VerkehrMehr Watte im Fahrplan

Die effektivste Beschleunigungsmaschine der Welt bremst sich selber aus: Der Verkehr wird langsamer. von 

Wenn das Wort Beschleunigung physikalisch und sozial irgendwo einen Sinn ergibt, dann im Verkehr. Schon die Idee des Rades birgt den Gedanken einer schnelleren als der menschlichen Bewegung. Und welches Verkehrsmittel man auch betrachtet – Schiff, Bahn, Auto, Flugzeug –, jeder Fortschritt bedeutete in erster Linie mehr Tempo. Heute fährt der für die Straße zugelassene Bugatti Veyron 407 Kilometer pro Stunde. In China erreicht ein Personenzug 420 km/h. Die Spirit of Australia durchpflügt das Wasser mit über 500 km/h. Und die Concorde...

Das Flugzeug, das mit Mach 2,23 (2.405 km/h) fliegen konnte, stürzte am 25. Juli 2000 ab. Ein Menetekel? Ein Symbol für das Ende der globalen Beschleunigung der Welt? Heute gibt es einige Beweise und viele Zeichen, dass tatsächlich im Verkehr so etwas wie eine Entschleunigung passiert. Als trete jemand auf die ganz große Bremse.

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Schiffe: Sanfter dampfen

Gemütlich puckert das Containerschiff am Horizont entlang. Plötzlich verfinstert sich der Himmel. Schwarze Wolken steigen auf. Krieg? Feuer an Bord? Keineswegs. Es handelt sich um eine Routinemaßnahme, vom Motorenhersteller vorgeschrieben. Ruß abfackeln nennt man das. Dauert eine Stunde, dann ist wieder einen Tag Ruhe.

Abfackeln für die Entschleunigung: Das nicht sehr umweltfreundliche Entrußen ist Teil einer globalen Strategie – Treibstoffsparen durch Langsamfahren. In der Schifffahrt ist die Langsamkeit ein ganz großes Thema.

Seit Jahren steckt die Schifffahrtsbranche in einer Krise. Es gibt zu viele Schiffe, die Frachtraten sind im Keller, und die Bunkerkosten, also die Ausgaben für den Treibstoff, klettern in schwindelerregende Höhen. 700 Dollar kostet die Tonne jetzt. Im vergangenen Jahr waren es dreißig Prozent weniger. Da die Bunkerkosten rund 45 Prozent der Betriebskosten ausmachen, ist der Energieverbrauch das heißeste Thema der Branche.

Vor vier Jahren wurde begonnen, die Schifffahrt zu entschleunigen. Slow steaming lautet die Devise. Wie beim Auto gilt: Wer langsam fährt, hat mehr vom Sprit. Doch weil langsames Dampfen für den Schiffsmotor ähnlich ist wie untertouriges Bergauffahren für den Automotor, verschlechtert sich die Verbrennung. Die Maschine verrußt. Und dann muss man abfackeln.

Aber das Einsparpotenzial ist so fantastisch, dass fast alle mitmachen. »Fährt man mit 80 Prozent der Höchstgeschwindigkeit, spart man 40 Prozent der Brennstoffkosten«, sagt Jan-Henrik Hübner vom Germanischen Lloyd, mit dessen Tochter FutureShip er die Schifffahrt zu Fragen der Brennstoffeffizienz berät. Auf einer 20-tägigen Reise könne ein entschleunigtes Schiff über eine Million Dollar einsparen. Dabei heißt langsam: 18 bis 20 Knoten (33–37 km/h) statt früher 25 Knoten (46 km/h). Sogar super slow steaming wird ins Auge gefasst – 12 Knoten, 26 km/h. Mofatempo.

Schiffsmotoren sind auf eine Optimalgeschwindigkeit ausgelegt. Langsam fahren macht die Ingenieure unglücklich. Bei den riesigen Zweitaktern funktioniert die Einspritzung nicht mehr recht, den Turboladern fehlt Druck, das System läuft »off design«. Wer nicht alle naslang abfackeln will, muss teuer nachrüsten. Neubauten plant man heute gleich ganz anders. Die neuen Schiffe sind weniger schlank, haben einen anderen Bugwulst und viel größere Propeller.

Die größten Schiffe der Welt, die Triple-E-Klasse der Reederei Maersk (400 Meter lang, 59 Meter breit, Platz für 18.000 Container) sollen 2013 in See stechen. Sie können 17,5 Knoten langsam sein (32 km/h) und so den Spritverbrauch halbieren. Damit sind die neuesten Maersk-Schiffe 2 Knoten langsamer als ihre Vorgänger – Entschleunigung als Fortschritt.

Die Bahn: Puffer einbauen

Seit ihren Anfängen galt die Eisenbahn als Inbegriff des beschleunigten Lebens. 1840 war sie fast sechsmal so schnell wie die Postkutsche – den Zeitgenossen wurde bei 30 km/h schwindelig. 20 Jahre später raste man schon mit 40 km/h dahin, zur Jahrhundertwende waren 100 Sachen erreicht. Heute kann der ICE über 300 Kilometer pro Stunde fahren. Doch von nun an geht’s bergab. Die Nachfolger von IC und ICE, die im Moment noch als ICX bezeichnet werden, sollen von 2017 an rollen – mit bloß 249 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Die Bahn wird langsamer? Kommunikationstechnisch eine verzwickte Situation für das Unternehmen. Immerhin sollte sie noch unter Bahnchef Hartmut Mehdorn der Fliegerei innerhalb Deutschlands mit superschnellen Städteverbindungen Kunden abjagen. Vorfahrt für die Eiligen! Jede Minute zählt! Der deutsche Fahrplan wurde immer dichter, »auf Kante genäht«. Doch die Optimierung auf Tempo führte zu Ärger. Und der Erkenntnis, dass ein sicherer Anschluss wichtiger ist als zehn Minuten Zeiteinsparung zwischen Hamburg und München.

Fast unmerklich hat die Bahn Druck aus dem System genommen. Nun kommt es wieder vor, dass Züge vorzeitig ankommen und fünf Minuten oder länger stehen bleiben. Es wurde mehr »Watte« um die Züge gepackt, wie es bei der Bahn heißt, Zeitzugaben, die Witterungseinflüsse oder Bauarbeiten abpuffern. Beispiel Frankfurt–Fulda (103 Kilometer): 6,3 Minuten Luft im Fahrplan. Von Hamburg nach Berlin ist man heute sechs Minuten länger unterwegs als noch 2009. Auch das Ruhrgebiet ist von Norddeutschland sechs Minuten weiter weggerückt. Und die rasante Verbindung zwischen Hamburg und München wurde auf der Strecke über Nürnberg und Augsburg sogar neun Minuten länger.

Von den paar Minuten merkt der Kunde nur selten etwas. Auch den entschleunigten ICX wird er kaum als langsam erleben. Die seltsame Geschwindigkeitsbegrenzung des entschleunigten ICX auf exakt 249 km/h hat übrigens nicht in erster Linie mit Energiesparen zu tun. Unter einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h fällt ein Zug in eine andere UIC-Kategorie (Internationaler Eisenbahnverband). Er kann dann einfacher gebaut werden und hat weniger strenge Sicherheitsauflagen. Derart abgespeckt, kann der ICX ganz entschleunigt wieder den Hauptkonkurrenten der Bahn ins Visier nehmen: den Pkw.

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