Der weiße Mann muss endlich erwachsen werden, schreibt Marcia Pally. © IS2 / photocase.com

Die Niederlage der Republikaner bei der jüngsten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten beweist: Der weiße Mann ist tot. Gut so, schmeißt die Mistkerle raus! Wir haben ihnen nichts als Krieg, Kolonialismus, Rassismus und Ausbeutung zu verdanken.

Aber was ist mit Sokrates und Platon? Haben sie nicht etwas Wertvolles geleistet? Seien wir mal ehrlich: Griechen sind eher dunkelhäutig und können gar keine Weißen sein, das merkt man an ihrer Disziplinlosigkeit in der Euro-Krise. Außerdem leben sie ganz in der Nähe von Afrika. Was ist mit Jesus? Der war Jude, also auch nicht richtig weiß. Dante, Michelangelo, Galileo – all die Renaissance-Typen waren dunkelhäutige Italiener. Die Briten? Die einzigen Herrscher, die etwas taugten, waren Elizabeth und Victoria, also Frauen. Kant saß irgendwo in Königsberg, gleich bei den Mongolen. Die Amerikaner? Kommen aus England, Italien, Griechenland und Russland... Können die französischen Dekonstruktivisten vielleicht als Entschuldigung für den weißen Mann herhalten? Wohl kaum.

Nichts von Wert wurde jemals vom weißen Mann erschaffen. Gut, dass er einer aussterbenden Spezies angehört. Bis 2050 wird er nur noch 47 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachen. Die Republikaner sollten die Geschäfte lieber an den schwarzen Mann übergeben. Oder an den braunen: Die Hispanics sind die Gruppe, die am schnellsten wächst. Bis 2050 werden sie 30 Prozent der Bevölkerung stellen. Ohne sie wird kein Präsident ins Weiße Haus einziehen.

Man muss allerdings bedenken, dass die Amerikaner nicht nach ethnischen Kriterien abstimmen. Entscheidend ist auch nicht die Religion: Bei der letzten Wahl traten zwei katholische Vizepräsidentschaftskandidaten mit sehr unterschiedlichen politischen Vorstellungen an. Die Amerikaner wählen den Kandidaten, der ihre Sicht auf die Welt am besten vertritt.

Und wie sehen braune Männer die Welt? Genauso wie weiße Männer. Sie haben doch nicht 6.000 Jahre lang gewartet, um am Ende ohne Macht und ohne Geld dazustehen. Al Cardenas, ein Latino von der Amerikanischen Konservativen Union bringt es auf den Punkt: Zwischen Hispanics und (weißen) Republikanern werde gewiss keine »philosophische Schlacht« ausgefochten. »Die Themen Staatsabbau, niedrige Steuern, mehr Freiheit und weniger Regulierung sind für Hispanics genauso attraktiv wie für alle anderen«, sagte er.

Harte Arbeit, Fairness, Eigenverantwortung – daran glauben weiße Männer, seit die Pilgerväter 1620 am Plymouth Rock an Land gingen. In ihren Augen sind das die Tugenden, die das amerikanische Spiel am Laufen halten. Und in den Augen der Einwanderer sind es dieselben Tugenden, mit denen sie sich ins amerikanische Spiel bringen können.

Seit Mitt Romney die Wahl verloren hat, hören wir dauernd, die Republikaner müssten ihre Ideologie vom kleinen Staat aufgeben. Was für ein Quatsch! Sie müssen dieselben Werte vertreten, die sie schon immer vertreten haben. Die Leute stehen darauf. Im Wahlkampf gaben 51 Prozent der Amerikaner an, der Staat sei zu mächtig. Und trotz der Rezession fanden nur 43 Prozent, der Staat solle mehr tun.

Der weiße König ist tot! Lang lebe der braunweiße König! Und die Königin: Niemand kann mir erzählen, dass Condoleezza Rice, Amerikas ehemalige Außenministerin, die schwarze Starmoderatorin Oprah Winfrey oder Hillary Clinton wirklich anders ticken als die (weißen) Männer.