moment noch weit weg zu sein scheint, ist auch die Bundesregierung in Bonn seit Langem hinter den Kulissen aktiv, so auch Bundesfinanzminister Theo Waigel. Am Tag des Modrow-Besuchs in Moskau erteilt er seinem Ministerium in Bonn telefonisch den Auftrag, mit der Planung einer Währungsunion zu beginnen. Dort leitet Thilo Sarrazin die Abteilung Nationale Währungsfragen. Der Volkswirt und sein Chef, der damalige Staatssekretär und spätere Bundespräsident Horst Köhler, haben in den davorliegenden Monaten regelmäßig Delegationen aus der DDR empfangen. Die offenbaren ihnen, dass der ostdeutsche Staat über kein funktionierendes Steuersystem verfüge und die Zahlen auch sonst verheerend seien. Sarrazin errechnet, dass nach einer Vereinigung die Bundesrepublik jedes Jahr wohl 100 bis 150 Milliarden D-Mark aufwenden müsste, um Ostdeutschlands Wirtschaft und Infrastruktur wiederaufzubauen. Die Maschinen, die Fabriken, den »physischen Kapitalstock« hält er für »reinen Schrott«.

Die Währungsunion – selbst zu einem Kurs von einer D-Mark zu einer Ost-Mark – könnte sich die Bundesrepublik trotzdem leisten, so lautet Sarrazins Urteil. Unerlässlich sei jedoch, dass die DDR-Planwirtschaft schnell und radikal auf eine Marktwirtschaft umgestellt werde. Der Strukturwandel dürfe auf keinen Fall zu lange dauern, denn dann würde das Experiment zu teuer. Sarrazin erinnert sich: »Letztlich war mein Ziel – als alles noch in Bewegung und der Schock der Betäubung groß war –, möglichst zügig das zu entscheiden, von dem ich wusste: Wenn das in die normalen westdeutschen Mühlen kommt, dauert es in Kleinigkeiten ewig lange.«