Sie wollten sich der großen Wahrheit widmen, an diesem Abend im August. Stattdessen diskutierten sie organisatorischen Kleinkram. Bern, im Käfigturm. Eine kleine Schar junger Männer sitzt vor ihren aufgeklappten Laptops: der Stammtisch von We are Change.

Sie selbst nennen sich Truther, eine Bewegung auf der Suche nach der Wahrheit. Für alle anderen sind sie Verschwörungstheoretiker.

Thomas Gasser, ein 23-jähriger Blondschopf, eröffnet die Sitzung. Es geht um die Gedenkaktionen zu den Anschlägen vom 11. September. »Vorschläge?« Thomas Gasser, der als kaufmännischer Angestellter arbeitet, blickt in die Runde. Ein Wettbewerb mit Preisen, um die Leute abzuholen, schlägt einer vor. Ein Zweiter hat die Idee, Luftballons steigen zu lassen. »Macht es aber auch, und redet nicht nur«, sagt ein Dritter. Alles wird fein säuberlich protokolliert, dann ist Zigarettenpause.

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter, das prophezeien Apokalyptiker mit Blick auf einen antiken Mayakalender. Eine galaktische Koinzidenz, warnen sie, könnte die Pole verschieben. Doch fragt man die Truther, ist die Welt schon heute aus den Fugen. Heimliche Mächte regieren uns, nur merken wir Unwissenden es nicht.

Also ziehen am Vorabend des 11. September die Truther mit Kreidesets auf die Straßen und malen Mahnsprüche auf den Asphalt, um die Bevölkerung wachzurütteln. Denn 9/11 war in ihren Augen kein Attentat von Islamisten, sondern eine blutige Show, inszeniert von dunklen Mächten, womöglich der amerikanischen Regierung selbst. Aus Zweifeln an der offiziellen Version der Anschläge in New York entstand der Schweizer Ableger von We are Change; gegründet wurde die Bewegung in den USA. Heute hat sie hierzulande einige Dutzend aktive Mitglieder. Genau kann das niemand sagen, denn We are Change ist kein Verein, sondern eine lose organisierte Vereinigung, geeint im Glauben an die große Weltverschwörung.

Auf zahlreichen Websites präsentieren die Truther ihre kruden Theorien: Kondensstreifen seien keine harmlosen Eiskristallwolken, sondern chemische Giftnebel, in Kornkreisen sehen sie das Werk von Außerirdischen, und Barack Obamas Geburtsurkunde sei in Wahrheit eine Fälschung. Aus allen Texten spricht ein tiefes Misstrauen gegen sämtliche Institutionen, Regierungen, Konzerne, Universitäten. Die Truther sind sich sicher, dass eine auserwählte Gruppe von Mächtigen – seien es Freimaurer, Illuminaten oder Geheimdienste – die Fäden der Weltgeschichte in der Hand halten.

"Ich fühlte mich wie Neo in Matrix"

Die breite Öffentlichkeit in der Schweiz erfuhr von We are Change erstmals im Herbst 2011. Damals riefen die Aktivisten als Erste: »Occupy Paradeplatz!« In der kurzlebigen Bewegung, die eine radikale Reform der Finanzmärkte forderte, hinterließen die Truther einen schlechten Eindruck. An einer Podiumsdiskussion wurden Politiker niedergeschrien, und die Presse bezichtigte sie des Antisemitismus.

Thomas Gasser wehrt sich gegen diesen Vorwurf: »Mir ist egal, welcher Religion jemand angehört. Hauptsache, er setzt sich für Frieden, die Natur und gegen die Wirtschaft, wie sie heute funktioniert, ein.« Zu den Truthern fand Gasser eher zufällig, über einen Kommentar in einer Onlinezeitung, demzufolge mit dem neu eingeführten biometrischen Reisepass die Bürger kontrolliert werden sollen. Gasser glaubte nicht so recht an diese Theorie, bis er im Internet auf einschlägige Webseiten stieß. Nächtelang las und staunte er, längst nicht mehr nur über die biometrischen Pässe, sondern auch über vergiftete Kondensstreifen, die Weltfinanz, den 11. September. »Ich fühlte mich wie die Figur Neo im Film Matrix, der plötzlich merkt, dass alles eine Lüge ist«, sagt Thomas Gasser. 2010 fuhr er mit Gleichgesinnten in einem VW-Bus ins spanische Sitges zum Protest gegen die Bilderberg-Konferenz, wo sie kampierten und auf Hunderte Verschwörungstheoretiker aus aller Welt trafen: »Das war ein eindrückliches Erlebnis«, sagt Gasser.

Die meisten Truther haben den Glauben an die Politik verloren, nicht so Thomas Gasser. Seit 2009 ist er Mitglied der Piratenpartei, zurzeit überlegt er sich, in die Lokalpolitik einzusteigen. Er will das System verändern. »Unsere Generation hat einen Tunnelblick bekommen«, sagt er. »Wir arbeiten, kommen abends heim, am Wochenende schießen wir uns auf Partys ab, und am Montag geht alles von vorn los.« Dabei, fährt Gasser fort, »sind wir nicht dafür gemacht, acht Stunden am Tag hinter einem Bildschirm zu sitzen. Wir merken gar nicht, dass etwas anderes möglich wäre.«

Früher mussten die Truther in dubiosen Läden oder Bibliotheken nach Pamphleten und Broschüren stöbern. Das Internet hat alles verändert. Hier können sich Verschwörungstheoretiker verabreden; vor allem aber bietet das Netz ein alternatives Mediensystem aus einschlägigen Blogs und Infoseiten, durch das sich Truther nächtelang treiben lassen und sich ihr eigenes Weltbild zusammenbasteln.

Statt Gurus gibt es in der Verschwörerszene eine Handvoll bekannter Autoren. Zum Beispiel Norbert Brakenwagen, Moderator der Sendung Time to Do. Sie läuft auf dem Privatkanal TV 5, wo auch der Promi-Esoteriker Mike Shiva und der Rechtsaußen-Politiker Ulrich Schlüer ihr Plätzchen haben. Norbert Brakenwagen, ein Mittfünfziger mit schütterem grauen Haar und Pferdeschwanz, erreicht mit seinem täglichen Talk, in dem Ufologen, Hellseher oder Verschwörungstheoretiker zu Gast sind, nach eigenen Angaben 200.000 Haushalte in der Schweiz.

Früher arbeitete Brakenwagen als Zwischenhändler für Supermärkte und später als Consultant. Ein Schlüsselerlebnis, erzählt er, habe ihn zum Umdenken bewogen: »Ein Mann suchte mich auf; er wollte die Person kennenlernen, die ihn wegrationalisiert und seine Ehe zerstört hatte.« Brakenwagen wurde ein Wahrheitssucher.

Heute arbeitet er immer noch Teilzeit als Berater und verkauft ein seltsames Wunderwasser, die restliche Zeit widmet er seiner Sendung. Obschon er vor allem mit Esoterikern talkt, ist seine Mission eine politische: »Ich mache das für die Zukunft meiner Kinder«, sagt der dreifache Vater und ergeht sich in Kritik am Finanzsystem und der Energiepolitik. Im Gespräch klingt Brakenwagen wie ein globalisierungskritischer Linker, bis er auf das Asylwesen zu sprechen kommt. Er wundere sich, wieso die Asylverfahren so lange dauern und so viele Wirtschaftsflüchtlinge hierbleiben könnten. »Man könnte die Grenze doch elektronisch lückenlos überwachen«, schlägt er vor.

Mit seiner widersprüchlichen Haltung ist Brakenwagen ein typischer Truther. Er vereint ein großes Misstrauen in die Politik mit einer guten Portion Naivität und der Gewissheit, es besser zu wissen als alle anderen.

Das Schweizer Parlament wähnt der TV-Scharlatan in der Hand finsterer Lobbyisten. Trotzdem, versichert er, lade er auch immer wieder Politiker ein: »Aber die wollen einfach nicht kommen.« So werden seine Sendungen – gedacht als Gegenprogramm zu den »gleichgeschalteten Mainstream-Medien« – zum eintönigen Gottesdienst. Eine Debatte zwischen Brakenwagen und seinen Gesprächspartner entsteht nie, elegant umschifft er mögliche Differenzen. Auch auf den einschlägigen Blogs der Truther gibt es kaum Widerspruch, höchstens in der Kommentarfunktion.

Zweifel an der 9/11-Theorie

Sie bestätigen sich am liebsten gegenseitig in ihren schwurbeligen Irrlehren.

Fragt man Thomas Gasser und seine Mitstreiter, wer denn nun die Illuminaten und Freimaurer seien und wie sie ihre Weltherrschaft organisieren, kriegt man keine konkreten Antworten. Eine klare Weltsicht gibt es bei den Truthern ebenso wenig wie ein eigentliches Gegenprogramm zur bestehenden Wirtschaftsordnung. Truther zu sein ist mehr Gefühl als eine Position; das Gefühl, angelogen zu werden und dem Lauf der Weltgeschichte entgegenzustehen. Der Psychologe und Sektenforscher Dieter Sträuli vergleicht die Truther denn auch mit einem »Haufen Atome, die im Internet umhergeistern, sich verklumpen und sich wieder auflösen.« So gibt es in der Truther-Szene kaum Hierarchien und keine Ausübung von Druck gegen Mitglieder.« Deshalb kann man die Truther keineswegs mit Sekten vergleichen«, sagt Sträuli.

Eine Fabrikhalle in Thun an einem lauen Septemberabend. Über Hundert junge Männer, manche mit Freundinnen im Schlepptau, haben sich eingefunden. Thomas Gasser ist nervös. Er bittet den Mann auf die Bühne, dessentwegen die Zuschauer gekommen sind: Daniele Ganser.

Der eloquente Enddreißiger präsentiert in den nächsten zwei Stunden unterhaltsam und routiniert seine Zweifel an der 9/11-Theorie. Er spricht vom dritten Wolkenkratzer, der einstürzte, im offiziellen Report aber nicht erwähnt wird, und von Börsentransaktionen mit United-Airlines-Aktien kurz vor den Terroranschlägen.

Daniele Ganser ist kein Truther. Er ist Akademiker, und er ist vom Fach. Als am 11. September 2011 die Flugzeuge in das World Trade Center krachten, schrieb er an seiner Doktorarbeit über inszenierten Terror und Geheimarmeen der Nato. 2006 hinterfragte Ganser erstmals öffentlich, ob es tatsächlich Osama bin Laden sei, der hinter den Anschlägen steckte. Die Medien jaulten auf, die Fachkollegen watschten Ganser öffentlich ab. In der Uni-Hierarchie ist er seither nicht mehr aufgestiegen, dafür hat er ein eigenes Friedensforschungsinstitut gegründet – und er ist gern gesehener Redner bei den Truther-Veranstaltungen.

Der Historiker bewegt sich auf dem schmalen Grat, der einen Verschwörungstheoretiker von einem kritischen, aber mit Evidenz arbeitenden Historiker trennt. Selbst versichert er, ihm gehe es nur darum, Fragen zu stellen. Das unterscheide ihn von den meisten Truthern, die von einer Verschwörung überzeugt seien. »Ich weiß nicht, was am 11. September passiert ist«, sagt Ganser, er fordere nur eine neue Untersuchung.

Mit ihm tun dies einige linke Schweizer Parlamentarier. Der Grüne Geri Müller, auch er hat eine entsprechende Onlinepetition unterschrieben, sagt, es gebe noch mehr Politiker, die Zweifel an der offiziellen Version von 9/11 hätten, aber sie wollten nicht dazu stehen. »Sobald man sich in dieser Sache äußert, ist man gebrandmarkt«, sagt er. Und das fördere das Misstrauen in die Politik. »Wenn man zu gewissen Themen nicht einmal Fragen stellen darf, stimmt etwas nicht.«