VerkehrMehr Watte im Fahrplan
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Autos: Entschleunigt durch Verstopfung

Das Phänomen kennen viele Autofahrer: Ich habe es eilig, brettere die Autobahn runter, überhole rechts, hole alles aus der Kiste raus. Und nach 300 Kilometern ist der Tank leer. Während das Benzin gluckert, ich mir eine Currywurst gönne und noch eine rauche – fahren alle am Rastplatz vorbei, die ich in der letzten Zeit überholt habe. Selbst der gelbe Laster mit dem schwarzen Elefanten drauf, den ich noch von der Abfahrt Göttingen kenne.

Ein Porsche 911 Turbo S muss, wenn man ihn ordentlich tritt, zwischen Hamburg und München dreimal tanken. Ein geruhsam bewegter Golf eventuell gar nicht. Maximales Tempo, maximaler Stress, Spitzenverbrauch, hohe Kosten – und dann ist man womöglich nicht mal der Schnellste!

Es gibt nicht viele Gelegenheiten, in denen es so leicht ist, gleichzeitig zu sparen und ein guter Mensch zu sein. 100 statt 160 km/h bedeutet ja nicht nur eine Halbierung des Energieverbrauchs und der Kosten, sondern auch der Umweltbelastung, von Nerven und Unfallgefahr nicht zu reden. Da müsste sich doch angesichts der Spritpreise der automobile Individualverkehr von selber entschleunigen!

Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Der ADAC hat mal untersucht, wie sensibel Autofahrer auf einen höheren Literpreis reagieren. 40 Prozent kümmern sich partout nicht ums Geld.

Dass der Autoverkehr de facto doch kontinuierlich entschleunigt wird, hat eher andere Ursachen. Der Güterverkehr auf der Straße nimmt enorm zu, die rechte Fahrbahn ist meist mit Lkw besetzt. Außerdem hat die Stauforschung erkannt, dass ein Stau besonders oft entsteht, wenn die Autos sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben. Darum werden »Verkehrsbeeinflussungsanlagen« gebaut und Tempolimits beschlossen, nicht nur auf der Autobahn. In Berlin, wo innerstädtisch an manchen Orten bereits Tempo-10-Zonen entstehen, ist die Durchschnittsgeschwindigkeit heute 25 km/h. Busse schaffen nicht mal mehr 20 km/h.

Parallel entsteht eine Entschleunigungskultur. Dazu gehören Menschen, die ihr Navigationsgerät nicht mehr nach dem schnellsten Weg suchen lassen, sondern nach dem kürzesten über abenteuerliche Strecken. Dabei verprassen sie Zeit. Und die Kunden der Aagland-Manufaktur im oberfränkischen Pottenstein schnurren mit minimal motorisierten Kutschen im Schritttempo durch Wald und Wiesen. Motto: »Luxus der Langsamkeit«. Nicht zu vergessen Hannes Langeder, Österreicher, Künstler. Er hat einen Ferrari gebaut, der einen Fahrradantrieb hat (Fahrradi Farfalle FFX). Sein Credo: »Entschleunigung im Gewand der nahezu grenzenlosen Schnelligkeit«.

Flugzeuge: Bummelflug mit Propeller

Flugzeuge können nicht langsam fliegen, sonst fallen sie runter. Aber man könnte sie ein bisschen entschleunigen. Immerhin machen die Energiekosten bis zu einem Drittel der Betriebsausgaben der Airlines aus. Aber die sparen lieber anders: fliegen segelnd das Ziel an; suchen günstige Strömungen; bauen sparsame Triebwerke ein wie gerade beim A320, der dann 15 Prozent weniger Kerosin braucht. Oder entwickeln gleich neue Flugzeuge.

Dass Fliegen eher nicht entschleunigt wird, hat viele Gründe. Fliegen als ultimative Überwindung des Raumes ist ja zunächst der Inbegriff des eiligen Vorankommens. Die Idee des langsameren Jettens führt bei einer Firma wie Lufthansa zu pikierter Irritation. Doch die Passagiere sehen das ähnlich, wenn auch aus einem anderen Grund: die Enge, der Zwang, sitzen zu bleiben – jeder Flug soll möglichst schnell vorbei sein. Daneben gibt es betriebswirtschaftliche Gründe dafür, aufs Tempo zu drücken. Die Arbeitszeit der Crew kostet. Mit sinkender Geschwindigkeit muss der Passagier länger im Flugzeug bleiben, spielt also weniger Geld pro Minute ein. Flögen viele langsamer, müssten mehr Flugzeuge unterwegs sein. Das würde den Luftraum noch mehr verstopfen.

Lediglich regionale Airlines reden über Spritsparen durch Langsamfliegen. Wie die neue österreichische Fluglinie Greenair. Sie will billiger und umweltgerechter fliegen mit langsameren Turbopropmaschinen. Nachteil: Sie sind lauter als Düsenflugzeuge.

Propellerflugzeuge erinnern an die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals verkehrten die langsamen Maschinen noch auf Kurzstrecken wie zwischen Hamburg und Frankfurt. Heute haben sich fast überall schnelle Düsenflugzeuge durchgesetzt. Doch die Flugzeit hat sich nicht verändert. Grund: Die Flugrouten sind länger geworden. »Wir fliegen über Europa zickzack«, sagt Peter Schneckenleitner von Lufthansa. Auf Kurzstrecken sei man darum kaum schneller geworden. Das Gedrängel im europäischen Luftraum erfordert diese strikte Reglementierung. Auch eine Form der Entschleunigung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • Taranis
    • 19. Dezember 2012 19:24 Uhr

    Ich finde das Wort Entschleunigung sollte zum Unwort des Jahres erhoben werden. Denn selbst wenn der Autor das Word noch weitere zwanzig Mal in seinem Artikel erwähnt hätte, würde es irgendwie nicht besser werden. Viel mehr hinterlässt es den faden Eindruck, daß einem der geneigte Leser schon glauben wird, wenn man sich nur oft genug wiederholt.
    Allzudeutlich hat der Artikel nur aus allen Poren geglitzert, daß in den meisten Fällen nicht "Geschwindigkeit gespart" wird, weil die "Entschleunigung" so angenehm ist, sondern einfache finanzielle Interessen zugrunde liegen oder ein paar Luxusinteressen. Von einer wirklichen Kultur kann keine Rede sein.

    Rum wie num, würde jeder Abiturien für einen Aufsatz mit derartig übertriebener Wortwiederholung eine eher schlecht Note kassieren. Im Journalismus scheinen solche kleinlichen Prinzipien nicht mehr zu gelten.

    3 Leserempfehlungen
  1. auf der Autobahn, musste ich sofort denken wie schade für so ein Auto, der stand im Stau genau wie ich...und stunden lang...(ich fahre für die Firma im Außendienst ein Golf Variant)...

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    Ehrlich gesagt, ist mit etwas Luxus (Sitze, Sound, Klima) im Stau immer noch angehmer, als mit der Holzklasse im Stau zu stehen.

    • Mari o
    • 20. Dezember 2012 1:37 Uhr

    nicht zu erkennen,wann etwas garnicht mehr geht.
    Vor 50 Jahren war das noch was:so´n Schlitten zu fahren.
    Heute wirkt das nur noch krampfig und lächerlich.
    und wenn hoffentlich bald alles nur von Maschinen gemacht wird
    wird man auch wieder zügiger von a nach b kommen.

    http://wissen.dradio.de/v...

  2. Wenn man sich die Modellpolitik der Autohersteller so ansieht, dann stellt man doch fest, dass immer leistungsstärkere Motoren verbaut werden. Einen grundsoliden Geschäftswagen-Audi A6 bekomme ich mit V6-Diesel und 313 PS, wenn ich denn möchte. Ein Audi A1 (Polo-Klasse) ist auch mit 140 PS-Motor erhältlich, für einen Kleinwagen schon eine enorme Leistung. Die Statistik straft diesen Artikel ebenfalls lügen. Soweit ich weiß, beträgt die durchschnittliche PS-Zahl eines Neuwagens im Moment um die 130 PS, eine immense Steigerung in den letzten 20 Jahren.

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    • rjmaris
    • 19. Dezember 2012 21:50 Uhr

    Es geht nicht darum, dass Pkw's tatsächlich leistungsfähiger sind; genannt wurden "Bremsfaktoren" wie staus, zugenommener Lkw-Verkehr und vor allen Dingen Zeitverlust weil bei agiler Fahrstil öfters getankt werden muss.

    Ich kann noch mehr nennen: das High-PS-Auto ist teurer. Sie müssen dafür mehr Arbeitszeit aufwenden, um es zu kaufen. Das ist eines der Gründe, weshalb Ivan Illich in 1983 sagen kann, dass ein Pkw (damals) effektiv max. 10 km/stunde schafft. Weniger als ein Fahrrad. Nach heutiger Berechnung käme man vielleicht auf 25 km/Std. Aber lesen Sie mal genau, was er damals schrieb - siehe nächster Beitrag.

    Aus: Ivan Illich, Forschrittsmythen, betreffendes Kapitel als PDF abrufbar:
    www.pudel.uni-bremen.de/p...

    • rt
    • 20. Dezember 2012 19:45 Uhr

    Die kapieren das erst, wenn sie auf den Boliden sitzen bleiben.

    • rjmaris
    • 19. Dezember 2012 21:50 Uhr

    Es geht nicht darum, dass Pkw's tatsächlich leistungsfähiger sind; genannt wurden "Bremsfaktoren" wie staus, zugenommener Lkw-Verkehr und vor allen Dingen Zeitverlust weil bei agiler Fahrstil öfters getankt werden muss.

    Ich kann noch mehr nennen: das High-PS-Auto ist teurer. Sie müssen dafür mehr Arbeitszeit aufwenden, um es zu kaufen. Das ist eines der Gründe, weshalb Ivan Illich in 1983 sagen kann, dass ein Pkw (damals) effektiv max. 10 km/stunde schafft. Weniger als ein Fahrrad. Nach heutiger Berechnung käme man vielleicht auf 25 km/Std. Aber lesen Sie mal genau, was er damals schrieb - siehe nächster Beitrag.

    Aus: Ivan Illich, Forschrittsmythen, betreffendes Kapitel als PDF abrufbar:
    www.pudel.uni-bremen.de/p...

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    • rjmaris
    • 19. Dezember 2012 21:53 Uhr

    Der typische amerikanische Mann widmet seinem Auto mehr als 1 600 Stunden im Jahr. Er sitzt darin, während es fährt und während es stillsteht. Er parkt es und sucht es wieder auf. Er verdient das Geld, um dafür eine Anzahlung zu leisten und die monatlichen Raten zu bezahlen. Er arbeitet, um das Benzin, das Wegegeld, die Versicherung, die Steuern und die Strafzettel zu bezahlen. Er verbringt vier seiner sechzehn wachen Stunden auf der Straße oder damit, die Mittel für den Betrieb des Autos zu beschaffen. Diese Zahl beinhaltet nicht einmal die Zeit, die für andere, durch den Transport diktierte Aktivitäten aufgeht: die Zeit, die man im Krankenhaus, vor dem Verkehrsrichter oder in der Werkstatt ver-
    bringt; die Zeit, die man damit verbringt, die Automobilreklame zu studieren oder sich beraten zu lassen, um das nächste Mal einen besseren Kauf zu tätigen. Die Gesamtkosten von Autounfällen und vom Universitätsbetrieb sind fast überall in der gleichen Größenordnung und steigen mit dem Sozialprodukt an. Aber noch aufschlußreicher ist der Zeitraub durch Verkehr: Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1 600 Stunden auf, um sich 7 500 Meilen fortzubewegen: das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde.

    • rjmaris
    • 19. Dezember 2012 21:53 Uhr

    Der typische amerikanische Mann widmet seinem Auto mehr als 1 600 Stunden im Jahr. Er sitzt darin, während es fährt und während es stillsteht. Er parkt es und sucht es wieder auf. Er verdient das Geld, um dafür eine Anzahlung zu leisten und die monatlichen Raten zu bezahlen. Er arbeitet, um das Benzin, das Wegegeld, die Versicherung, die Steuern und die Strafzettel zu bezahlen. Er verbringt vier seiner sechzehn wachen Stunden auf der Straße oder damit, die Mittel für den Betrieb des Autos zu beschaffen. Diese Zahl beinhaltet nicht einmal die Zeit, die für andere, durch den Transport diktierte Aktivitäten aufgeht: die Zeit, die man im Krankenhaus, vor dem Verkehrsrichter oder in der Werkstatt ver-
    bringt; die Zeit, die man damit verbringt, die Automobilreklame zu studieren oder sich beraten zu lassen, um das nächste Mal einen besseren Kauf zu tätigen. Die Gesamtkosten von Autounfällen und vom Universitätsbetrieb sind fast überall in der gleichen Größenordnung und steigen mit dem Sozialprodukt an. Aber noch aufschlußreicher ist der Zeitraub durch Verkehr: Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1 600 Stunden auf, um sich 7 500 Meilen fortzubewegen: das sind weniger als fünf Meilen pro Stunde.

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  3. Für mich ist der Artikel schlüssig!
    Zum Glück haben wir diesen Transrapid zu Grabe getragen. Ein Rohrkrepierer ohnegleichen wäre das geworden.

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    • Marobod
    • 19. Dezember 2012 23:35 Uhr

    die man mit mehr geschwindigkeit aufwenden will exponentiell kleiner. Am Ende kann man zwar 250 km/h fahren, spart dabei aber vielleicht nur noch 10 Minuten.

    bei konstanter Geschwindigkeit wohlgemerkt.

    der Zielort ist 60 km weit entfernt.

    fahren wir 60 km/h logischerweise 1std fahrtzeit
    fahren wir 120 km/h ist die Zeit bei 30 Minuten
    nun mueßte man dann also 240 km/h fahren um in einer viertel Stunde anzukommen. und so weiter das rechnet sich doch nicht mehr , und dennoch rasen die meisten auf den Autobahnen an mir vorbei als gaebs kein morgen mehr, nur um dann am Ende in der Zielstadt neben mir an der Ampel zu haengen ... Da fragt man sich, wer war jetzt schneller?

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  4. Ehrlich gesagt, ist mit etwas Luxus (Sitze, Sound, Klima) im Stau immer noch angehmer, als mit der Holzklasse im Stau zu stehen.

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    Der Golf Variant ist ja fast wie ein LKW ;)...und als der Stau sich auflöste flog der Maserati regelrecht...schönes Auto...

    Gruß
    PGDR

    • Zeugma
    • 20. Dezember 2012 8:48 Uhr

    Das kann ich nachvollziehen. Nur sehe ich leider nicht, dass der Komfort im Wagen oberstes Entwicklungsziel der Autohersteller wäre.

    Es geht in erster Linie immer noch um die fahrdynamische Performance, also Speed und Beschleunigung.

    Mir würden in der E-Klasse von MB auch 100 PS allemal reichen. Schneller als Tacho 130 fahre ich nie. Wenn ich den dicken Motor für eine starke Geräuschdämmung inkl. noch besser isolierter Scheiben tauschen könnte und dazu noch eoine exellente Kommunikationselektronik* - ich würde sofort tauschen.

    Außerdem wäre es schön, wenn meine Mitfahrer hinten nicht wie hinter Schießscharten eingekerkert hocken müssten ... aber auch hier ist die (optische) Dynamik wichtiger als der Komfort.

    * Zugegeben: Das gibt es in gewisser Annäherung oben auf zu kaufen, aber eben als Add-on zu dem Leitmerkmal großer/ starker Motor.

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