Sie bestätigen sich am liebsten gegenseitig in ihren schwurbeligen Irrlehren.

Fragt man Thomas Gasser und seine Mitstreiter, wer denn nun die Illuminaten und Freimaurer seien und wie sie ihre Weltherrschaft organisieren, kriegt man keine konkreten Antworten. Eine klare Weltsicht gibt es bei den Truthern ebenso wenig wie ein eigentliches Gegenprogramm zur bestehenden Wirtschaftsordnung. Truther zu sein ist mehr Gefühl als eine Position; das Gefühl, angelogen zu werden und dem Lauf der Weltgeschichte entgegenzustehen. Der Psychologe und Sektenforscher Dieter Sträuli vergleicht die Truther denn auch mit einem »Haufen Atome, die im Internet umhergeistern, sich verklumpen und sich wieder auflösen.« So gibt es in der Truther-Szene kaum Hierarchien und keine Ausübung von Druck gegen Mitglieder.« Deshalb kann man die Truther keineswegs mit Sekten vergleichen«, sagt Sträuli.

Eine Fabrikhalle in Thun an einem lauen Septemberabend. Über Hundert junge Männer, manche mit Freundinnen im Schlepptau, haben sich eingefunden. Thomas Gasser ist nervös. Er bittet den Mann auf die Bühne, dessentwegen die Zuschauer gekommen sind: Daniele Ganser.

Der eloquente Enddreißiger präsentiert in den nächsten zwei Stunden unterhaltsam und routiniert seine Zweifel an der 9/11-Theorie. Er spricht vom dritten Wolkenkratzer, der einstürzte, im offiziellen Report aber nicht erwähnt wird, und von Börsentransaktionen mit United-Airlines-Aktien kurz vor den Terroranschlägen.

Daniele Ganser ist kein Truther. Er ist Akademiker, und er ist vom Fach. Als am 11. September 2011 die Flugzeuge in das World Trade Center krachten, schrieb er an seiner Doktorarbeit über inszenierten Terror und Geheimarmeen der Nato. 2006 hinterfragte Ganser erstmals öffentlich, ob es tatsächlich Osama bin Laden sei, der hinter den Anschlägen steckte. Die Medien jaulten auf, die Fachkollegen watschten Ganser öffentlich ab. In der Uni-Hierarchie ist er seither nicht mehr aufgestiegen, dafür hat er ein eigenes Friedensforschungsinstitut gegründet – und er ist gern gesehener Redner bei den Truther-Veranstaltungen.

Der Historiker bewegt sich auf dem schmalen Grat, der einen Verschwörungstheoretiker von einem kritischen, aber mit Evidenz arbeitenden Historiker trennt. Selbst versichert er, ihm gehe es nur darum, Fragen zu stellen. Das unterscheide ihn von den meisten Truthern, die von einer Verschwörung überzeugt seien. »Ich weiß nicht, was am 11. September passiert ist«, sagt Ganser, er fordere nur eine neue Untersuchung.

Mit ihm tun dies einige linke Schweizer Parlamentarier. Der Grüne Geri Müller, auch er hat eine entsprechende Onlinepetition unterschrieben, sagt, es gebe noch mehr Politiker, die Zweifel an der offiziellen Version von 9/11 hätten, aber sie wollten nicht dazu stehen. »Sobald man sich in dieser Sache äußert, ist man gebrandmarkt«, sagt er. Und das fördere das Misstrauen in die Politik. »Wenn man zu gewissen Themen nicht einmal Fragen stellen darf, stimmt etwas nicht.«