ZeitwahrnehmungWie wir ticken

Ein Organ für die Zeitwahrnehmung gibt es nicht. Darum lässt sich unser Zeitgefühl so leicht manipulieren. von 

Um herauszufinden, wie unser Körper tickt, wurden in den sechziger Jahren Freiwillige wochenlang in einen unterirdischen Bunker gesperrt. Zwar durften sie elektrisches Licht anschalten, doch vom natürlichen Tag-Nacht-Wechsel bekamen sie nichts mit. Es fehlte also jeglicher äußere Taktgeber. Dennoch liefen die biologischen Funktionen der Probanden im gewohnten Rhythmus weiter: Temperaturschwankung, Urinausscheidung, Schlafperioden – alles im Takt.

Allerdings ließen sie sich ein bisschen mehr Zeit. Nicht mehr 24 Stunden dauerte ein Tagesintervall, sondern im Mittel eine Stunde länger. Und die einzelnen Rhythmen begannen auseinanderzulaufen; so entkoppelte sich etwa die Schwankung der Körpertemperatur vom Schlaf-Wach-Rhythmus.

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Unser Körper braucht den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht also nicht, um Rhythmen zu erzeugen, wohl aber, um sie zu synchronisieren. Registriert wird der Hell-Dunkel-Takt von einem kleinen Hirnbereich im Hypothalamus, dem suprachiasmatischen Nucleus, der über dem Sehnerv liegt. Offenbar besitzt unser Körper eine ziemlich präzise innere Uhr.

Die Rätsel der gefühlten Zeit

Die Frage allerdings ist: Können wir unsere körpereigene Uhr auch ablesen? Jürgen Aschoff, der damals als Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie das Bunker-Experiment durchführte, bat dazu seine Versuchsteilnehmer, nach jeder (gefühlten) Stunde einen Knopf zu drücken. Und siehe da: Den abgeschotteten Probanden kam die eine Stunde höchst unterschiedlich lang vor. Manche drückten gar nur alle drei Stunden den Knopf. Daraus lässt sich folgern: Einerseits tickt unser Körper zuverlässig; andererseits entzieht sich diese innere Uhr unserer Wahrnehmung, unser Zeitgefühl trügt.

Dass die subjektive Zeitwahrnehmung eine ausgesprochen paradoxe Angelegenheit ist, erleben wir auch im Alltag immer wieder. An einem langweiligen Bürotag vergeht die Zeit oft quälend langsam; im Rückblick aber scheint die routinemäßig verbrachte Zeit dann kurz. In den Ferien dagegen fliegt die Zeit nur so dahin – in der Erinnerung wiederum können uns die Tage am Meer beinahe endlos erscheinen.

Die israelische Forscherin Dinah Avni-Babad hat diesen Effekt genauer studiert. Den von ihr untersuchten Touristen kamen besonders die ersten Ferientage im Rückblick lang vor; die letzten Tage – die schon zum Alltag geworden waren – erschienen ihnen dagegen viel kürzer.

»Wenn wir viel Neues erleben, vergeht die Zeit für uns sehr schnell«, erklärt der Zeitforscher und Psychologe Marc Wittmann. »In der Rückschau erinnern wir uns dann an all diese Ereignisse. Deshalb erscheint uns die Zeit im Nachhinein lang.« Wenn wir uns dann im Laufe eines Urlaubs an die neue Umgebung gewöhnen, kehrt der Effekt sich um.

Und was für die Ferien gilt, gilt auch für das ganze Leben: Ältere Menschen haben den Eindruck, die Zeit vergehe schneller. Wittmann, der am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg arbeitet, hat dazu 500 Österreicher und Deutsche befragt. Je älter die Teilnehmer waren, desto kürzer erschien ihnen das gerade vergangene Lebensjahrzehnt. Erst nach dem 60. Geburtstag blieb das subjektive Zeitempfinden einigermaßen stabil. »Neuartige Erlebnisse dehnen im Rückblick die Zeit«, erklärt der Psychologe. »Vor allem solche, die mit großen Gefühlen verbunden sind.« Die sind in jungen Jahren nun mal häufiger: der erste Schultag, der erste Sprung vom Dreimeterbrett, der erste Kuss.

Wittmann hat zwei Hauptfaktoren für unser Zeitempfinden ausgemacht: In der Rückschau sind es unsere Erinnerungen. Während des Erlebens ist es die Aufmerksamkeit. »Wenn man ganz stark auf die Zeit achtet, zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt, dann scheint sie überhaupt nicht zu vergehen«, sagt der Forscher. »Aber wenn man sich völlig auf eine bestimmte Tätigkeit konzentriert, etwa aufs Musikmachen in der Band, dann verfliegt sie geradezu.«

Vor allem die Körperwahrnehmung habe einen Einfluss auf unser Zeitgefühl, meint Wittmann. Wer wenig auf sich selbst achte, habe leichter das Gefühl, keine Zeit zu haben. Außerdem kommen hier noch unsere Emotionen ins Spiel: Wenn wir aufgeregt sind, zum Beispiel in Glücksmomenten und Gefahrensituationen, beschleunigt sich unser Puls. Wir ticken innerlich schneller. Und schon kommt uns die Zeit länger vor.

So berichten Menschen, die etwa einen Absturz in den Bergen überlebt haben, dass sich während des Falls die Zeit für sie dehnte. Auch impulsive, ängstliche oder depressive Menschen überschätzen Zeitspannen leicht, weil sie gefühlsmäßig stark erregt sind – oder sich sehr auf sich selbst konzentrieren.

In der Meditation wiederum lässt die Konzentration auf das Atmen die Zeit subjektiv langsamer vergehen. »Für sehr erfahrene Meditierende löst sie sich ganz auf«, erzählt Wittmann. »Dann entsteht echte Zeitlosigkeit.«

Gemeinhin kommen wir mit der Kombination aus zuverlässiger Körperuhr und subjektivem Zeitempfinden ganz gut zurecht. Probleme treten erst auf, wenn das innere Ticken aus dem Takt gerät. Dann ahnen wir, wie wichtig die inneren Taktgeber sind.

Leserkommentare
  1. 1. danke

    für dieses interessante Thema.

    So berichten Menschen, die etwa einen Absturz in den Bergen überlebt haben, dass sich während des Falls die Zeit für sie dehnte.

    Der Köper steht unter hoher Anspannung, Geschehnisse im Jetzt werden intensiver Wahrgenommen. Die daraus entstehende Relation zur "normalen Wahrnehmung" erzeugt die Illusion gedehnter Zeit.

    In der Meditation wiederum lässt die Konzentration auf das Atmen die Zeit subjektiv langsamer vergehen.

    Das Gegenteil hoher Anspannung, aber mit gleichem Effekt.
    Dieses Gegenteil, ein Zeitraum in dem versucht wird das wenige Geschehen intensiv wahrzunehmen, wird einzig aufgrund der Anzahl wahrzunehmender Geschehnisse dem
    Begriff "langsamer" zugeordnet.

    Gedehnte Zeit und langsame Zeit sind somit hoch subjektive Konstrukte einer schlichten Zuordnung, da der Synchronistationsfaktor Erdfrequenz jeweils unverändert ist.

    Als Träumer neige ich zur These, dass ein unbewußtes Ausblenden von Zeit, Teil eines "Jungbrunnens" darstellt.
    Viele Menschen, die selbst in hohem Alter eine herzerfrischende Jugend austrahlen, haben in Ihrem, meist kreativen, Tun die Zeit ausgeblendet.
    Es muß einen nachweisbaren Zusammenhang geben.

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    • lyriost
    • 20. Dezember 2012 8:19 Uhr

    Schon Einstein wußte: Eine mit einer heißen Frau verbrachte Stunde erscheint uns relativ kurz, eine Minute auf einer heißen Herdplatte dagegen relativ lang.

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    der Mensch hat eine nicht vernachlässigbare Gefühlsdiskrepanz zwischen Schönem und Schrecklichem?

    Das wäre ja ganz schön schrecklich.

  2. der Mensch hat eine nicht vernachlässigbare Gefühlsdiskrepanz zwischen Schönem und Schrecklichem?

    Das wäre ja ganz schön schrecklich.

  3. Hier werden ellenlange Artikel geschrieben, ohne das "key word" Zeit erstmal zu definieren.
    Denjenigen, der mir Zeit definieren kann, schlage ich für den Friedensnobelpreis in Physik vor.

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    den musste ich einfach loswerden!

    Zeit ist eine Dimension, die der materiellen Welt ihren Rahmen gibt. Ohne Zeit kein Raum und umgekehrt. Die Klassifizierung der Zeit wie wir sie kennen als Sekunden, Stunden usw. ist eine Hilfsgröße, erschaffen durch uns um sie greifbar zu machen. Diese Art der Einteilung begründet sich auf dem Abstand von der Erde zur Sonne und der Dauer einer Erdumdrehung. Letzlich reine Geometrie. Würden wir auf dem Jupiter leben, sähe dies ganz anders aus. Unser Tag hätte so um die 5h, was bedeutet dass wir am Ende viel älter würden weil ja auch die Tage so verfliegen. Ergo wir bräuchten Sekunden mit einer kleineren Taktzeit und nen anderen Biorythmus.

    Schlägst Du mich nun vor? :)

    ... lesen Sie doch mal von Manuel DeLanda Intensive Science and Virtual Philosophy (2002, Continuum).

    Hier werden ellenlange Artikel geschrieben, ohne das "key word" Zeit erstmal zu definieren.

    Es besteht eine objektive Notwendigkeit, über Zeit zu sprechen, auch ohne sie restlos begreifen und definieren zu können. Wenn Sie am Bahnschalter fragen "wann geht der Zug nach Frankfurt", und der Servicemitarbeiter fängt anstelle einer Antwort an, Sie mit dem Wesen der Zeit zu belämmern, dann landet der (falls er das dauernd macht) zumindest beim Arbeitsamt. Wenn nicht gleich in der Geschlossenen.

    • lyriost
    • 20. Dezember 2012 8:49 Uhr

    Man muß Zeit haben, um sich die Zeit nehmen zu können, über die Zeit nachzudenken und darüber, was es heißt, Zeit zu haben oder sich Zeit zu nehmen. Meistens haben wir jedoch keine Zeit für die Zeit, weil wir uns mit der siebten Wiederholung der sechsten Folge von irgendwas beschäftigen: dem Zeitgeschmack entsprechend.

  4. den musste ich einfach loswerden!

    Zeit ist eine Dimension, die der materiellen Welt ihren Rahmen gibt. Ohne Zeit kein Raum und umgekehrt. Die Klassifizierung der Zeit wie wir sie kennen als Sekunden, Stunden usw. ist eine Hilfsgröße, erschaffen durch uns um sie greifbar zu machen. Diese Art der Einteilung begründet sich auf dem Abstand von der Erde zur Sonne und der Dauer einer Erdumdrehung. Letzlich reine Geometrie. Würden wir auf dem Jupiter leben, sähe dies ganz anders aus. Unser Tag hätte so um die 5h, was bedeutet dass wir am Ende viel älter würden weil ja auch die Tage so verfliegen. Ergo wir bräuchten Sekunden mit einer kleineren Taktzeit und nen anderen Biorythmus.

    Schlägst Du mich nun vor? :)

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    Antwort auf "Was ist Zeit?"
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    ...ist Zeit eine geometrische Größe.
    Sie ist eine Theorie, oder Teil einer Theorie, von Menschen erfunden.
    Ob es sie wirklich gibt, weiss niemand.

  5. nannte man das auch, für alle nachvollziehbar, "Schlüsselwort". Früher halt.

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