WandernSo weit die Füße tragen

Was passiert auf einer Wanderung von Berlin, Sitz des ZEITmagazins, gen München, Heimat des "SZ-Magazins"? von Moritz von Uslar

Kein Mensch – das ist schon mal gut – käme an diesem Tag darauf, zu Fuß durch Deutschland zu laufen: sechs Grad, Nieselregen. Der Himmel hängt so tief, dass es praktisch keinen Himmel gibt. Alles grau, alles November. In der Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof der Kleinstadt Naumburg, ganz im Süden Sachsen-Anhalts , auf der großen Wanderroute zwischen Berlin und München gelegen, hängen Fototafeln, die den Naumburger Dom und die renovierte Altstadt zeigen. Der Wanderer bleibt stehen, guckt, spricht in sein Olympus-Diktiergerät hinein. In Naumburg kann man Dom und Altstadt schon in der Fußgängerunterführung im Hauptbahnhof betrachten: imposanter Dom, hübsch renovierte Altstadt. Reicht das nicht schon? Ist damit der Job, zu Fuß durch Deutschland zu laufen, nicht schon erledigt?

Um 12.28 Uhr ist der ICE 1599 von Berlin in Naumburg eingefahren. Der Auftrag für mich, den Wanderer , lautet, von Berlin, wo die ZEITmagazin- Redaktion sitzt, nach München, Heimat des SZ-Magazins , zu Fuß zu laufen, aber ich bin ja nicht blöd – kein Mensch kann eine Wanderung von rund 580 Kilometern oder drei Wochen Fußmarsch in seinen Alltag einbauen, der naturgemäß voller Verpflichtungen steckt. Ich habe mich also entschlossen, Konzeptjournalist, der ich bin, die Wanderung symbolisch anzugehen: Statt der 580 Kilometer von Berlin nach München laufe ich ein Teilstück, das genau in der Mitte der Strecke liegt, gewissermaßen die mittleren eineinhalb Zentimeter der auf der Karte zehn Zentimeter langen Strecke. Von Naumburg in Sachsen-Anhalt nach Ludwigsstadt im nördlichsten Zipfel Bayerns sind es knapp einhundert Kilometer, eine Strecke, die der Wanderer in vier Tagen mit ein bisschen Schummeln (Taxi, Regionalexpress) gut bewältigen kann. Der Weg führt quer durch Thüringen , auch »grünes Herz Deutschlands« genannt, durch den Inbegriff eines romantischen und lieblichen deutschen Mittelgebirges, immer an den Ufern des Flusses Saale entlang – Kollegen, die sich mit dem Wandern auskennen, empfehlen den Saale-Radwanderweg , den ich auf drei Vierteln meiner Strecke nicht zu verlassen brauche.

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Drei künstliche Erschwerungen hat sich der Wandersmann auferlegt: Im Rucksack wird kein Proviant, auch keine blöde Trinkflasche mitgeführt (Dursthaben stellt sich der Wanderer als einen interessanten Zustand vor, das andauernde Vieltrinken als ein Imperativ des modernen Lebens wird ausgesetzt). Verboten ist außerdem die Vorabbuchung von Hotels und Pensionen. Übernachtet werden soll an dem Ort und der Stelle, an der um vier Uhr nachmittags die Dunkelheit herunterfällt – das Tasten nach einem Bett in der Dunkelheit der deutschen Provinz stellt sich der Wanderer als gutes Abenteuer vor. Als dritte Erschwerung verzichte ich darauf, eine Karte mitzunehmen: Der Wanderer, der an Weggabelungen einen Plan auffaltet und sich orientiert, der gefällt mir nicht, mein Plan ist, ganz im Gegenteil, beim Laufen die Orientierung zu verlieren, ich möchte vom Weg abkommen, in Sackgassen hineinlaufen, verloren gehen. Ins Nichts hineinlaufen – ganz wunderbare Vorstellung. Ein Kick, eine Besonderheit meiner Strecke besteht natürlich auch darin, dass ich auf meiner Wanderung praktisch zwei Wege gehen werde – den von Norden nach Süden und den von Osten nach Westen: Bis 1989 waren Thüringen und Bayern durch die deutsch-deutsche Grenze geteilt. 22 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist das heute immer noch eine Frage: Gibt’s da noch so etwas wie ein Grenze? In welchem Teil Deutschlands möchte der Wanderer heute lieber laufen und Station machen, im neuen Osten oder im alten Westen?

Naumburg hat allein wegen seines Doms einen guten Ruf: ein echter Touristen-Hit. Mir, Wanderer, muss das leider gleich sein, ich möchte ja keine Altstädte besichtigen, sondern eine Wanderung tun, und hier, in Naumburg, beginnt mein Weg: die immer richtige Ungeduld des Wandersmanns. Gegenüber dem Bahnhof liegt ein in den neunziger Jahren gebauter Kasten mit der Aufschrift Agentur für Arbeit, Bowling Center, Sportsbar. Da steigt ein Mann um die fünfzig, der aussieht wie viele Männer um die fünfzig in Deutschland – Schnauzbart, randlose Brille, gelbe Multifunktionsjacke –, in einen Lieferwagen ein, den spreche ich jetzt gleich mal an: Entschuldigung, aber können Sie mir bitte sagen, wo es hier zur Saale runtergeht?

Leserkommentare
  1. Im Schulaufsatz hätte es geheißen: Thema verfehlt!
    Zu Fuß von Berlin nach München sollte es gehen sowie um das ZEIT-Magazin und die Süddeutsche Zeitung. Nichts davon kommt auf den acht bebilderten Seiten vor. Oder ist das womöglich auch schon spießig, um mit den Worten des Autors zu sprechen, in meinem Wortschatz gibt es dieses Wort nicht, wenn man erwartet, dass sich die Überschrift auf den Text bezieht?
    Es ist wieder einmal ein leider typischer ZEIT-Artikel, die für den gebrauchten Bundesbürger gemacht wird, in dem auf plumpe Art aus Westsicht über den Osten polemisiert wird. Noch nie, und ich habe die ZEIT seit vielen Jahren abbonniert, wurde mir irgendeine Gewohnheit, Fernsehserie, ... aus der Alt-Bundesrepublik erklärt. Stattdessen werden immer wieder, die für jeden im Osten Aufgewachsenen täglichen Selbstverständlichkeiten und kleinen Dinge bis ins Detail ausgewalzt, damit auch jeder Alt-Bundesbürger folgen kann.
    Auch dieser Artikel ist wieder besonders tendentiell. Das Saalewasser ist braun, der Osten grau, nass, dunkel. Das beste Gasthaus wird von einer Pfälzerin geführt, natürlich.
    Was wollte der Autor eigentlich mit diesem Artikel bezwecken? Eine Frage, die ich mir bei vielen Dingen stelle und dabei vergesse, dass Geld verdienen der Zweck in der westlichen Gesellschaft ist.

    9 Leserempfehlungen
  2. Der Beginn des Artikels ist schon erschreckend: Wanderung durch Deutschland, die aber aus Zeitmangel nicht durchgeführt werden kann und deshalb durch Züge und Taxis realisiert wird und natürlich - als Ausgleich, wenn man sich doch bewegt - ohne Lebensmittel oder eine Karte. Es soll ja dann doch irgendwie unangenehm sein. Also geht es los durch die Niederungen des Ostens. Wo es grau ist (im November!), die Leute Sternburg trinken (als ob Hansa oder Schultheiß besser wären!) und die Leute feindliche Blicke haben (gehen sie mal in Menden im Sauerland in einen Gasthof und bestellen um 21:00 was zu essen!). Und dann natürlich: "Da lehnen vier Ost-Cowboys am Tresen". Hier habe ich aufgehört zu lesen.

    Was hat dieser Schund in der ZEIT zu suchen?

    7 Leserempfehlungen
  3. mutiert zum ICE-Fahrer, wagt sich auf Kurzstrecken ohne Gepäck und droht in der dichtbesiedelten Mitte Europas verlorenzugehen, um endlich auf ebener Straße umzufallen.
    Ungeachtet der Verletzung legt er noch ein paar DDR-Plattitüden hin und erreicht hoffentlich bald seinen Westen.

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    Na ja ...

    Gähn ...

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

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    ... ändert nichts daran, daß M.H. vollkommen recht hatte: Dieser Text ist der Zeit – gleich welcher Ausprägung – nicht würdig. Man stelle sich vor: Dieser Schreiber hat 2012 den Fontane-Preis bekommen. Nur gut, daß Fontane das nicht mehr mitbekommen hat. Man denke nur an die "Wanderungen ..." und vergleiche sie mit der hier abgelieferten textlichen Non-Entität. Hätte man halt den Büscher gefragt. Der kann beides: Langstreckenwandern und gut(!) darüber schreiben.

  5. ... ändert nichts daran, daß M.H. vollkommen recht hatte: Dieser Text ist der Zeit – gleich welcher Ausprägung – nicht würdig. Man stelle sich vor: Dieser Schreiber hat 2012 den Fontane-Preis bekommen. Nur gut, daß Fontane das nicht mehr mitbekommen hat. Man denke nur an die "Wanderungen ..." und vergleiche sie mit der hier abgelieferten textlichen Non-Entität. Hätte man halt den Büscher gefragt. Der kann beides: Langstreckenwandern und gut(!) darüber schreiben.

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    Antwort auf "[...]"
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    Warum ist der Text der Zeit nicht wuerdig? DAS ist Deuschland pur, wie es lebt. Auch wenn der Gutmenschveristertebildungsbuergerauf beamtenposten jezt auf-jault, Das ist Deuschland

  6. ... den das Zeit-Magazin hier seinen Lesern entgegenbringt, der allerdings eher als Zumutung zu begreifen ist, war meine Anmerkung höchst distinguiert.

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  7. Warum ist der Text der Zeit nicht wuerdig? DAS ist Deuschland pur, wie es lebt. Auch wenn der Gutmenschveristertebildungsbuergerauf beamtenposten jezt auf-jault, Das ist Deuschland

    Antwort auf "Das Löschen ..."
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    ... müssen's ja wissen ;-)

    Die Kritik hier zielt allerdings weniger auf die beschriebenen "Zustände" ab, als vielmehr auf den Etikettenschwindel in diesem Beitrag und auf seinen inköhärenten, schlechten Schreibstil, und nicht zuletzt auch auf den geguttenbergten und dabei noch wahrheitswidrigen Titel desselben.

  8. ... müssen's ja wissen ;-)

    Die Kritik hier zielt allerdings weniger auf die beschriebenen "Zustände" ab, als vielmehr auf den Etikettenschwindel in diesem Beitrag und auf seinen inköhärenten, schlechten Schreibstil, und nicht zuletzt auch auf den geguttenbergten und dabei noch wahrheitswidrigen Titel desselben.

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    Antwort auf "ja so isses"

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