Der Alte hebt sein Rotweinglas und holt Luft. Um ihn herum wird es still. Manchmal zitiert er Adorno, aber jetzt spricht der Gewerkschaftsveteran in Gleichnissen. »Tunesiens Geschichte war früher wie ein Kamel, das langsam durch die Wüste trottete«, sagt er. »Wir Tunesier hatten großen Durst, doch das Kamel fand die Oase nicht. Aber seit der Revolution rast das Tier wie verrückt voran, wir kommen kaum hinterdrein und wissen nicht, wohin es will. Will es überhaupt irgendwohin?« – Der Alte prostet einem Mann mit Krawatte zu. Der nickt und versucht, den Sinn des Gesagten zu erfassen. Ja, wohin rennt Tunesien? Wird es ein Gottesstaat?

»Tunesien bleibt tolerant«, sagt der Mann mit dem Schlips, »das ist unsere Kultur.« Er ist Postbeamter, heißt Kamel Jouini, und man kann mit ihm gut um die Häuser ziehen. Etwa in die verrauchten bars populaires, in denen sich das Volk trifft, Männer und auch Frauen; »die da hinten«, sagt Kamel, »heißt zum Beispiel Islam, trinkt aber ihren Wein.« Kamel ist gläubiger Muslim, wie fast alle Tunesier. Sein Haus steht neben einer Moschee, an den Muezzin hat er sich gewöhnt. »Aber seit ein paar Wochen haben sie die Lautsprecher extrem laut gedreht«, sagt Kamel. Er hat sich ein Messgerät beschafft, 80 Dezibel gemessen, sodann die einschlägigen Rechtsvorschriften durchgearbeitet, um schließlich mit einer Petition von Haus zu Haus zu gehen. »In unserer Moschee haben sich Salafisten festgesetzt«, sagt Kamel, »die übernachten da sogar. Und als Jugendliche im Viertel Randale machten, haben sie die noch angefeuert. Überall war Tränengas, auch in unserem Haus!«

Kamel ist ein tapferer Mann. Schon unter der Diktatur ließ er Petitionen kursieren. Als Ben Ali das Land verließ, organisierte er den Widerstand seines Wohnviertels gegen die Milizen der Konterrevolution. Außerdem hat Kamel einen sicheren Blick für Ungerechtigkeit. Deshalb wird er, der korrekte Musterbeamte, für die dezidiert linke »Volksfront« stimmen, wenn im kommenden Jahr wieder gewählt wird: »Das sind die Einzigen, die von der Wirklichkeit reden, von Arbeitslosigkeit und Inflation.«

Die Revolution hatte als soziale Revolte des verarmten Binnenlands begonnen. Sie wurde zur Revolution, als sich das Bürgertum hinzugesellte, insbesondere dessen junge, mit Facebook bewaffnete Avantgarde. Die herrschenden Clans erkannten, dass Ben Ali und seine kleptokratische Familie nicht mehr zu halten waren, und schickten ihn in die saudi-arabische Wüste. Das war am 14. Januar 2011. Anschließend übernahmen Verbliebene des Ancien Régime die Staatsmacht, womit sich der Großteil der Bessergestellten durchaus abgefunden hätte – wenn nicht ein Aufschrei durchs Volk gegangen wäre. Protestkarawanen aus allen Landesteilen strömten in die Kasbah von Tunis, bis sich das Bürgertum ein weiteres Mal den Armen anschloss. So wurden zwei Regierungsumbildungen erzwungen sowie die Wahl eines Verfassungskonvents. Das Volk wählte am 23. Oktober 2011. Und seither?

Nichts. So ist es landauf, landab in Tunesien zu hören. Keine neue Verfassung, keine Reform der Polizei, keine Sozialreformen, nur dass die islamistische Partei Ennahda, die eine erdrückende Macht in der Koalitionsregierung ausübt, ihren Leuten Posten zuschanzt. Da regt sich Unmut. In der vergangenen Woche entlud er sich in der kleinen Provinzstadt Siliana: Generalstreik, Massendemonstrationen, tagelange Konfrontation mit der Polizei. Die schoss mit Schrot in die Menge.

Die Euphorie der Revolution ist vorbei. An ihre Stelle ist Enttäuschung getreten, Bitterkeit und kalter Zorn. Etwa im Südwesten, dort, wo Phosphat abgebaut wird. Der Gewinn der staatlichen Phosphatgesellschaft fließt seit je in die privilegierten Regionen des Landes. Reinvestiert wird nur, wo es dem Bergbau nützt; ansonsten sind Wirtschaft, Infrastruktur und Umwelt des Südwestens in beklagenswertem Zustand; fast alle jungen Leute sind arbeitslos. In dieser Region, halb Steppe und halb Wüste – und manchmal Tagebaugebiet –, liegt Moulares, Stadt gewordene Trostlosigkeit. Was ist hier Müllhalde, was Ruine, was Wohnhaus? Schwer zu sagen. Das da hinten ist jedenfalls das Haus, in dem die Eltern von Ali Issaoui wohnen. Der junge Rechtsanwalt, der in der benachbarten Provinzhauptstadt Gafsa praktiziert, hat ein paar Geldscheine mitgebracht. Alis 74-jähriger Vater war Bergmann und ist nun bettlägerig, hat kürzlich einen Schlaganfall erlitten; »hier gibt es keinen Arzt, der sich auskennt«, sagt Ali. Hinter dem Haus türmt sich ein anthrazitfarbener Phosphatberg. Durch alle Ritzen kriecht Staub. »Wir wissen nicht, wie giftig das Wasser und die Luft sind«, sagt Ali, »niemand bezahlt Studien. Aber es gibt überall Fälle von Lungen-, Leber- und Nierenkrebs.«