Die breite Öffentlichkeit in der Schweiz erfuhr von We are Change erstmals im Herbst 2011. Damals riefen die Aktivisten als Erste: »Occupy Paradeplatz!« In der kurzlebigen Bewegung, die eine radikale Reform der Finanzmärkte forderte, hinterließen die Truther einen schlechten Eindruck. An einer Podiumsdiskussion wurden Politiker niedergeschrien, und die Presse bezichtigte sie des Antisemitismus.

Thomas Gasser wehrt sich gegen diesen Vorwurf: »Mir ist egal, welcher Religion jemand angehört. Hauptsache, er setzt sich für Frieden, die Natur und gegen die Wirtschaft, wie sie heute funktioniert, ein.« Zu den Truthern fand Gasser eher zufällig, über einen Kommentar in einer Onlinezeitung, demzufolge mit dem neu eingeführten biometrischen Reisepass die Bürger kontrolliert werden sollen. Gasser glaubte nicht so recht an diese Theorie, bis er im Internet auf einschlägige Webseiten stieß. Nächtelang las und staunte er, längst nicht mehr nur über die biometrischen Pässe, sondern auch über vergiftete Kondensstreifen, die Weltfinanz, den 11. September. »Ich fühlte mich wie die Figur Neo im Film Matrix, der plötzlich merkt, dass alles eine Lüge ist«, sagt Thomas Gasser. 2010 fuhr er mit Gleichgesinnten in einem VW-Bus ins spanische Sitges zum Protest gegen die Bilderberg-Konferenz, wo sie kampierten und auf Hunderte Verschwörungstheoretiker aus aller Welt trafen: »Das war ein eindrückliches Erlebnis«, sagt Gasser.

Die meisten Truther haben den Glauben an die Politik verloren, nicht so Thomas Gasser. Seit 2009 ist er Mitglied der Piratenpartei, zurzeit überlegt er sich, in die Lokalpolitik einzusteigen. Er will das System verändern. »Unsere Generation hat einen Tunnelblick bekommen«, sagt er. »Wir arbeiten, kommen abends heim, am Wochenende schießen wir uns auf Partys ab, und am Montag geht alles von vorn los.« Dabei, fährt Gasser fort, »sind wir nicht dafür gemacht, acht Stunden am Tag hinter einem Bildschirm zu sitzen. Wir merken gar nicht, dass etwas anderes möglich wäre.«

Früher mussten die Truther in dubiosen Läden oder Bibliotheken nach Pamphleten und Broschüren stöbern. Das Internet hat alles verändert. Hier können sich Verschwörungstheoretiker verabreden; vor allem aber bietet das Netz ein alternatives Mediensystem aus einschlägigen Blogs und Infoseiten, durch das sich Truther nächtelang treiben lassen und sich ihr eigenes Weltbild zusammenbasteln.

Statt Gurus gibt es in der Verschwörerszene eine Handvoll bekannter Autoren. Zum Beispiel Norbert Brakenwagen, Moderator der Sendung Time to Do. Sie läuft auf dem Privatkanal TV 5, wo auch der Promi-Esoteriker Mike Shiva und der Rechtsaußen-Politiker Ulrich Schlüer ihr Plätzchen haben. Norbert Brakenwagen, ein Mittfünfziger mit schütterem grauen Haar und Pferdeschwanz, erreicht mit seinem täglichen Talk, in dem Ufologen, Hellseher oder Verschwörungstheoretiker zu Gast sind, nach eigenen Angaben 200.000 Haushalte in der Schweiz.

Früher arbeitete Brakenwagen als Zwischenhändler für Supermärkte und später als Consultant. Ein Schlüsselerlebnis, erzählt er, habe ihn zum Umdenken bewogen: »Ein Mann suchte mich auf; er wollte die Person kennenlernen, die ihn wegrationalisiert und seine Ehe zerstört hatte.« Brakenwagen wurde ein Wahrheitssucher.

Heute arbeitet er immer noch Teilzeit als Berater und verkauft ein seltsames Wunderwasser, die restliche Zeit widmet er seiner Sendung. Obschon er vor allem mit Esoterikern talkt, ist seine Mission eine politische: »Ich mache das für die Zukunft meiner Kinder«, sagt der dreifache Vater und ergeht sich in Kritik am Finanzsystem und der Energiepolitik. Im Gespräch klingt Brakenwagen wie ein globalisierungskritischer Linker, bis er auf das Asylwesen zu sprechen kommt. Er wundere sich, wieso die Asylverfahren so lange dauern und so viele Wirtschaftsflüchtlinge hierbleiben könnten. »Man könnte die Grenze doch elektronisch lückenlos überwachen«, schlägt er vor.

Mit seiner widersprüchlichen Haltung ist Brakenwagen ein typischer Truther. Er vereint ein großes Misstrauen in die Politik mit einer guten Portion Naivität und der Gewissheit, es besser zu wissen als alle anderen.

Das Schweizer Parlament wähnt der TV-Scharlatan in der Hand finsterer Lobbyisten. Trotzdem, versichert er, lade er auch immer wieder Politiker ein: »Aber die wollen einfach nicht kommen.« So werden seine Sendungen – gedacht als Gegenprogramm zu den »gleichgeschalteten Mainstream-Medien« – zum eintönigen Gottesdienst. Eine Debatte zwischen Brakenwagen und seinen Gesprächspartner entsteht nie, elegant umschifft er mögliche Differenzen. Auch auf den einschlägigen Blogs der Truther gibt es kaum Widerspruch, höchstens in der Kommentarfunktion.